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„Manche Bibelstellen sind religionskritisches Kabarett vom Feinsten“

Der Publizist Andreas Malessa produziert für den Hessischen Rundfunk eine Radiosendung zum Thema Humor und Glaube. Mit PRO sprach er im Vorfeld über die schönsten Pleiten, Pech und Pannen der Bibel und warum es sich lohnt, mit Humor durchs Leben zu gehen.
Von Johannes Blöcher-Weil
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Der Hörfunkjournalist Andreas Malessa ist Hörfunk- und Fernsehjournalist Andreas Malessa

Foto: Andreas Malessa (privat)

Der Hörfunkjournalist Andreas Malessa beschäftigt sich in seiner aktuellen Sendung mit christlichem Glauben und Humor.

PRO: Wieso beschäftigen Sie sich mit dem Thema Humor aus biblischer Sicht?

Malessa: Das kommt durch meine eigene Bibel-Lektüre. In Jesaja 44, 13 bis 17 beschreibt der Prophet, wie ein Waldarbeiter Zedernholz fällt, um darauf sein Fleisch zu braten, und am nächsten Tag aus dem Rest einen Gott schnitzt und ihn anbetet. In einer Zeit und Kultur, wo hölzernen Götterstatuen genauso respektvoll betrachtet wurden, wie wir heute Flaggen und Denkmäler ehren, ist das religionskritisches Kabarett vom Feinsten. Jesaja brauchte vermutlich viel Vorsprung vor seinen Feinden. Beim Turmbau zu Babel wollten die Menschen „einen Turm bis in den Himmel bauen“, Genesis 11, 4. Und Gott „fuhr dann vom Himmel herab“, um sich den Turm anzuschauen. Entweder war er kurzsichtig oder der Turm nicht wirklich hoch.

Haben Sie noch ein Beispiel aus dem Neuen Testament?

Im Tempel interpretieren hochwürdige Vertreter des Hohen Rates mit gewaltigem Timbre in der Stimme die mosaischen Gesetze. Jesus ruft dazwischen: „Ihr Heuchler, ihr säbelt zehn Prozent vom Kümmelkorn ab, ihr siebt Mücken raus und verschluckt Kamele.“ Das ist so deftig formuliert, dass das Gelächter der Umstehenden leicht vorstellbar ist. Solche Texte zeigen, dass Jesus scharfzüngig satirisch formulieren konnte.

Hat Gott auch Humor?

Ja. In der Bibel ist 26-mal vom Lachen die Rede. In den Psalmen lacht Gott über den atheistischen Spott, dass es ihn nicht gebe. In zwölf Fällen ist aber schäbiges Kichern gemeint. Als Sara, der Frau Abrahams, eine Schwangerschaft im hohen Alter vorhergesagt wird, heißt es: „Da lachte Sara bei sich selbst: Jetzt, da ich welk bin, soll mich noch die Liebeslust ankommen?!“ (Genesis 18,12) Auf die vorwurfsvolle Frage, ob bei Gott irgendetwas unmöglich sei, lügt Sara: „Ich habe nicht gelacht“. Aber Gott bestraft sie nicht, sondern beschenkt sie. Mit einem Sohn namens Isaak. Das bedeutet: „Gott hat mir ein Lachen bereitet“ (Genesis 21,6) Gottes Barmherzigkeit und Güte veranlassen uns, über uns selbst lachen zu können, inklusive unserer Unzulänglichkeiten, unseres Unglaubens und unsere Unehrlichkeiten. Selbstironie und ein Gespür für Situationskomik stehen Christen gut an.

Menschen können sich mit Figuren der Bibel identifizieren

Dürfen wir denn über Gott lachen?

Das kommt auf die Haltung an. Wenn es das freudige Lachen ist in der Bibelstelle: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlöst, werden wir sein wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens sein“, dann ja. Immer wenn das Evangelium Menschen aus Zwängen und Ängsten befreit, dürfen wir befreit auflachen und „dankbar jauchzen“. Der hebräische Begriff für „glückselig“ ist in etwa das, was wir machen, wenn wir nach einem Bewerbungsgespräch mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche nach Hause kommen. Luther hat daraus ein „Wohl dir“ oder „Selig sind“ gemacht, aber ursprünglich hatte das Wort eine hohe emotionale Wucht.

