Das christliche Medienmagazin

Auf Menschen und Schöpfung achten

In der Corona-Pandemie sind Greta Thunberg, der Klimaschutz und Generationengerechtigkeit fast in Vergessenheit geraten. Der Bundestagswahlkampf und Unwetterkatastrophen bescheren dem Thema wieder Aufmerksamkeit. Das geht auch Christen etwas an
Von Norbert Schäfer
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Foto: Jill Heyer

Etwa ein Drittel der Landfläche in Deutschland ist mit Wald bedeckt. Bäume entziehen der Luft Kohlenstoffdioxid (CO2), das als eine Hauptursache der globalen Erwärmung gilt, und setzen dafür Sauerstoff (O2) frei

Und Gott, der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“, heißt es im Schöpfungsbericht in 1. Mose 2,15. Der Gott der Bibel nimmt den Menschen von Beginn an mit in die Verantwortung für den Planeten. Allerdings gibt es in der Bibel wenige konkrete Hinweise, wie das gestaltet werden kann und soll. Umso wichtiger ist es, immer neu zu schauen, wie das Bewahren der Schöpfung funktionieren kann, und das, was als Nachhaltigkeit bezeichnet wird. Darunter verstehen Wissenschaftler, beim heutigen Handeln auf die nachfolgenden Generationen in allen Lebensbereichen Rücksicht zu nehmen, mit dem Ziel, nicht mehr Rohstoffe zu verbrauchen, als nachwachsen. 

In der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen hat die Weltgemeinschaft insgesamt 17 Ziele definiert, die zu einer nachhaltigen Entwicklung weltweit beitragen sollen. Die Sustainable Development Goals (SDGs) zielen im Kern auf die weltweite Bekämpfung der Armut, den Schutz des Klimas und der Umwelt, Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit für alle Menschen. Umfragen zeigen, dass junge Menschen ihre Entscheidung für die Bundestagswahl davon abhängig machen, wie sich die Parteien zur Digitalisierung, der Rente und dem Klimaschutz positionieren. Etwa ein Viertel der Wahlberechtigten ist jünger als 40 Jahre. Dadurch erhalten Fragen zur Agenda 2030 – dem Fahrplan, der kommenden Generationen noch eine Chance auf ein Leben in Wohlstand und Frieden ermöglichen soll – auch unter Christen neues Gewicht. Denn auch sie sollten Antworten auf die Fragen dieser Zeit haben, wenn sie Menschen glaubhaft erreichen wollen. 

„Entschiedenes Christsein hat mit einem entschiedenen Lebenswandel für die gesamte Schöpfung zu tun.“

Die Micha-Initiative, ein Arbeitszweig der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), bemüht sich darum, die Nachhaltigkeitsziele in christliche Gemeinden zu tragen. „Auf alle Menschen und die Schöpfung zu achten, ist Auftrag der christlichen Nächstenliebe“, sagt der zuständige Netzwerkkordinator Valere Schramm. Vor allem Jugendliche würden den Zusammenhang zwischen einem Leben als Christ und der Bewahrung der Schöpfung ganz leicht verstehen: „Jesus hat sich mit den Ärmsten der Armen identifiziert, also auch mit den Menschen, die bereits jetzt unter dem Klimawandel leiden.“ 

„Lokal handeln und global denken“, lautet deshalb ein Motto der örtlichen Micha-Gruppen. „Ich muss mir bewusst machen, dass hinter jedem von mir konsumierten Produkt ein globales Netzwerk steht“, sagt Schramm. Im Supermarkt brasilianische Limetten einzukaufen, werde durch die weltweiten Lieferketten zum globalen Akt. Fair-Trade-Label könnten helfen, einzuschätzen, ob bei der Produktion SDGs bedacht wurden. Eine Garantie seien sie jedoch nicht, weil „Bio überall auf der Welt produziert werden kann“. Schramm wünscht sich eine größere Transparenz zur Produktion und Herkunft der einzelnen Produkte. Eine Hinweispflicht, ähnlich der Warnung vor Lungenkrebs auf Zigarettenpackungen, sei denkbar. Ob Warnhinweise zu gewünschten Verhaltensänderungen führen?

