Passt der Islam zu Deutschland? fragt die aktuelle Ausgabe des Magazins Focus in mehreren Beiträgen
Passt der Islam zu Deutschland? fragt die aktuelle Ausgabe des Magazins Focus in mehreren Beiträgen

Focus-Titelthema: Passt der Islam zu Deutschland?

Der Islam in Deutschland erfährt derzeit einen Prozess der Erneuerung. Diese These wird im Titelthema der aktuellen Ausagbe des Magazins Focus aufgestellt. Mehrere Beiträge behandeln die Frage: Passt der Islam zu Deutschland?

Als gutes Beispiel für einen Vertreter eines modernen Islam wird Mouhanad Khorchide dargestellt. Er ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. Für manche Muslime und Politiker gelte der 43-jährige Wissenschaftler als große Hoffnung: „ein Muslim, der endlich das theologische Fundament eines aufgeklärten Islam legt.“

Diese neue Bewegung wolle auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ausdrücklich unterstützen. Gegenüber Focus sagte der EKD- Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: „Professor Khorchide ist eine wichtige Stimme der noch jungen Disziplin islamischer Theologie an deutschen Universitäten, wie es sie inzwischen in Münster, aber etwa auch in Erlangen, Nürnberg, Frankfurt oder Hamburg gibt.“ Er fordert: „Wir müssen diejenigen Muslime stärken, die ihre eigene Religion im Kontext von Demokratie und Pluralität weiterentwickeln wollen, statt immer nur ihre Defizite zu sehen.“

Konservative Islamverbandsvertreter hingegen sehen Khorchide als Unruhestifter, als Blender, als Verräter der richtigen Lehre. Denn Khorchide sagt manche für Muslime unbequeme Sätze. Im Gespräch mit Focus sagt der Islamwissenschaftler: „Wer meint,‚Gewalt hat nichts mit dem Islam zu tun‘, der macht es sich zu einfach. Islamistische Täter in Paris und anderswo berufen sich ja auf Positionen, die im Islam vorhanden sind. Und sie berufen sich nicht immer auf Randpositionen, sondern auf Inhalte des Mainstream-Islam.“ Derzeit zerbreche die Illusion, die Führer der deutschen Islamverbände seien die natürlichen Sprecher der vier Millionen Muslime in Deutschland. „Spätestens nach ihrer missglückten, miserabel besuchten Solidaritätskundgebung für die Opfer von Paris am Brandenburger Tor weiß die Öffentlichkeit, wie geltungssüchtig und kleinkariert sich viele einflussreiche Islamverbandsführer verhalten.“

„Der Islam braucht Selbstkritik“

Nach den Anschlägen von Paris erklärten fünf muslimische Islamforscher: „Freiheit bedeutet nicht nur die eigene Religionsfreiheit, sondern, eben auch die Freiheit der anderen, die es auch dort zu verteidigen gilt, wo sie im Widerspruch zu den eigenen Überzeugungen steht.“ Der Ditib-Funktionär Bekir Alboga bekräftigt gegenüber Focus: „Inhaltlich stehen wir alle zur Meinungsfreiheit.“ Auch an dem aufklärerischen Manifest der Frankfurter Islamgelehrten will er nichts kritisieren. „Was diese Wissenschaftler schreiben“, versichert er, „setzen wir in die Praxis um.“

Das Magazin stellt zudem drei Muslime vor, die sich einig sind: Der Islam braucht Selbstkritik.