Welche Bibelstelle finden Sie selbst am witzigsten?

Die genannte Stelle mit Sara und Isaak ist rührend humorvoll. Die derbste steht in Galater 5,12: Paulus regt sich darüber auf, dass die Judenchristen aus Jerusalem den Heidenchristen in Galatien dringend empfehlen, sich neben der Taufe auch noch beschneiden zu lassen und jüdische Speisegebote einzuhalten. Da sagt Paulus: Wenn euch so viel an der Beschneidung liegt, dann kastriert euch doch gleich. Das würden wir heute einen „versauten“ Witz nennen, dessen Schärfe und Derbheit ich aber wiederum beeindruckend finde. Die Realsatire an dieser Polemik des Paulus ist, dass dieser Vers bis 1914 in der revidierten Lutherbibel gar nicht vorkam.

Wie bereiten Sie diese schwierigen Stellen für die Hörer der Sendung auf?

Ich habe zwei Schauspieler, die verschiedene humorvolle Szenen noch mal dramaturgischer wiedergeben. Außerdem baue ich witzige Musik ein und erzähle die Geschichten nach. Viele Hörer haben die Bibel vielleicht seit der Konfirmation nicht mehr gelesen.  Aber selbst Menschen, die mit Gott, Glauben und Kirche nichts am Hut haben, merken, wie viel Humor, Dramatik und oft auch Tragik die Bibel enthält. Sie können sich mit diesen Figuren und ihren Geschichten identifizieren. Menschen lernen sich selber tiefer kennen in den Figuren der Bibel.

Hätte sich die Geschichte des Christentums anders entwickelt, wenn die Evangelisten mehr über Jesu Humor geschrieben hätten?

Sie haben sogar viel über seinen Humor geschrieben. Die Menschen stellen Jesus die ethisch diffizile Frage, ob sie mit ihren Steuern die Besatzer und deren Waffenkäufe finanzieren und dem Kaiser Zinsen geben sollen. Jesus diskutiert hier nicht umfänglich mit ihnen. Er lässt sich eine Münze geben und fragt, was darauf zu sehen ist, als ob er das nicht wüsste. Das ist ziemlich lakonischer Humor. Jesus macht klar, dass demjenigen, der dort abgebildet ist, die Steuern gehören. Er gibt dann den seelsorgerischen Rat, dem Kaiser nie sein Herz zu geben. Das ist eine Absage an alle Ideologien und Diktaturen, die mein Herz, mein Denken und meine Person vereinnahmen möchten. Das ist kurz und klug. Es wäre ein falscher Schluss, dass Jesus nie gelacht hat, nur weil es in der Bibel nicht erwähnt wird. Jesus war ganz Mensch: mit allen Emotionen. Aus den Verläufen seiner Gespräche können wir schließen, dass er Humor hatte.

„Kirche musste sich früh vor Irrlehren abgrenzen“

Warum hat der Humor im Judentum eine viel größere Bedeutung als bei Christen?

Das könnte daran liegen, dass sich die Kirche in den ersten drei Jahrhunderten ständig von Irrlehrern wie etwa der Gnosis abgrenzen musste. Da hat auch der Kirchenvater Augustinus eine tragische Rolle gespielt. Er war der Meinung, dass sich angesichts der Größe Gottes jeglicher Humor verbiete. Das ehrfurchtsvolle Schweigen sei die angemessene Reaktion auf seine Taten. Dies wurde im gesamten Mittelalter durchgezogen. Das Lachverbot ist Dreh- und Angelpunkt von Umberto Ecos Kloster-Roman „Der Name der Rose“. Aus meiner Sicht haben sie die Bibel nicht aufmerksam gelesen.

Wo hatte der Humor in der Kirchengeschichte seine Höhepunkte?

Zur Zeit der Wüstenväter gab es eine Hochzeit. Die Wüstenväter waren klug und witzig. Das hat Hans Zander in seinem Buch „Als die Religion noch nicht langweilig war“ herausgearbeitet. Auch die Auseinandersetzung mit der Aufklärung war eine Hochzeit des Humors. Heinrich Heine hat über 400-mal in seinem Gesamtwerk Bibeltexte verwendet und verfremdet und viel über den katholischen Glauben gespottet. Leider wurde der Pietismus in der Abwehr und Opposition zur Aufklärung auch immer humorloser. Das hat sich erst im 20. Jahrhundert geändert.

