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„Ich würde immer das Apfelbäumchen pflanzen“

Christoph Waffenschmidt von World Vision hält Klimaschutz für wichtig, weil er die Lebensgrundlage vieler Menschen betrifft. Was er vom Weltklimagipfel in Glasgow erwartet und welche Verantwortung er bei Christen sieht, erklärt er im Interview.
Von Johannes Schwarz
World Vision Chef Waffenschmidt denkt soziale Entwicklung und Klimaschutz zusammen.

Foto: Deborah Pulverich/adeo

Christoph Waffenschmidt schöpft Hoffnung für die Welt, wenn er auf den Mut einiger Menschen blickt

PRO: Sie sind Leiter von World Vision Deutschland, einem christlichen Kinderhilfswerk, wie steht Ihr Werk in Verbindung mit dem Klima und Klimaschutz?

Christoph Waffenschmidt: Das Klima sorgt dafür, dass Kinder in vielen unserer Projektregionen gar nicht mehr so leben können, wie sie es gewohnt sind, etwa weil der Boden vertrocknet ist und weniger Regen fällt. Armut und Hunger nehmen wieder zu. Katastrophen zerstören die Infrastruktur. Betroffene Familien müssen wegziehen und Kinder leben mit einem Mal in fragilen Verhältnissen. Wir bemerken konkret, dass Kinder vom Klimawandel bedroht sind und ihnen die Lebensgrundlagen an vielen Stellen weggenommen werden. Wir wollen, dass Kinder sich gesund entwickeln können und eine gute Zukunft haben. Also müssen wir uns auch als Kinderhilfswerk darum kümmern, dass die Lebensbedingungen auch in ökologischer Hinsicht für sie besser werden.

Sie sagen, Entwicklungshilfe und Klimaschutz gehören zusammen. Doch wie kann das gelingen?

Ein Beispiel: Wir setzen eine Methode ein, die unser australische Kollege Tony Rinaudo entwickelt hat, dafür hat er vor drei Jahren den Alternativen Nobelpreis erhalten. Es ist eine besondere Wiederaufforstungstechnik, bei der geschulte Landwirte die Natur unterstützen und gleichzeitig ihre Erträge verbessern können. Dabei werden die oft noch vorhandenen Wurzeln von Bäumen im Boden genutzt, die schwachen Triebe abgeschnitten, damit die stärksten kraftvoll wachsen können. Innerhalb von kurzen Zeiträumen, meist in wenigen Jahren, wächst so ein neuer CO2-Speicher und weiteres Grün heran. Dadurch haben wir über viele Jahre hinweg jetzt schon mehrere Millionen Hektar Fläche wieder begrünt. Heute unterstützt World Vision in 27 Ländern die Aufforstung. Mehr Wasser wird dann im Boden gehalten. Die Böden werden fruchtbarer, es entsteht ein gesünderes Mikroklima und es kann mehr wachsen. Die Bauern erzielen wieder Erträge, können diese verkaufen und somit müssen ihre Kinder nicht mehr auf dem Feld arbeiten, sondern können dann in die Schule gehen. Viele Schulen wie auch Brunnen werden durch World-Vision-Projekte übrigens mit Strom aus Solarenergie versorgt.

Aktuell findet der 26. Weltklima-Gipfel in Glasgow statt. Ist World Vision vor Ort dabei und was tun Sie dort konkret?

Ich selbst bin nicht bei der Klimakonferenz, aber World Vision ist in Glasgow dabei. Aus Deutschland ist unsere Pressesprecherin vor Ort, die viele Kontakte herstellt. Zudem ist der internationale Präsident von World Vision anwesend, der die globale Ebene abdeckt. Er hat auch dieser Tage schon in Diskussionsrunden gesprochen. Auch hier wird betont, dass die sozialen Aspekte, das Wohl der Kinder, und die ökologische Nachhaltigkeit zusammen gedacht werden müssen. Der Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff hat eine Dokumentation über die Arbeit des „Waldmachers“ Tony Rinaudo gedreht. Dieser Film wird auf der Klimakonferenz gezeigt – das ist auch ein Beitrag in visueller Form.

Wird der CO2-Ausstoß des Fluges dorthin kompensiert?

