Kriegsreporter müssen oft abwägen, ob sie sich für ein gutes Bild oder einen Text in Gefahr begeben wollen oder nicht
Kriegsreporter müssen oft abwägen, ob sie sich für ein gutes Bild oder einen Text in Gefahr begeben wollen oder nicht

Kriegsreporter: „So nah wie möglich an der Wirklichkeit“

Seit der Ermordung von zwei amerikanischen Reportern im Irak fühlen sich Journalisten in Kriegsgebieten oft bedroht und verfolgt. Im aktuellen Spiegel erzählen sechs Reporter, wie sie ihre Situation in Krisengebieten empfinden.

Ashwin Raman ist Inder. Der Filmemacher, der unter anderem für die ARD arbeitet, ist froh über seine dunkle Hautfarbe. „Wenn ich beispielsweise in Afghanistan bin, merkt erstmal niemand, dass ich kein Einheimischer bin“, sagt er. Kriegsreportage habe sich zu einem „Abenteuersport“ entwickelt, kritisiert er. Regelmäßig erhalte er Anfragen von Kollegen, die mit ihm nach Somalia und in den Irak reisen wollten, um durch spektakuläre Bilder berühmt zu werden. Raman hingegen suchte nie die Gefahr. Er wollte über den Alltag der Menschen in Krisengebieten berichten. „Im Irak fand einmal eine Enthauptung vor meiner Kamera statt. Ich habe mich geweigert, die Szene zu filmen“, sagt er.

Der Videoreporter arbeitet stets allein, das verschaffe ihm Bewegungsfreiheit. Als er vor knapp drei Jahren mit einem Kollegen in Somalia zusammen arbeitete, sei dieser von Piraten entführt worden. „Seitdem versuche ich gemeinsam mit seiner Familie, ihn freizubekommen.“ Seine Frau belaste Ramans Job sehr. Er telefoniert jeden Abend mit ihr, egal wo er sich aufhält. Sie wisse, dass er kein „Irrer“ sei, der für eine Story sein Leben aufs Spiel setze. Eine Qual seien seine Reisen für sie trotzdem.

„Der einzige Schutz ist ihr Verstand“

Gegen den Begriff „Kriegsreporter“ wehrt sich Martin Chulov, Korrespondent für den britischen Guardian. „Was würde es über mich als Mensch aussagen, wenn ich erpicht darauf wäre, Zerstörung und Tod zu sehen?“, fragt er. In Gaza gebe es im Gegensatz zu Aleppo in Syrien oder Homs im Irak noch relativ sichere Orte für Journalisten. In Syrien und im Irak „kennt die Brutalität keine Grenzen“. Er kenne Reporter, die unter anderem in Syrien in Gefangenschaft säßen. Es sei zudem schwer, auf eigene Faust und ohne Unterstützung einer Heimatredaktion zu arbeiten.

Diese Reporter jagten den Sensationen und Bildern hinterher, um ihre Bilder zu verkaufen. „Der einzige Schutz, den sie dabei haben, ist ihr Verstand“, sagt der Korrespondent. Er selbst wäge immer ab, ob sich das Risiko für seine Geschichte lohne. Chulov geht es um den journalistischen Mehrwert. Trotz der Gefahr will er seinem Job treu bleiben. Für ihn ist mit der Aufgabe als Korrespondent die Verantwortung verbunden, „an der Zukunft mitzuwirken“.

„Es hätte auch mich treffen können“

Die Niederländerin Minka Nijhus arbeitet als freie Journalistin in verschiedenen Krisengebieten. Sie empfindet es als Vorteil, eine Frau zu sein und für Printmedien zu arbeiten. „Ich kann mich kleiden wie eine Einheimische. [...] Ich muss keine Kameras mit mir herumtragen, ich bin schwer von einer normalen Zivilistin zu unterscheiden“, sagt sie. Sie lerne Menschen oft in Extremsituationen kennen, zum Beispiel einen 27-Jährigen, der in Aleppo nachts Verletzte von der Straße rette. Dass sie ledig sei und keine Kinder habe, erleichtere ihren Job. Hätte sie eine Familie, würde sie riskante Aufträge nicht annehmen. Im Gegensatz zu Chulov fühlt sich Nijhus unsicherer als vor einigen Jahren. Die Gefahr, entführt zu werden, sei gestiegen. Sie empfindet sich als „Beuteziel“ und als „Trophäe“.

Der ARD-Reporter Stefan Buchen hatte Kontakt zu dem inzwischen ermordeten James Foley, kurz vor dessen Entführung durch den IS im Jahr 2012. Zusammen mit ihm wollte er einen Film für die ARD drehen. Ein Treffen war schon geplant. Dann sei jedoch der E-Mail-Kontakt zu Foley abgebrochen. „Ich weiß, es hätte auch mich treffen können. Das ist ein furchtbarer Gedanke“, sagt Buchen. Auch er empfindet eine größere Gefahr als noch vor einigen Jahren: „Wie die (sic!) IS Journalisten als Feinde betrachtet, als Geiseln nimmt und ermordet, das hat eine neue Qualität.“ Die Morde an den US-Reportern hätten es unmöglich gemacht, in den Nordirak zu reisen. Die Konsequenz sei, dass kaum einer wisse, was dort geschehe.

„Auf meine Angst kann ich mich verlassen“

Den Spiegel-Reporter Christoph Reuter treibt die Suche nach der Wahrheit an. Seine Recherchen seien „forensische Erkundigungen“. Reuter sucht Zeugen vor Ort, Belege für die Ereignisse und beobachtet, ob die Zeugen ungestört reden können und ob ihm bei der Recherche Vertuschungs-Versuche begegnen. „Oft sind es die Details, die klären, welche Version eines Geschehens stimmt“, sagt er. Wenn keine Reporter mehr in die Kriegsgebiete reisten, lasse sich die Echtheit von Bildern und Aussagen nicht mehr überprüfen. „Es geht darum, der Wirklichkeit so nahe wie möglich zu kommen“, erklärt er.

Dem Fotografen und Filmemacher Marcel Mettelsiefen hilft seine Angst bei der Einschätzung gefährlicher Situationen. „Auf meine Angst kann ich mich verlassen. Wenn die Möglichkeit besteht, dass ich irgendwo nicht lebend herauskomme, gehe ich da nicht hin“, sagt er. Einen Auftrag lässt er dann schon mal unerfüllt, wie 2012 in Syrien. Als ihn die Einheimischen warnten, weiter zur belagerten Stadt Deir al-Sor vorzudringen, brach er seinen Auftrag ab. „Die Redaktion, die mich hingeschickt hatte, bekam dann eben keine Bilder“, sagt er. (pro)

Von: sz

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