Meinung

Familienaufstellung mit dem Tod

Da ist kaum ein schweres Thema, das der Berlinale-Film „Sterben“ nicht anrührt: Krankheit, Alkoholismus, Abtreibung oder Sterbehilfe. Doch am Ende erzählt er vor allem von der Sehnsucht seiner Protagonisten nach Liebe und Lebenssinn.
Von Anna Lutz

Gestorben wird in Matthias Glasners neuem Film viel: Da wäre zunächst Vater Gerd Lunies (Hans-Uwe Bauer). Er ist dement, selten noch wirklich bei der Sache, duscht mit Kleidung, verlässt aber ohne Hosen das Haus. Sein Ende ist schon zu Beginn des dreistündigen Familiendramas, das erstaunlich humorig daherkommt, deutlich absehbar. Schließlich zieht er in ein Heim, wo ihm eine Lungenentzündung den Rest gibt. 

Lissy Lunies (Corinna Harfouch) ist, das zeigt der Regisseur dem Zuschauer gleich in der Anfangsszene, ebenfalls nicht mehr auf der Höhe. Sie geht am Stock, kann ihren Stuhlgang nicht mehr kontrollieren, erleidet im Lauf des Films einen Herzinfarkt, kümmert sich aber neben ihren eigenen Problemen noch um ihren stets nackt flüchtenden Ehemann – so gut sie es eben vermag. Mit ihren Schwächen geht sie geradezu herzlos um. Nur nicht jammern, niemals um Hilfe bitten. Dabei ist auch sie todkrank, die Nieren versagen, ihr Diabetes wird immer schlimmer, das Herz, kurz: Sie hat nicht mehr lange. 

Fast gänzlich unberührt vom Schicksal der Eltern kommt Dirigent Tom Lunies (Lars Eidinger) daher. Er muss ein Stück seines depressiven Freundes Bernard (Robert Gwisdek) auf die Bühne bringen, das den Titel trägt, nach dem der Film benannt ist: „Sterben“. Das Leid der Eltern tastet ihn kaum an, denn sein eigenes Leben ist anstrengend genug. Ständig muss er die gewaltvollen Ausraster Bernards und dessen suizidale Tiefs auffangen. Seine Ex-Freundin Liv (Anna Bederke) steht zudem kurz vor der Geburt und hat Tom als Ziehvater auserkoren, denn den biologischen Vater kann sie nicht ausstehen. 

Elli (Lilith Stangenberg) im Rausch

Als vierte im Familienbunde lernt der Zuschauer recht spät im Film Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg) kennen. Die Zahnarzthelferin lebt stets am Abgrund, betrinkt sich täglich und erwacht auch mal in einem Hotelzimmer jenseits der deutschen Grenzen – natürlich ohne sich daran zu erinnern, wie sie dort gelandet sein könnte. Zu allem Überfluss beginnt sie eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten, dem Zahnarzt Sebastian (Ronald Zehrfeld), der sich kurz von ihrer Sucht nach Rausch mitziehen lässt, dann aber doch zu seiner Familie zurückkehrt. 

180 Minuten, keine Sekunde Langeweile

Soweit also die Zusammenfassung des Einstiegsplots und dabei wird bereits klar: Es ist kein Wunder, dass Glasner seinem Film 180 Minuten Zeit gönnt. Bemerkenswert ist eher, dass keine Sekunde langweilig ist. Denn „Sterben“ erzählt zwar von selbigem, vor allem ist er aber ein Film über eine Familie, in der keiner so recht mit dem anderen kann. Und darüber, wie sich Vater, Mutter und Kinder doch gegenseitig prägen und ihre Leben auch dann beeinflussen, wenn sie eigentlich geflissentlich Abstand voneinander halten wollen. 

Emotionale Kälte beim Leichenschmaus: Lissy und Tom

Unvergesslich und mimisch genial ist etwa eine Szene, in der Mutter und Sohn, Harfouch und Eidinger also, nach der Beerdigung des Vaters zu zweit am Esstisch sitzen. Die Mutter berichtet ihrem Sohn davon, dass sie nicht mehr lange zu leben habe, er ist zuerst sprachlos, dann wütend, denn es solle doch an diesem Tag um den Verstorbenen gehen und nicht um die bald Sterbende. So geraten die beiden in ein bis dato offenbar einzigartiges Gespräch über ihre Beziehung. Mit minimalstem Minenspiel werfen sich die beiden minutenlang tiefe Kränkungen und Gemeinheiten entgegen, niemand scheint zunächst gerührt und doch sind beide tief betroffen. Denn sie erkennen: Diese Familie ist kaputt. Sie ist emotional arm. Es mangelt an Liebe. Und doch gehört sie wie Puzzleteile unabänderlich zusammen, sonst stimmt das Bild am Ende nicht.

„Sterben“ ist ein Familienpsychogramm. Der Film zeigt, wie Kindheit prägt, besonders wenn es in ihr an Liebe mangelt, und erzählt die traurige Geschichte älter werdender Eltern, die von ihren Angehörigen hinter sich gelassen werden. 

Abtreibung, Sterbehilfe, Pflegenotstand

Zugleich gelingt es Glasner, derzeit politisch heiß diskutierte Themen unterzubringen. Es geht um Sterbehilfe, als der depressive Bernard beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen und Freund Tom um Mithilfe bittet. Es geht um Schwangerschaftsabbrüche, als klar wird, dass Toms Exfreundin Liv einst ein Kind abgetrieben hat und sich daran jahrelang emotional abarbeitete. Es geht um alternative Formen des Zusammenlebens, als Liv Tom als Zweitvater ihres Kindes installieren will, die beiden Männer aber mehr konkurrieren, als zusammenarbeiten. Wunderbar jene Szene, in der sie die kleine Tochter füttern und in einen Wettkampf darüber geraten, wessen Brei sie wohl am liebsten verspeisen mag. 

Es geht um Pflegenotstand, als die Krankenkasse Toms Mutter keine höhere Pflegestufe genehmigen will. Es geht um Einsamkeit im Alter, als Gerd Lunies allein und orientierungslos im Zimmer des Heims hin und her wandert und nicht weiß, was er dort mit sich anstellen soll. Es geht um die Sehnsucht nach echtem Leben, wenn Ellen im Vollrausch auf einer Berliner Straße im Regen steht und mit geschlossenen Augen krächzig singt. Es geht um die Sprachlosigkeit dieser Zeit im Angesicht des Todes, wenn Lissy bei der Beerdigung ihres Mannes nichts zu sagen weiß außer: „Du warst einer von den Guten.“

Was ist zu sagen, im Angesicht des Todes? Lissy (Corinna Harfouch) bei der Beisetzung ihres Mannes

Glasner ist es mit seinem neuen Film gelungen, einerseits lässig daherzukommen, andererseits aber Tiefen und Abseitigkeiten des Lebens zu zeigen, die so gut wie jeden betreffen. Denn wessen Familie ist schon makellos? Und wessen Lebensentwurf ist es? Dabei verkneift sich der Regisseur Antworten. Er beschränkt sich aufs Aufzeigen. Das mag auch daran liegen, dass der Film zutiefst biografisch ist, so sehr, dass man im Abspann bei der Aufzählung der Darsteller liest: „Hans-Uwe Bauer als mein Vater“. 

Dieser Film mag vielleicht keinen goldenen Bären im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb bekommen. Aber er ist vielleicht so etwas wie dessen schlagendes – nicht sterbendes – Herz.

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