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Nach dem Tod Gottes die Diesseits-Religion

Et­wa 85 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung bezeichnen sich als gläu­big. Mittlerweile können aber vor allem in Europa und in Deutschland viele Menschen nichts mehr mit Gott anfangen. Ein Leben ohne Religion wäre aber auch keine Lösung, findet Zeit-Redakteur Thomas Assheuer.
Von Johannes Blöcher-Weil
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Volle Kirche gehören - bis auf Weihnachten - schon lange der Vergangenheit an
Volle Kirche gehören – bis auf Weihnachten – vielerorts schon lange der Vergangenheit an

Die Kirche ist in den Schlagzeilen: Priester haben ihre Schutz­be­foh­le­nen fürs Le­ben geschädigt sowie das Gu­te gepredigt und das Bö­se getan. Vor allem viele junge Menschen können mit dem Glauben und dessen Traditionen mittlerweile nichts mehr anfangen. „Was kommt nach dem Glauben?“ fragt Zeit-Autor Thomas Assheuer in der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung und warnt vor einer Machtreligion des Diesseits.

Es könne sein, dass die Kirche sich ihr eigenes Grab schaufele und wieder zu dem schrumpfe, was sie einst gewesen sei: „ei­ne Sek­te un­ter an­de­ren Sek­ten“. Nicht-Gläubige sähen die „Re­li­gi­on als nichts an­de­res als die letz­te Bas­ti­on des Ir­ra­tio­na­len“.

Religion protestiere auf ihre Weise mit dem Tröstungsversprechen „gegen Schmerz, Vergänglichkeit und die End­lich­keit des Le­bens“. Dafür gebe es keinen weltlichen Ersatz. Für die Religionen dürfe das Bö­se nicht das letz­te Wort be­hal­ten.

Ein Gott, der sich auf die Seite der Knechte stellt

Der bi­bli­sche Mo­no­the­is­mus bilde ei­ne welt­ge­schicht­li­che Zä­sur: statt der Viel­göt­te­rei der al­ten Rei­che gebe es seitdem eine „unbedingte Gerechtigkeit, weil vor Gott alle Men­schen gleich waren“. Dieser habe sich auf die Seite der Knechte und nicht der Herren gestellt. Das Volk Israel habe einen Bund mit Gott geschlossen. In der Mo­der­ne würden Men­schen eher nütz­li­che Ver­trä­ge schließen.

Ohne das mo­no­the­is­ti­sche Er­be sieht Assheuer auch den „Glut­kern des abend­län­di­schen Geis­tes“ absterben. Eine Gesellschaft, die ihre Mo­ral al­lein aus sä­ku­la­ren Quel­len beziehe, ist für ihn schwer denkbar: „Oh­ne den Sta­chel der Re­li­gi­on wä­re die Mo­der­ne end­lich frei und gren­zen­los.“ Im Namen Gottes sei viel Blut vergossen worden. Deswegen sei die Ablehnung von Religionen und von ihrem Kampf um die Wahrheit verständlich – in der Hoffnung dass ohne Religionen Frieden herrsche.

Jedoch warnt der Autor vor einer neuen „Diesseitsre­li­gi­on“, die nach dem „Tod Got­tes“ in Kraft trete. „Sie besteht in der Heiligsprechung der Macht und der Anbetung des Faktischen.“ Sie sei kei­ne Er­fin­dung ver­rückt ge­wor­de­ner Min­der­hei­ten, son­dern ent­stehe im Her­zen der po­li­ti­schen Macht. Als Beispiele nennt Assheuer Russ­land, Chi­na, Bra­si­li­en und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Politiker wie Do­nald Trump und andere evan­ge­li­ka­le Scharf­ma­cher predigten eine Feindschaft. Dafür stelle Trump sogar die biblische Botschaft auf den Kopf.

Den Kampf aller gegen alle vermeiden

Mit dieser gna­den­lo­sen Macht­re­li­gi­on werde aller de­mo­kra­ti­scher Fort­schritt zerstört und ein Kampf al­ler ge­gen al­le eingeleitet. Dabei gehe es um Ein­fluss­zo­nen, Märk­te und Roh­stof­fe. Assheuer glaubt nicht, dass die Religion weltweit verschwindet. Dafür sei das „Ver­lan­gen nach Ant­wor­ten auf exis­ten­zi­el­le Lei­d­er­fah­run­gen“ einfach zu groß. Für to­ta­li­tä­re Re­gime ist die re­li­giö­se Tran­szen­denz und ihr Wi­der­spruch­s­po­ten­zi­al oh­ne­hin ei­ne an­hal­ten­de Be­dro­hung. Auch die Bergpredigt sei nach wie vor aktuell.