Was war für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis bei dem Thema?

Ich lese alle zwei Jahre die Bibel von A bis Z in verschiedenen Übersetzungen durch. Jedes Mal überrascht mich der feinsinnige Humor neu. Jakob betrügt seinen fast blinden Vater Isaak durch Täuschung des Tastsinns. Sieben Jahre später wird er genau mit dieser Methode selbst hereingelegt, als er mit Lea statt mit Rahel schläft. Das ist richtig schwarzer Humor. Aber die wichtigste Erkenntnis habe ich nicht bei der Recherche zu dieser Sendung gewonnen, sondern in meinem Buch über 111 Bibeltexte. In einer Bibelgeschichte ist von einem salomonischen Urteil die Rede: König Salomon schlägt vor, ein Baby zu zerhacken, um herauszufinden, wer dessen Mutter ist. Der neutrale Beobachter fragt sich, was daran weise sein soll. Durch Salomons Urteil erhält es die Frau, die bereit ist, ihr Kind abzugeben und vor dem Tod zu bewahren. Hier stecken ganz viele psychologische Erkenntnisse drin.

„Gute Beobachtungsgabe hilft für humorvolles Leben“

Fehlt uns Christen häufig der Humor?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Es gibt ganz viele sehr humorige Christen. Auch viele Pfarrer können mit klugem und seelsorgerischem Rat eine korrekte Exegese betreiben und haben einen hohen Unterhaltungswert. Es gibt aber auch die Christen, die zum Lachen in den Keller gehen. Das könnte daran liegen, dass sie nicht vollständig auf die Erlösung durch Jesus und unsere Rechtfertigung allein durch Gnade vertrauen. Sie möchten immer noch Gesetze erfüllen und moralinsaure Pflicht dazu leisten, um in den Himmel zu kommen. Diese Schlagseite führt leider auch zu Schnappatmung bei Satire und Humor.

Haben Sie einen praktischen Tipp für Christen im Umgang mit Humor?

Eine gute Beobachtungsgabe hilft immer dabei, zu sehen, wo das Heilige und das Profane ganz dicht nebeneinanderstehen. Einmal hat sich eine Pfarrerin energisch ihre Stola über die Schulter geworfen. Die Fransen haben sich an der Kerze auf dem Altar entzündet. Während es hinter ihr schon rauchte, kündigte sie das Lied an: „Zünde an dein Feuer, Herr im Herzen mir.“  In einer anderen Gemeinde hat ein Jugendlicher die Liedtexte auf seinem Laptop für die Leinwand abgetippt. Bei Bonhoeffers Lied stand vorne „Von guten Mädchen wunderbar geborgen.“ Die Auto-Korrektur kannte nicht das Wort „Mächte“. Wir sollten uns dieses Gespür für solche Situationskomik erhalten. Dann gäbe es auch im Gottesdienst hin und wieder was zu Schmunzeln.

Haben Sie einen religiösen Lieblingswitz?

Wer die kirchliche Liturgie kennt, weiß, wie die Abläufe im Gottesdienst sind und an welchen Stellen die Gemeinde aufsteht, kniet und auf den Pfarrer antwortet. Bei der Liturgie des Pfarrers kommt das Gesprochene durch das Mikrofon nur stockend bei der Gemeinde an. Er unternimmt einen zweiten und einen dritten Versuch, um das Votum zu sprechen. Dann stellt er sich an das Mikrofon und sagt: „Hier stimmt etwas mit der Technik nicht.“ Die Gemeinde antwortet pflichtbewusst: „…und mit deinem Geist.“

Vielen Dank für das Gespräch.

Die schönsten Pleiten, Pech und Pannen gibt es dort, wo das Heilige und das allzu Menschliche dicht nebeneinanderstehen: in der Kirche! Man muss nur genau hinhören. Die Sendung Camino läuft am 27. Februar um 11:30 Uhr auf hr2-Kultur.

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