Kein abgehobener Trend

Ulrich Mang, Referent für Sozial-Missionarische Arbeit beim Jugendverband „Entschieden für Christus“ (EC), bestätigt, dass der Nachhaltigkeitsgedanke in den christlichen Gemeinden und Werken angekommen ist: „Es ist kein abgehobener Trend mehr. Entschiedenes Christsein hat mit einem entschiedenen Lebenswandel für die gesamte Schöpfung zu tun“, sagt Mang.

Deswegen sensibilisiere der Verband seine Mitglieder mit Workshops für das Thema. Mang plädiert dafür, in den Gemeinden kleine Schritte in Richtung Umwelt- und Klimaschutz zu wagen. „Sonst überfordern wir die Menschen und werden in die Schublade der Moralisten geschoben.“ Die Gemeinden könnten etwa ihren Stromtarif auf Öko-Strom umstellen, das Gemeindefest mit Mehrweggeschirr feiern und Fair-Trade-Kaffee ausschenken. Hauptamtliche sollten ihre Dienstreisen möglichst mit der Bahn bestreiten. Mang wünscht sich, dass der EC hier in absehbarer Zeit Leitlinien für nachhaltiges Handeln in allen Bereichen entwickelt und umsetzt.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hat 1975 die Forderung nach Nachhaltigkeit auf die internationale Agenda gesetzt. Daraus ist der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entstanden. „Im Blick auf Klimaziele hat die EKD-Synode bereits 2009 darauf hingewirkt, die Emissionen EKD-weit, entsprechend der Beschlüsse der Bundesregierung zu reduzieren“, erklärt Oberkirchenrätin Ruth Gütter, Referentin für Nachhaltigkeit im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Handlungsleitend für die Praxis der EKD sind seit 2015 die Beschlüsse der Weltklimakonferenz von Paris und die Ziele für Nachhaltige Entwicklung. 16 der 20 Landeskirchen haben bereits ein Klimaschutzkonzept verabschiedet. Darin sind CO2-Einsparziele verankert und Maßnahmen wie die Förderung energetischer Maßnahmen, von Solardächern und die Anschaffung von E-Bikes. 

Mehr als ideologischer Firlefanz

Allerdings würden die Maßnahmen für Umweltschutz und Nachhaltigkeit von manchen Christen als Anbiederung an den Zeitgeist gesehen, sagt Tobias Faix, Leiter des Empirica-Insti­tutes an der CVJM-Hochschule. Andere hielten Umweltschutz und Schöpfungsbewahrung per se für „ideologischen Firlefanz“. Ein Grund: Die Amtskirchen hätten sich in der Folge der 68er-Bewegung, der Anti-Atombewegung und der Gründung der Grünen-Partei vermehrt der Bewahrung der Schöpfung und der „Tat im Sozialen“ zugewandt. Pietistische und freikirchliche Gruppen hätten dazu einen Gegenpol in der „Zuspitzung auf Evangelisation und Wortverkündigung“ gebildet, der die soziale Tat nachgeordnet wurde. „Die Frage nach dem Erhalt der Schöpfung haben sie den Grünen und der Ökumene überlassen.“ Diese Ansätze gebe es bis heute. In ihrer jeweiligen Einseitigkeit seien sie ungesund, auch wenn in den vergangenen Jahren versucht worden sei,  sie zu überwinden.

Faix weist darauf hin, dass der Klimaschutz zuweilen ideologische Züge annimmt. „Es kann eine Art Ersatzreligion sein.“ Davor dürfe man die Augen nicht verschließen. Es sei aber ein Fehler, die biblische Wahrheit nicht mehr ernst zu nehmen, weil bestimmte Gruppen ein Thema besetzen. „Wir leben in einer Zeit, in der die Auswirkungen des menschlichen Handelns irreparable Folgen für die Natur haben. Der Auftrag, die Schöpfung zu erhalten, ist keine Erfindung der Grünen oder der 68er, sondern es gibt ihn seit Anbeginn der Welt.“ Faix will nun empirisch untersuchen, wie Christen, Gemeinden und christliche Werke über Nachhaltigkeit denken und sie theologisch begründen. 