Unsere deutsche Kollegin ist tatsächlich geflogen. Der Flug wird allerdings kompensiert. Das machen wir schon seit einiger Zeit. Durch die Pandemie haben wir Flüge sowieso sehr stark reduziert. Wir arbeiten jetzt überwiegend digital und verzichten immer noch weitestgehend auf Dienstreisen. Corona hat auch gezeigt: Vieles geht ohne Dienstreisen. Diese werden nun noch stärker daraufhin überprüft, ob sie notwendig sind. Meine physische Präsenz in Glasgow ist zum Beispiel nicht nötig.

13 Tage Weltklimagipfel um die Welt zu retten – kann das gut gehen?

Einige wollen sicherlich etwas Positives erreichen. Vor wenigen Tagen haben viele Länder erklärt, dass sie den Kahlschlag der Wälder bis 2030 stoppen wollen. Sogar der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat sich bereiterklärt, da mitzumachen. Das ist schon mal ein gutes Zeichen, aber nicht verbindlich genug. Man darf sich auch nichts vormachen. Es gibt einige politische Kräfte beim Kongress, die hinter den Kulissen gegen manche Klimaschutz-Ziele arbeiten oder einen hohen Preis verlangen. Die Maßgabe am Ende ist die Einstimmigkeit des Abschlussdokuments. Das ist immer sehr schwierig. Dann kommt häufig nur ein kleinster gemeinsamer Nenner heraus.

Was mich hoffen lässt: China und Russland sind aufgewacht. Sie merken: Der Klimawandel kommt näher, er betrifft uns auch, wir müssen auch was tun und wir wollen unseren Beitrag leisten. Es bewegt sich was in die richtige Richtung. Aber ich glaube, das Umschalten in allen Bereichen wird auf jeden Fall noch Zeit brauchen. Ich erwarte jetzt nicht, dass bei der Konferenz der große Durchbruch gelingen wird. Aber wichtig ist, dass eine Richtung erkennbar ist und mehr Länder mitmachen.

Immer wieder gibt es auch Klimawissenschaftler, die sich nicht dem Mainstream anschließen und keine „Klima-Katastrophe“ in der Zukunft sehen. Werden diese Stimmen zu selten gehört?

Das kann ich nicht beurteilen. Was ich aber sagen kann: Man sollte die Diskussion nicht aus einer rein alarmistischen Richtung führen. Klimawandel heißt ja nicht, dass die Welt untergeht. Wir müssen aber damit rechnen, dass viele Regionen der Welt wahrscheinlich nicht mehr bewohnbar sein werden und dass sich Lebensbedingungen drastisch verändern. Letztendlich bedeutet Klimawandel auch weitere deutliche Zunahme der Migration auf der Welt. Das kommt mir in der Diskussion viel zu kurz. Darüber muss mehr gesprochen werden. Und ich glaube, man muss für die Menschen auch begreifbar machen, was das eigentlich heißt. Pessimismus bringt uns nicht weiter. Es sollte mehr darum gehen, Menschen mit gutem Beispiel Hoffnung zu machen, Perspektive zu geben und Lebensräume zu schaffen. Dann werden sie auch eher bereit sein für die notwendigen Veränderungen.

Sehen Sie Christen in einer besonderen Verantwortung beim Klimaschutz?

Als Christen haben wir Verantwortung, Gesellschaft mitzugestalten und die Lebensgrundlage Erde, auf der wir leben, zu erhalten. Politik setzt letztlich die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Menschen. Und wir als Christen sind aufgefordert, unseren Nächsten zu lieben. Der Glaube ist Beziehungsarbeit und letztendlich übernehme ich Verantwortung für meine Mitmenschen. Wenn ich in der Beziehung zu ihnen lebe, dann habe ich auch eine Verantwortung zur Gestaltung der Lebensgrundlagen und der Lebensverhältnisse. Für mich ist das eine direkte Konsequenz.

Was können Christen konkret beitragen?

