Sonderausstellung: Verhältnis der Kirchen zum NS-Regime lässt viele Fragen offen

Der Nationalsozialismus ist das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Mit dem Verhältnis der Kirchen zum Nazi-Regime beschäftigt sich eine Sonderausstellung im Kloster Dalheim. Sie lässt viele Fragen offen. Und das ist gut so.
Von Johannes Blöcher-Weil
Viele kirchlichen Würdenträger sahen im NS-Regime das politische System der Zukunft

Die Schau „Und vergib uns unsere Schuld?“ im westfälischen Lichtenau geht unter die Haut. Sie beleuchtet das Verhältnis von Christentum und Nationalsozialismus und will das komplexe Thema für ein breites Publikum aufarbeiten. Schon die Gestaltung der Räume macht deutlich, dass es sich um ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte handelt.

Die Besucher werden dabei herausgefordert und mit ganz persönlichen Fragen konfrontiert. Für alle Geschichtsinteressierten ist die Ausstellung ein Muss. Auch für Schüler, Kirchenvorstände oder Privatpersonen kann sich der Ausflug nach Westfalen lohnen. Bis zum 18. Mai 2025 ist die Schau im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur in Lichtenau-Dalheim zu sehen.

Nach einer Hinführung zum Thema wird der Ausstellungsbesucher mit zehn Fragen konfrontiert, die sich mit der Position und der Verantwortung der beiden großen Kirchen beschäftigen. Man bekommt dann mit historischen Fakten einen Überblick über den Stand der Wissenschaft. Und wird ermutigt, sich ein eigenes Urteil zur jeweiligen Frage zu bilden.

Ausstellung gibt keine eindeutigen Antworten

An der ersten Stationen kann man eintauchen in die Zeit der Weimarer Republik. Später stehen die großen Fragen der Wissenschaft im Fokus. Hat der Papst geschwiegen? Wie war das Verhältnis der evangelischen Kirche zum NS-Regime? Wie christlich war der Antisemitismus? Und wie sah der Widerstand beziehungsweise die Aufarbeitung des Themas in den Kirchen aus?

Dabei gibt es – erwartungsgemäß – keine eindeutigen Antworten. Und das ist gut so. Die Fragen hallen auch auf dem Nachhauseweg von der Ausstellung noch nach. Der Besucher fragt sich: Wie hätte ich reagiert in einem solchen System? Wäre ich den Weg des katholischen Priesters Maximilian Kolbe gegangen, der für einen anderen Menschen gestorben ist? Wie sehr hätte ich versucht, wie der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer dem „Rad in die Speichen“ zu fallen?

Journalistische Veröffentlichungen wie diese kosteten Fritz Gerlich das Leben (PRO/Johannes Blöcher-Weil)

Oder hätte ich in den Chor der Nationalsozialisten eingestimmt wie die „Deutschen Christen“, die die Ideen Hitlers begrüßten, seine Politik für guthießen und sogar die Gesangbücher der damaligen Zeit von jüdischen Inhalten reinigten? Die Ausstellung zeigt die ganze Bandbreite von Widerstand und Kollaboration: von Einzelpersonen, die sich mit persönlichen Eingaben an den Papst wandten, aber auch dem Journalisten Fritz Gerlich, der nach anfänglicher Sympathie für das Regime aus seinem Hass gegen Hitler keinen Hehl machte und für seinen nazifeindlichen Schriften starb oder von Zeugen Jehovas, denen es gelang, Bibeln in die Konzentrationslager zu schmuggeln.

„Es fehlt die kritische Reflexion“

Mehr als 200 Exponate aus Museen, Archiven, Bibliotheken und privaten Sammlungen gibt es in der Sammlung zu bestaunen, darunter Fotografien, Alltagsgegenstände, Briefe, Tagebücher, Urkunden, Erinnerungsberichte und ein bisher noch nicht veröffentlichtes Schreiben an den Papst aus dem Vatikanischen Archiv.

„Einerseits haben die Nazis den christlichen Glauben aus dem Alltag verdrängt, andererseits war Hitler auch klar, dass er auf die Kirchen und deren Mitglieder angewiesen war“, erklärt die Kuratorin der Ausstellung Carolin Mischer im Gespräch mit PRO. Ob die Kirchen sich als willige Helferinnen des NS-Regimes erwiesen haben, auch das lasse sich pauschal nicht beantworten.

Die Deutschen Christen bemühten sich auch, jüdische Inhalte aus dem Gesangbuch zu entfernen (PRO/Johannes Blöcher-Weil)

Die Ausstellung macht deutlich, dass es dafür zu viele unterschiedliche Motive des Handelns gab. Es sind auf jeden Fall die einzelnen Lebensgeschichten, die Eindruck hinterlassen: die des Zeugen Jehovas, der Bibeln in das KZ schmuggelte, der 17-jährige Schüler, der aus christlichen Motiven „feindliche Radiosender“ hörte, um den Menschen zu helfen, aber dafür sein Leben lassen musste oder die Lehrerin Elisabeth Schmitz, die sich weigerte nationalsozialistische Inhalte zu lehren.

Und es wird deutlich, dass bis heute an vielen Stellen die kritische Reflexion fehlt. Die Kirchen hätten sich aus Sicht von Mischer erst in den 1960er Jahren kritisch mit ihrer Rolle und ihrer Schuld im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Bis heute dauere die Aufarbeitung an. Von daher passt die Bewertung Mischers ganz gut, um die Ausstellung zu bilanzieren: „Wir können natürlich nicht alle Fragen eindeutig beantworten. Aber mein Respekt gilt denjenigen, die sich offen und ehrlich gegen die Meinung der Nazis gestellt haben.“

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