Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, greift in der F.A.Z. Thilo Sarrazin erneut an, kritisiert aber zugleich den Mangel an Toleranz im Islam

Huber wünscht sich "Weiterentwicklungen des Islam"

Der Islam hat bis heute kein "überzeugendes Konzept der Toleranz" entwickelt. Das ist "eines der größten Integrationshemmnisse". Das schreibt der ehemalige Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, in einem Beitrag der Samstagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Huber, der von 1994 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und von 2003 bis 2009 EKD-Ratsvorsitzender war, plädiert in dem Beitrag für Regeln der  Zuwanderung. Die "weltweiten Verflechtungen und die besondere demographische Situation unseres Landes" ließen keine andere Wahl. Die Regeln der Zuwanderung müssten sich an den "wirtschaftlichen Notwendigkeiten" ausrichten. Notwendig sei die "Einsicht, dass wir in einem Einwanderungsland leben". Dessen Zustand sollte jedoch "ohne falsche Dramatisierungen, aber mit der notwendigen Nüchternheit" betrachtet werden.

Wichtige Einwanderergruppen hätten mittlerweile ein Bildungsniveau erreicht, das mit dem der deutschen Mehrheitsbevölkerung vergleichbar sei, so Huber. Dennoch sei festzustellen: "Die größten Integrationsdefizite zeigen sich bei Türken, Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien und Afrikanern." Ein "Katastrophenszenario" sei jedoch unangemessen. "Insbesondere ist es unangebracht, die großen Herausforderungen der deutschen Gesellschaft vorwiegend auf die Zuwanderung zurückzuführen." In einer "pessimistischen Stimmung" angesichts der umgedrehten Alterspyramide könne eine wachsende Migrationsbevölkerung schnell als Bedrohung wahrgenommen werden, warnt Huber. "Dass der Anteil an Kindern ausländischer Herkunft in Grundschulen weit höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung, erfüllt viele Deutsche mit Sorge." Doch ein "Sündenbockmechanismus" führe in die Irre.

Sarrazins These mit christlichem Menschenbild unvereinbar

Der "Respekt vor der gleichen Würde jedes Menschen" sei der Ausgangspunkt für den Umgang mit den Problemen einer Integrationsgesellschaft. "Der Gedanke der Egalität hat in Judentum und Christentum eine wichtige Wurzel. Wenn nun mit neuem Nachdruck gesagt wird, dass das Christentum und das Judentum 'zweifelsfrei zu Deutschland' gehören, dann geht es nicht so sehr um besondere kulturelle Ausprägungen der jüdisch-christlichen Tradition, sondern zuallererst um den universalistischen Kern der im Judentum wurzelnden christlichen Botschaft. Dieser Kern besteht darin, dass das Bekenntnis zu dem einen Gott sich mit einer universalistischen Anerkennung der Gottebenbildlichkeit und damit der gleichen Würde aller Menschen verbindet."

Im Blick auf das Menschenbild gelte: "Verschieden und doch gleich". Thilo Sarrazin habe diese Ebenbürtigkeit mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" "massiv in Zweifel" gezogen. Ein Zusammenhang zwischen genetisch bedingter Intelligenz und Schichtzugehörigkeit sei "nur marginal beeinflussbar". Weil Sarrazin weiten Regionen der Erde einen Mangel an Intelligenz zuschreibe, erkläre er Zuwanderung aus diesen Regionen für unerwünscht. "Dadurch erhält seine Argumentation eine ethnische Konnotation." Sarrazins Menschenbild passe nicht mit einem Bild vom Menschen als einer Person, die mit einer unantastbaren Würde ausgestattet ist, zusammen, so Huber. "Das christliche Menschenbild verlangt vielmehr, die in einem Menschen liegenden Begabungen und Chancen so gut wie möglich zu fördern und zur Entfaltung zu bringen. Genetisch bedingte Intelligenzunterschiede ändern an dieser Aufgabe genauso wenig wie sozial bedingte Nachteile in der familiären Förderung."

"Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht."

Gleichzeitig gibt Huber zu bedenken, dass es "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" nicht nur innerhalb der deutschen Gesellschaft gebe. "Auch Schüler deutscher Sprache und Herkunft bekommen es mit ihr in Klassenzimmern und auf Schulhöfen zu tun. 'Schweinefleischfresse' ist zu einem verbreiteten Schimpfwort geworden; wer 'Christian' heißt, kann Probleme mit muslimischen Mitschülern bekommen, weil in seinem Namen das Wort 'Christ' steckt." So etwas solle die Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass der Islam überlegen sei.

"Nur noch der Islam nimmt heute einen Absolutheitsanspruch für sich in Anspruch", so Huber. Was landläufig "Multikulti" genannt werde, begnüge sich oft nur mit einem bloßen Nebeneinander der Kulturen, kritisiert Huber. "Die Pflicht, die jeweilige Sprache zu lernen, entspringt gerade nicht der Erwartung einer kulturellen Unterwerfung, sondern dem universalistischen Prinzip, zur Kommunikation bereit zu sein."

Zum Thema Toleranz meint Huber: "Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht." Er fügt hinzu: "Wer die Freiheiten einer rechtsstaatlichen Ordnung in Anspruch nehmen will, ist aufgefordert, auch das Seine zur Bewahrung und Verteidigung dieser Freiheit beizutragen." Dazu gehöre auch die Religionsfreiheit. Es sei "auch für das interreligiöse Gespräch in Deutschland nicht gleichgültig, ob islamische Länder die Religionsfreiheit der Nicht-Muslime achten oder nicht".

Huber wünscht sich "Weiterentwicklungen des Islam". Denn bis heute habe der Islam "kein überzeugendes Konzept der Toleranz" entwickelt. Das wiederum sei "eines der größten Integrationshemmnisse". (pro)

Von: js

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