Weitere Infos rund um Nachhaltigkeit

„Micha Deutschland“ engagiert sich dafür, Christen für das Thema Gerechtigkeit zu sensibilisieren, und hilft, dass Nachhaltigkeitsziele (SDGs) umgesetzt werden: 

„Der Grüne Hahn“ der evangelischen Kirche. Das Umweltmanagement hilft Kirchengemeinden Schritt für Schritt beim aktiven Klimaschutz. Kontakt über die Umweltbeauftragten der Landeskirchen.

Der Verein zur „Förderung kirchlicher Umweltberatung in der katholischen Kirche“ (FKU) und der Zusammenschluss „Kirchliche Umweltberatung in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD)“ beraten zu Themen des nachhaltigen Schutzes der Schöpfung.

Das „Eco Church Network“ in der Schweiz ist eine Art Lernplattform für Kirchgemeinden, die mehr Nachhaltigkeit anstreben und umsetzen wollen oder sich ökologischen Fragen stellen.

FairCast – Der Podcast zu Nachhaltigkeitsthemen von Ulrich Mang und dem Deutschen EC-Verband startet Ende August.

Die internationale Umweltschutzorganisation „A Rocha“ arbeitet auf Grundlage des christlichen Glaubens. Gegründet wurde sie von einem britischen anglikanischen Pastor in Portugal. 

Steffen Kern, Vorsitzender des Evangelischen  Gemeinschaftsverbandes Württemberg, die Apis, und zukünftiger Präses des Gnadauer Verbandes, beobachtet: Der Pietismus habe sich bisher vor allem mit der Rechtfertigung des persönlichen Glaubens und der Rettung des Einzelnen beschäftigt – und darüber die Verantwortung für die Schöpfung anderen gesellschaftlichen Gruppierungen überlassen. „Es gibt Nachholbedarf, im Zuge einer christlichen Ethik Schöpfungsverantwortung wahrzunehmen. Wer biblisch-verantwortlich leben will, der kommt daran nicht vorbei.“ Die Verkündigung müsse das in den Gemeinden neu ins Bewusstsein rücken, auch wenn es schwer sei, den Lebensstil und seine Gewohnheiten zu ändern.

Nachhaltiges Wirtschaften sei zwar teurer, schaffe aber auch Markenvorteile, sagt er und nennt ein Beispiel aus seinem Verband: Das Gästehaus der Apis auf dem Schönblick serviere Salat und Gemüse aus eigenem Anbau. Das schlage sich im höheren Preis nieder, werde aber von den Gästen geschätzt. Bei Um- und Neubauten achte man besonders auf die Umwelt. Gebäude wurden mit Solaranlagen ausgerüstet, ein Blockheizkraftwerk sorgt für Wärme und Strom im Gästezentrum. Kern warnt davor, über Nachhaltigkeit mit erhobenem Zeigefinger zu debattieren. „Es braucht gelegentlich auch Ermahnung, aber wir brauchen an dieser Stelle mehr Ermutigung, um kreativ voran zu kommen.“

Dieser Artikel erschien zuerst in „PRO – das christliche Medienmagazin“. Bestellen Sie die aktuelle Ausgabe hier.