Das Schönste was Christen überall tun können, ist Beten. Gott um Unterstützung bitten und auch zu bitten, dass er eingreift, dass er Weisheit gibt. Das ist ein großes Vorrecht und damit auch eine große Aufgabe, die wir als Christen haben. Gott befähigt und ruft uns auf der anderen Seite zum Handeln und zwar als Mitglieder einer weltweiten Gemeinschaft. Wir leben in einer freiheitlichen Grundordnung, also lasst uns diese Freiheit nutzen, weil mit der Freiheit auch Verantwortung einhergeht. Die Verantwortung kann auf vielen Wegen ausgelebt werden, in dem Christen zum Beispiel Projekte vor Ort, aber auch die Verbesserung der Lebensumstände und die Anpassung an Klimaveränderungen auf anderen Kontinenten unterstützen. Man kann der eigenen Gemeinde oder Stadt Anregungen für die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks geben. Man kann auch individuell weniger Fleisch essen oder mehr Fahrrad fahren. Nicht im Sinne von Verboten, sondern in dem Sinne, die Verantwortung in der Freiheit zu übernehmen.

Was erhoffen Sie sich vom Weltklimagipfel und einer neuen deutschen Regierung?

Von einer neuen deutschen Regierung erhoffe ich mir, dass sie ökologische Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit in der Entwicklung zusammen denkt. Nicht nur für die Menschen in Deutschland, sondern für die Menschen weltweit. Und zum Gipfel: Als 2000 ein UN-Gipfel in New York die acht Milleniums-Entwicklungsziele festgeschrieben hatte, gab es erstmals eine klare Zielfestlegung, die sich die Staaten der Welt gegeben hatten. Diese Ziele, wie zum Beispiel die Verringerung der Kindersterblichkeit, sind zwar nicht eins zu eins erfüllt worden, aber was geschafft worden ist: dass es überhaupt verbindliche Ziele gibt, die sich zudem alle in die richtige, sprich bessere Richtung entwickelt haben. 2015 wurden diese durch die 17 Nachhaltigkeitsziele ersetzt und durch das Pariser Klimaabkommen ergänzt. Es wird durch diese Verbindlichkeit nicht nur geredet, sondern auch gehandelt. Das erhoffe ich mir auch von diesem Gipfel. Es erscheint illusorisch, dass alle Ziele von allen Staaten eingehalten werden. Da sollte man nicht zu realitätsfremd sein. Aber wenn das Ziel erreicht wird, in die richtige Richtung loszugehen und sich daraus signifikante Erfolge ergeben, dann ist das schon ein großer Schritt.

Sie haben mit dem Meteorologen Sven Plöger ein Buch geschrieben „Besser machen: Hoffnungsvolle Entwicklungen und Initiative für eine lebenswerte Zukunft“: Welche Hoffnung haben Sie für die Welt?

Da ich ein evangelisch-lutherisch geprägter Christ bin, würde ich immer das Apfelbäumchen pflanzen. Zudem finde ich, dass es auch ein gutes Beispiel dafür ist, worüber wir reden. Gott hat uns die Natur geschenkt und hat der Natur unwahrscheinlich viel Kraft gegeben. Wir sollten ihr mehr Raum zu mehr Entfaltung geben. Das fängt mit dem Schutz der Wälder an. Es gibt auch schon tolle Entwicklungen. Die wachsende Anzahl an Nationalparks und viele andere Flächen werden zu Krafträumen der Natur und dann auch zu Kraftquellen der Menschen. Was das angeht, bin ich hoffnungsfroh.

Aber auch was die Kraft der Hoffnung in der Geschichte angeht. Ich stamme aus dem Rheinland, also tiefstes Westdeutschland. Es ist für mich inneres Glück und Gnade, dass ich nun im ehemaligen Osten Berlins leben darf. Die Teilung Deutschlands und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs sind Geschichte. Menschen haben nach der unvorstellbaren Zerstörung nicht aufgegeben und einfach weitergemacht. Wenn ich das sehe, vertraue ich darauf, dass es Wendepunkte zum Guten gibt, weil Menschen mit Gewissen und Mut anpacken. Und diese Hoffnung habe ich auch für die Entwicklung der Welt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Eine Antwort

  1. Welch ein wunderbares,aufschlussreiches, hoffnungsstures Interview. Da ist nicht e i n Satz oberflächliches „Gelaber“
    Klasse, dass „die Pro“ uns das hier zugänglich gemacht hat ! VIELEN DANK!

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