Warum halten manche Menschen Homosexualität für eine Krankheit? Das will der schwule NDR-Reporter Christian Deker in einem Beitrag herausfinden. Antworten gibt er allerdings keine
Warum halten manche Menschen Homosexualität für eine Krankheit? Das will der schwule NDR-Reporter Christian Deker in einem Beitrag herausfinden. Antworten gibt er allerdings keine

Keine Angst vor „Homo-Heilern“

Ist Homosexualität heilbar? Der schwule NDR-Reporter Christian Deker geht dieser Frage in einer Sendung nach und versucht einen Selbsttest. Konsequent ist er dabei nicht. Christen erscheinen in einem fragwürdigen Licht. Eine TV-Kritik von Jonathan Steinert

Der nach eigener Aussage schwule NDR-Reporter Christian Deker stellt im am Dienstag ausgestrahlten Beitrag „Die Schwulenheiler“ für die Sendung Panorama die Frage: „Warum halten mich Menschen für krank?“ Dafür besucht er unter anderem einen Heilungsgottesdienst des Hamburger Arztes Arne Elsen in einer charismatischen Freikirche, den er mit versteckter Kamera filmt. Beim Heilungsgebet lässt er sich segnen und bekommt den Rat, jeden Tag zehn Minuten zu beten, um seine homosexuelle Orientierung abzulegen.

Später sucht Deker den gläubigen Arzt in dessen Praxis unter dem Vorwand auf, seine Homosexualität behandeln lassen zu wollen. Auch hier filmt er mit versteckter Kamera seine Behandlung. Die besteht darin, dass Elsen seinem Pseudo-Patienten den „Geist der Homosexualität“ mit Gebet und Handauflegung austreibt. Danach „versiegelt“ er die möglichen Eintrittsstellen mit Öl. Ein Geist sei laut Elsen tatsächlich entwichen – Deker habe jedoch nichts davon gespürt. Das Gespräch zwischen den beiden wird im Beitrag als Gedächtnisprotokoll wiedergegeben. Für ein späteres Interview habe Elsen nicht zur Verfügung gestanden.

Warum der Journalist seinen Selbstversuch mit versteckter Kamera filmt, Gottesdienst und Behandlung nicht offen aufzeichnet, ist unklar. Möglich, dass sich die Beteiligten dann anders verhalten hätten. Aber so umweht die hier gezeigten Christen durch die wackligen, verschwommenen, schemenhaften Filmschnipsel automatisch der Hauch des Unheimlichen, als hätten sie etwas zu verbergen, was das „Opfer“ ihrer Therapien heimlich und unter größtem Risiko aufdecken müsste. Abgesehen davon wirft aber auch die Herangehensweise Elsens einige Fragen auf. Denn wenn Homosexualität nur als Besessenheit verstanden wird, entbehrt dies jeder Grundlage, um sich mit diesem Thema argumentativ oder wissenschaftlich auseinanderzusetzen.

Es geht nicht ums Verstehen

Auch bei einem weiteren Arzt, diesmal in Dresden, gibt sich Deker als Patient aus, der seine sexuelle Orientierung ändern möchte – wieder mit versteckter Kamera. Der Arzt gelte in „streng gläubigen Kreisen“ als Geheimtipp in Sachen „Umpolung“. Er bietet dem Journalisten eine Psychotherapie an. Nach dem Besuch empört sich Deker in die Kamera: „Das ist unfassbar gewesen. […] Der hält Homosexualität komplett für therapierbar.“ Aber warum das Entsetzen? Was hat Deker denn sonst erwartet, wenn er einen Arzt aufsucht, der solche Therapien anbietet? Es ist eine große Schwäche des Beitrags, dass Deker vorgeblich als Homosexueller Hilfe sucht, sich aber dann darüber beschwert, dass er welche bekommt. Auf diese Weise konterkariert er seine eingangs formulierte Absicht, verstehen zu wollen, warum manche Menschen Homosexualität für eine Krankheit halten. Denn ums Verstehen geht es in dem Beitrag nicht. Deker spricht auch mit einem schwulen Mann, der wegen einer „Umpolungstherapie“ unter Selbstmordgedanken litt. Es kommt allerdings niemand zu Wort, der tatsächlich durch eine Therapie seine sexuelle Orientierung geändert hat. Es wäre interessant und journalistisch vollständiger gewesen, auch dessen Motivation und Erfahrungen kennenzulernen. An mangelnden Beispielen wird es wohl kaum gelegen haben, denn es gibt sie.

Wo bleibt der Respekt?

Neben der Frage, ob Therapien von Homosexuellen von Krankenkassen bezahlt werden und warum Schwule und Lesben kein Knochenmark spenden dürfen, beleuchtet der Beitrag auch, dass homosexuelle Handlungen bis in die 1960er Jahre als Unzucht strafrechtlich verfolgt wurden. Das ist erschütternd. Gut, dass dies heute nicht mehr so ist. Erschreckend ist jedoch, wie undifferenziert Kritiker von Homosexualität heute noch ihre Meinung äußern. Deker fragte Demonstranten gegen den baden-württembergischen Bildungsplan nach ihrer Auffassung zu Homosexualität. „Wir finden das ekelerregend und das ist natürlich in uns so angelegt“, sagt eine Frau. Diese Menschen seien „abnorm geartet“, eine andere. Dass dies verletzend sein kann, scheint ihnen nicht aufzufallen.

Wirkliche Antworten gibt der Beitrag nicht. Der Zuschauer erfährt vor allem, falls er es noch nicht wusste, dass es Menschen gibt, die Homosexualität als Krankheit oder psychische Störung und damit als therapierbar betrachten. Und dass es Menschen gibt, die genau das nicht glauben und erotische Liebe zwischen Frauen oder zwischen Männern für völlig normal halten.

Der Beitrag liefert keine Hintergründe, differenzierte wissenschaftliche Fakten oder handfeste Argumente, um sich mit der Frage ernsthaft auseinanderzusetzen. Er will vor allem betroffen machen: Darüber, dass es in einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Menschen gibt, die Homosexualität nicht als natürlich ansehen – als ob diese den Anschluss an die Realität verpasst hätten und potenziell gefährlich wären. Dabei vergisst der Autor, dass sich Pluralität gerade durch verschiedene Meinungen auszeichnet. Wer eine Anti-Homosexualitäts-Haltung hat, sollte sich aber ebenso fragen lassen, warum. „Ich finde es ekelhaft“, ist keine Begründung und erst recht kein liebe- und respektvoller Umgang mit Menschen, die homosexuell empfinden. (pro)

Von: JSt

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