Das Heft sprach mit dem Kölner Publizisten Eren Güvercin, dem Frankfurter Manager Mehmet A. Celebi und dem Journalisten Sulaiman Wilms, dem Chefredakteur der „Islamischen Zeitung“. Güvercin ist überzeugt: „Es gibt längst einen deutschen Islam, der Teil des Hier und Heute ist. Aber ihn inhaltlich zu definieren ist zuallererst die Aufgabe der Muslime selbst und nicht der Politik.“ In der Vergangenheit seien viele Fehlentwicklungen durch eine falsche Brüderlichkeit zugedeckt worden. „Da brauchen wir eine knallharte Auseinandersetzung mit ideologischen Strömungen wie dem Wahhabismus und Salafismus.“ Man dürfe das Phänomen von aggressiven Jugendlichen nicht ignorieren. „Die pöbeln ja auch Muslime an. Aber der überwiegende Teil der hier lebenden Muslime ist sehr verbürgerlicht. Die passen sich ihrem deutschen Umfeld an .“

Celebi warnt, dass die salafistische Szene eine Antwort aus einem innerislamischen Diskurs erfordere. „Die überwältigende Mehrheit der Muslime folgt diesen Strömungen nicht.“ Er fordert: „Wir müssen nicht nur eine gemeinsame Antwort finden, sondern auch aktiv auf die Öffentlichkeit und die Medien zugehen.“ Wilms sagt: „Den Satz ‚Der Islam hat nichts mit Gewalt zu tun‘ werden Sie in unserer Zeitung so nicht finden.“ Er finde es zudem „verheerend“, wenn Salafisten in Talkshows eingeladen werden. „Salafistische Prediger wie Pierre Vogel sprechen, wenn überhaupt, für vielleicht 5.000 Salafisten in Deutschland. In diesem Land leben aber vier Millionen Muslime.“

„Problem des Islamismus schon lange bekannt“

Die Herausgeberin des Magazins Emma, Alice Schwarzer, sieht es in einem Gastbeitrag als einen Fehler an, den Islamismus als religiöse und nicht als politische Bewegung zu behandeln. „Denn die Menschen muslimischer Herkunft in unserem Land bilden keine Religionsgemeinschaft, sondern bestenfalls eine Schicksalsgemeinschaft.“

Die Gefahr des Islamismus gebe es schon lange, doch erst jetzt sei die Verwunderung groß, meint Schwarzer. „Obwohl der Verfassungsschutz schon 2001 vor den radikalen Islamisten als ‚Gefahr Nr. 1‘ warnte, wird deren Agitation im Herzen von Europa bis heute nicht wirklich ernst genommen.“ Die Journalistin kritisiert: „Ausgerechnet die Repräsentanten der muslimischen Verbände gelten noch immer als bevorzugte ‚Dialogpartner‘ von Politik und Kirchen. Dabei sind diese Verbände stark konservativ bis islamistisch und repräsentieren nur eine verschwindende Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime.“

Sie kritisiert zudem die Rolle der Frau im strengen Islam: „Die Frauen kommen kaum aus dem Haus und sprechen kein Deutsch – das ist bei denen nun mal so. Die Mädchen werden separiert von den Jungen – das ist bei denen nun mal so. Der Vater erwürgt die Tochter, weil sie in der Disco war oder einen Freund hat – andere Länder, andere Sitten. Doch wir sind in unserem Land, in einem demokratischen Rechtsstaat, der allen Menschen gleiche Chancen und Rechte gewährt, auch unabhängig vom Geschlecht.“

„Muslime, wo bleibt euer Aufschrei?“

Ein weiterer Beitrag stellt die These auf: „Die Organisationsstruktur der Muslime macht den Dialog kompliziert“ und versucht, eine Übersicht über die zahlreichen muslimischen Verbände in Deutschland zu geben.

Der israelisch- amerikanische Autor Tuvia Tenenbom fragt in seinem Beitrag: Muslime, wo bleibt euer Aufschrei? „Der heutige Islam geht durch eine Phase des Extremismus, die an die Zeit der Kreuzfahrer erinnert. Und keiner von uns kann das ignorieren.“ Er ist allerdings überzeugt: „Der Zustand des heutigen Islam ist auch die direkte Folge der heuchlerischen Politik westlicher Regierungen. Sie tragen die meiste Schuld dafür, dass sich die gemäßigten Muslime von gestern in die Fanatiker von heute verwandelt haben.“ (pro)

Von: js

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