Er wünscht sich, dass die drei abrahamitischen Religionen den ir­di­schen Macht­fan­ta­si­en ab­schwö­ren: mit Fundamentalisten sei kein liberaler Staat zu machen. Vielmehr sollten die Religionsgemeinschaften ihrer eigenen Botschaft vertrauen, Kriegs­trei­bern ins Ge­wis­sen re­den und jenen eine Stimme geben, die keine haben. Und die Welt­re­li­gio­nen müss­ten die „Tor­heit“ be­ge­hen, ih­re ur­sprüng­li­che Wahr­heit neu zu den­ken, die Idee des Bun­des und der ge­rech­ten Mensch­heit.

Immer wieder Hoffnung vermitteln

In derselben Ausgabe der Zeitung erklären die beiden evangelischen Domprediger in Berlin, Pe­tra Zim­mer­mann und Mi­cha­el Kös­ling, im Interview, wie sie das kirchliche Leben in der Großstadt wahrnehmen. In Berlin seien nur nur noch 24 Pro­zent der Bevölkerung Kir­chen­mit­glie­der. Trotzdem hätten viele Menschen das Bewusstsein, dass die Kirche für alle da sein müsse und solle.

Gerade dann, wenn alle panisch seien, gelte es Trost und Hoffnung zu vermitteln: unabhängig von der Größe der Kirche. Menschen besuchten die Kirche, weil sie Ge­wiss­hei­ten anzubieten ha­be.

Der Berliner Dom sei immer wieder „An­dock­stel­le für er­wach­se­ne Athe­is­ten, die sich für den Glau­ben in­ter­es­sie­ren“. Der Dom sei für al­le da: vom Tou­ris­ten bis zur Kanz­le­rin, vom Bischof bis zum Obdachlosen. Es gehe darum, den Menschen beizustehen, gerade in einer Phase, in der sie durch Corona isoliert gewesen seien, findet Zimmermann. Sie habe den Aufschrei der Kirchen gegen diese Härten vermisst.

Worte finden, die in den Herzen Wurzeln schlagen

Kösling macht deutlich, dass die Kirche andere Ant­wor­ten als Vi­ro­lo­gen und Po­li­ti­ker hätten. Deswegen sei ihnen in der Pandemie auch so wichtig gewesen, dass ein Pfarrer immer mindestens zwei Stunden am Tag in der Kirche ansprechbar gewesen sei: „Men­schen, die von der Kri­se aus dem Gleis ge­wor­fen wur­den, kön­nen das bei uns zu­ge­ben.“

Es bringe nichts, die Menschen zu verdammen, weil sie Gebete und Lieder nicht könnten. Stattdessen gehe es darum, Worte zu finden, die in den Herzen Wurzeln schlagen. Von der Kirche wünsche er sich aber auch, dass sie als „In­sti­tu­ti­on, die auf Ab­schied und Neu­an­fang spe­zia­li­siert ist“, in diesen Bereichen mutigere Wege geht.

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3 Antworten

  1. Habe ich gerade gelesen “Trump und andere (!) e v a n g e l i k a l e Scharfmacher”? Ich denke, mittlerweile projeziert man ja allen Abschaum in die Ruprik evangelikal. Aber dabei sollte man bitte mal auf die schauen, die vom Wesen und Ursprung her sind, was einst evangelikal ausmacht: Ein bibelorientiertes Christsein. Und ja, dass geht mit Konflikten einher. Aber per se nicht mit dem Wesen eines Trumps und erst recht nicht mit einer Diesseitsreligion.

  2. Zur Erinnerung: Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Großbritannien Christen, die sich gegen die Sklaverei aussprachen als “evangelikal” bezeichnet.

  3. “dass die drei abrahamitischen Religionen den ir­di­schen Macht­fan­ta­si­en ab­schwö­ren:”
    Das ist mit Verlaub Nonsens, der Islam ist die einzige abrahamitische Religion mit irdischen Machtansprüchen. Und wehe denen, die dabei nicht mitmachen wollen ! Die Juden bleiben gern unter sich, verstehen sich als exklusives Völkchen und tun niemandem weh. Die Palästinenser mögen das etwas anders sehen. Bis auf ein paar extreme Charismatiker und Einsprengsel der kath. Kirche haben die Christen weltweit keine Machtansprüche, der klassische Evangelikale möchte wohl ein paar Leute fürs Evangelium gewinnen, sein Fokus aber liegt auf der Ewigkeit. Da hat sich Luthers “zwei Reiche- Lehre” durchgesetzt.
    Sich der Illusion hinzugeben, dass die Welt ohne Religion friedlicher wäre ist Geschichtsrevisionismus, Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot sind die Schlächter des vergangenen Jahrhunderts und die waren definitiv nicht religiös !
    Ohne die Verbrechen die im Namen der Religion verübt wurden klein zu reden, aber die größere Gefahr geht vom Atheismus aus !
    Die Volksfrömmigkeit mag sich in der Postmodernen auflösen, damit kann man leben, die Botschaft des Evangeliums und die Nachfolger Jesu bleiben !

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