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Theologe besorgt um religiöse Substanz von Gottesdiensten

Der Theologieprofessor und Ökumene-Experte Reinhard Thöle mahnt, Gottesdienste nicht zu entkernen. Sie müssten mehr sein als ein ethischer Appell: Auch das Heilige gehöre dazu.
Abendmahlskelch und Bibel

Foto: chuttersnap/unsplash

Dass viele evangelische Gemeinden eher selten Abendmahl feiern, bedauert Reinhard Thöle. Das erschwere auch den Dialog mit anderen kirchlichen Konfessionen.

Der Theologieprofessor Reinhard Thöle beobachtet einen zunehmenden Verlust religiöser Substanz in evangelischen Gottesdiensten. „Ich habe den Eindruck, dass die religiöse Dimension des Gottesdienstes in eine moralische Dimension verengt wird“, sagte der Ostkirchenexperte dem Evangelischen Pressedienst (epd). In vielen Gottesdiensten stehe ein „moralischer Optimismus“ im Zentrum, ein Appell zum ethischen Handeln: „Das aber ist mir zu wenig.“

Der Gottesdienst sei in den letzten Jahrzehnten auch in den Kirchen immer mehr zu einer „Randerscheinung geworden, jedenfalls zu einer Veranstaltung, die ihren Charakter stark geändert hat“. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer hätten geradezu Angst vor dem Sakralen, dem Heiligen, fügte der emeritierte Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hinzu. Anstatt Wege zur Begegnung mit dem göttlichen Mysterium zu öffnen, böten viele Gemeinden nur noch gut gemeinte Kulturveranstaltungen an.

„Die religiöse Kategorie des Ehrfürchtigen wird zurückgefahren“, sagte Thöle. Stattdessen wolle man den Gottesdienst als „machbares Ereignis gestalten“. Informative, dekorative und emotionale Elemente stünden im Vordergrund. Doch Gottesdienst sei ein „religiöser Verwandlungsraum, in dem etwas passieren kann, wenn ich mich darauf einlasse“. Dazu gehöre auch das Bewusstmachen von Transzendenz und Jenseitigkeit.

Religiöses Erbe wird nicht-religiös vermittelt

Man wolle an „Versatzstücken einer Tradition festhalten, die anscheinend den Menschen früher mehr bedeutet haben“, sagte Thöle, der jüngst das Buch „Geheiligt werde dein Name. Christliche Gottesdienste zwischen Anbetung und Anbiederung“ (Tectum) veröffentlicht hat: „Darum versuchen die Predigten erklärungslastig zu retten, was am Christentum aufbewahrenswert scheint.“ Das religiöse Erbe solle „nicht-religiös an den Mann oder die Frau gebracht werden“. So werde der Gottesdienst zum religionspädagogischen Geschehen: „Ich sage euch, was andere Menschen über Gott gedacht haben.“

Viele Verantwortliche in den Kirchen vertrauten nicht mehr darauf, dass die ursprünglichen religiösen Formen Tragkraft haben, „auch ohne, dass sie erklärt oder verändert werden“, fügte der 1950 geborene Thöle hinzu. Die „ursprüngliche Krankheit“ sei, dass seit dem 19. Jahrhundert der protestantische Gottesdienst primär als „pädagogische Veranstaltung“, quasi als „Schulstunde“ verstanden werde.

Thöle bezeichnete es als Tragik, dass Protestanten kaum noch Abendmahl feiern, meist nur alle vier Wochen. Dieser Verlust des Abendmahls sei auch ökumenisch eine Tragödie. Damit werde der Dialog mit Kirchen erschwert, die jeden Sonntag Eucharistie feiern, wie etwa die katholische oder die Ostkirchen: „Das Sakramentale ist das Verbindlichere zwischen den Kirchen. Zeichenhaftigkeit ist immer verbindlicher als das gesprochene Wort.“

epd
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3 Antworten

  1. Mir wurde von IHM gezeigt welche Kraft im Abendmahl liegt. Für mich ist es ein Vergegenwärtigungsmahl kein Erinnerungsmahl, wenn ich das Brot esse, esse ich SEINEN Leib, wenn ich den Wein trinke, trinke ich SEIN Blut.
    Ich spüre SEINE Gegenwart, SEINE Vergebung und SEINE tiefe Liebe zu mir.

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  2. Ich bedaure auch diese Verschiebungen im evangelischen Gottesdienst. Auch wenn ich als Freikirchler nicht das Bedürfnis habe, jeden Sonntag Abendmahl zu feiern und mit Wandlung und so nichts anfangen kann, möchte ich nicht, dass Gottesdienste zur Kulturveranstaltung oder sozialpädagogischen Lehrveranstaltung verkommen. Die Anbetung Gottes und das Rechnen mit dem Wirken seines Geistes und die heilige Unterbrechung meines Alltags sind mir wichtig. Ich möchte weder nur belehrt noch nur unterhalten werden, sondern Gott begegnen, ermutigt, gestärkt und, wenn es sein soll, auch irritiert werden.

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  3. Nicht jeder, der ein geistliches Amt ausübt, ist von Jesus Christus zum Dienst berufen.
    Manch einer wollte Medizin, Jura usw. studieren und hat keinen Studienplatz bekommen und dann Theologie studiert.
    Bei anderen war das Motiv, dass man als Pfarrer nicht den Anforderungen und einer Aufsicht wie in einem Wirtschaftsunternehmen unterliegt…
    Andere wollten ein sicheres Einkommen und nichts für ihre Altersvorsorge einzahlen.

    Und wie viele Pfarrer glauben überhaupt an die Aussagen der Bibel?

    Informieren Sie sich auch mal über das Thema Mobbing in der Kirche!

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