Eine Frau demonstriert in Berlin mit einem Kruzifix gegen das Infektionsschutzgesetz

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Speist sich der Corona-Protest aus Frömmigkeit und Glaube?

Es ist die Gretchenfrage in Goethes „Faust“: Wie hast du's mit der Religion? Man kann sie auch mehr als 200 Jahre nach Veröffentlichung der Tragödie stellen: bei den Protesten gegen die Corona-Politik. Denn zumindest gibt es Ähnlichkeiten mit manchen Glaubensrichtungen.

Bei Donald Trump konnte man es im US-Wahlkampf sehen: Konservative, evangelikale Christen jubeln ihm frenetisch zu, stehen hinter seiner Politik, die nicht immer auf Fakten fußt. Doch so fern ist der Bezug zwischen Glaube und Protest, religiösen Motiven und Aufbegehren gegen die Staatsmacht nicht. Auch Gegner der hiesigen Corona-Politik gehen mit einem Kreuz in der Hand auf die Straße.

Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung Baden-Württembergs, Michael Blume, analysierte die in Stuttgart gegründete Bewegung „Querdenken“ in der Süddeutschen Zeitung jüngst unter anderem über das Erbe konservativer evangelikaler Bewegungen, allen voran des Pietismus. Die Bibeltreuen hätten mit manchen „Querdenkern“ den Glauben gemeinsam, „dass man ewige Weisheiten erkannt hat. Und die muss man gegen die böse Welt verteidigen“. Daraus könne eine duale Weltsicht resultieren, in der es keinen Platz für Zwischentöne gibt.

Liegen die Wurzeln für den Protest wirklich in der evangelischen Frömmigkeitsbewegung, die besonders in Württemberg viele Anhänger hat? Der Pietismus (von lateinisch „pietas“ – Frömmigkeit) begann im 17. Jahrhundert als Rückbesinnung auf die Anliegen der Reformation. Wichtig sind der Bewegung ein charismatisches, missionarisches Glaubensbekenntnis, die persönliche Verantwortung des Einzelnen vor Gott und die lebendige Umsetzung des Glaubens in die Praxis.

Pietismus ist vielschichtig

Kritiker halten Pietisten für christliche Fundamentalisten, die lieber an vermeintlich eindeutigen Wahrheiten der Bibel festhalten, als sich mit der modernen Welt auseinanderzusetzen. Tatsächlich machen viele Pietisten keinen Hehl daraus, dass sie Feministinnen, homosexuelle Pfarrer und Teile der wissenschaftlichen Theologie ablehnen. Die heutige Kirche sehen sie vom Pluralismus zerrissen.

Doch so einfach ist es nicht. Angesichts der Vielschichtigkeit der pietistischen Bewegungen – heute wie früher – sei es schlichtweg verfehlt, hier historische Kausalitäten zu behaupten, erklärt der Geschäftsführende Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Pietismusforschung an der Uni Halle-Wittenberg, Friedemann Stengel.

In politischen Protestbewegungen fänden sich religiöse Denkfiguren, so Stengel. Immer wieder würden auch Argumentationen benutzt, die für biblisch gehalten würden. Das sei nicht Neues, könne aber nicht auf eine bestimmte theologisch-kirchliche Substanz zurückgeführt werden.

Analogien zwischen Verschwörungstheorien und evangelikalen Denkmustern

Das sei auch bei Pegida aufgetaucht, nennt Stengel ein Beispiel, als neonleuchtende Kreuze gegen Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik getragen wurden. „Dafür kann man sich im Grunde nur ebenso schämen wie für Leute, die Sophie-Scholl-T-Shirts auf Anti-Corona-Demonstrationen tragen oder die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus mit ihrer frei erfundenen Situation parallelisieren.“

Detlef Pollack vom Exzellenzcluster Religion und Politik an der Uni Münster sieht strukturelle Analogien zwischen Verschwörungstheorien sowie pietistischen und evangelikalen Denkmustern: Unter anderem nennt er die Skepsis gegenüber staatlichen Autoritäten, mangelnde Bereitschaft zur Selbstrelativierung und zur Akzeptanz des pluralistischen Diskurses sowie die Vermutung, hinter jeglichem Geschehen stünden unbekannte Mächte oder ein verborgener Sinn.

Das sollte aber nicht dazu verführen, Verschwörungsglauben und Evangelikalismus gleichzusetzen, mahnt Pollack und führt aus: „Evangelikale akzeptieren eine von ihnen unabhängige Grundlage der Erkenntnis, sei es die Heilige Schrift oder eine von Gott gegebene Erleuchtung. Verschwörungstheoretiker hingegen neigen dazu, sich in ihren fantastischen Denkgebäuden zu verschanzen.“

Wutbürgertum in Baden-Württemberg

Auch der Religionswissenschaftler Blume erklärt die Corona-Proteste nicht nur mit Glaube und Frömmigkeit. Dass gerade aus Baden-Württemberg viele der Demonstranten kommen, könnte womöglich auch mit der politischen Randstellung des Bundeslands erklärt werden. Anders als etwa Bayern stellt Baden-Württemberg keinen einzigen Bundesminister. Zum Teil liege der Protest auch an der grundlegenden Bereitschaft in Schwaben, Autoritäten gegenüber misstrauisch zu sein.

Die baden-württembergischen Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, Gisela Erler (Grüne), hatte jüngst ebenfalls mit Blick auf die Corona-Proteste auf die Historie verwiesen: „Das sogenannte Wutbürgertum hat eine starke Tradition. Baden-Württemberg hat schlicht eine aufmüpfige Tradition.“ Nicht zuletzt beim umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 war das ersichtlich.

Württembergs evangelischer Landesbischof Frank Otfried July weist einen Zusammenhang zwischen „Querdenkern“ und Evangelikalen oder Pietisten zurück: „Bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen sammeln sich Menschen mit extrem unterschiedlichen Weltanschauungen - eine Mischung aus Anhängern von Verschwörungsmythen, Rechtsextremen, Impfgegnerinnen und immer wieder auch Menschen, die ihren Protest mit dem Glauben begründen.“ In den Glaubensrichtungen einen Ursprung der Bewegung zu sehen, hält July für falsch: „Der in Württemberg verbreitete Pietismus ist nicht aggressiv oder gar gewalttätig.“

Und die „Querdenker“ selbst? Aus Sicht von Initiator Michael Ballweg repräsentieren sie den Querschnitt der Gesellschaft, dabei gehe es nicht um religiöse Bräuche. „Ich halte mich an die zehn Gebote, weil es ein Zusammenleben in Frieden und Achtung möglich macht“, teilt Ballweg mit. Auf „Querdenken“-Demos seien Menschen aller Glaubensgemeinschaften. Sie eine das Interesse an „Frieden, Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Aufhebung der Grundrechteinschränkungen“. Eine mündige Bürgerschaft könne ihre Stimme in der Demokratie nicht nur alle vier Jahre bei der Wahl erheben. Aus seiner Sicht können die anderen nicht mit Kritik wegen politischen Versagens umgehen.

Von: dpa

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