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4 Antworten

  1. Ich möchte den Initiativen, die im “frommen” Bereich das Thema “Nachhaltigkeit” und “Klimaschutz” hochhalten, ausdrücklich zustimmen und einen Gedanken beisteuern, auf den ich bei dem derzeit international vermutlich meistdiskutierten deutschen Philosophen Markus Gabriel gestoßen bin:
    Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, dass wir international vernetzt sind und dass es keine identitären Inseln gibt. Darüber hinaus hat sie deutlich gemacht, dass man einer neolibalen Marktsuprematie in die Speichen fassen kann und muss. Die vermeintlich unumstößlichen Gesetzen des Marktes wurde im Namen der Moral und der Politik einhalt geboten. Der Schutz des Lebens wurde ökonomischen Interessen übergeordnet, die Politik gebot über die Ökonomie (freilich sehen das Verschwörungsschwurbler anders, die hinter den Kulissen der Pandemie das große Geld und die NWO am Werke sehen, aber das ist erwiesenermaßen Quatsch)! Freilich wurde dieser “moralische Fortschritt” sofort beeinträchtigt durch nationale Egoismen in der Krisensteurerung und z.B. auch in der Impfstoffverteilung (das kann übrigens dem Westen noch böse auf die Füße fallen, denn das Virus und seine Mutationen kennt bekanntlich keine nationalen Grenzen)!
    Dieser Primat der Politik und der Moral gegenüber vermeintlich unumstößlichen ökonomischen Imperativen sollte nun – einer rundweg zustimmungswürdigen Forderung Gabriels zufolge – auf die vermutlich langfristig wesentlich bedeutsameren Felder, des internationalen Warenverkehrs, der Nahrungsmittelproduktion und des Klimaschutzes übertrfagen werden. Das sind aber nicht nur staatliche und/oder politische Aufgaben, sondern Problemfelder in der jeder Einzelne auch in seinem Konsumentenverhalten gefordert ist.
    Christen und Nicht-Christen sind in gleicher Weise betroffen und herausgefordert zusammenzuarbeiten. Das ist allein ein Frage rationaler Einsicht und moralischer Kompetenz bzw. Verantwortung. Wer das nicht anerkennt, ist entweder in seiner rationalen Einsichtsfähigkeit oder seiner moralischen Kompetenz/Verantwortung beeinträchtigt.

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  2. Klimaschutz war doch die ganze Zeit während Corona ein Thema. Das wird doch angstbesetzt dauernd gehypt. Da hoffen wir nur, dass sich auch finanziell schlechter gestellten Familien sich die höheren Preise auf dem Schönblick noch leisten können. Seltsam aber ist, dass man von manchen frommen Christen zu einigen Themen sehr viel hört zu anderen dagegen so gut wie gar nichts z.B.: unser schlechter Katastrophenschutz, Abhilfe gegen Hunger und Krieg IN den betroffenen Ländern, Ausweitung des Abtreibungsrechts, Einschränkungen der Meinungsfreiheit uvam. Ist man nicht mehr bereit die aktuell Regierenden zu kritisieren? Leider haben viele Fromme nicht verstanden, dass die Klimareligion zur ernsten Gefahr für den eigentlichen eigenen Auftrag geworden ist

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  3. Und wieder einmal evidenz- und faktenfreies Bashing nebst beliebigem What-aboutism. Zäumwen wir das Pfergd von hinten auf:
    Inwiefern ist die Klimareligion eine ernst Gefahr für den eigenen Auftrag? Und warum überhaupt Klima-“religion”? Anspielungsreicher NONSENSE!
    Inwiefern ist man nicht bereit die aktuelle Regierung zu kritisieren? Alle Maßnahmen während der Corona-Krise wurden und werden immer und immer wieder in Frage gestellt. Unsere Polititker waren in der Corona-Krise einer Dauerkritik ausgesetzt. Falasch Behauptung: NONSENSE!
    Einschränkung der Meinungsfreiheit. Matze widerlegt das in personam! Jeder “Nicht-geradeaus-denken-Könner” fand für seinen Blödsinn eine Bühne. Illegale Demos werden mit größter Zurückhaltung behandelt. Ergo: NONSENSE!
    Faktenbefreite Narrative immer aus derselben Schwurbelecke! Demokratie muss Blödsinn aushalten, aber geballter NONSENSE ist wirklich auch ärgerlich und anstrengend!

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  4. Das sich Christen für Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung einsetzen ist etwas Gutes !
    Wenn für Einzelne dies sogar in den Vordergrund rückt, ist auch das auch in Ordnung.
    Problematisch wird es aber nach meiner Ansicht wenn sich unmerklich Prioritäten verschieben.
    Wenn aus Sündenerkenntnis Umweltbewusstsein wird, aus Umkehr zu Gott, klimagerechtes Verhalten und aus Nachfolge der kleine ökologische Fußabdruck.
    Dies eingebettet in eine Art Selbsterlösungs- Fabel im Sinne von, wenn wir Menschlein nur alle schön zusammenhalten, machen wir aus unserem Planeten ein Paradies wird es zum Fallstrick und zur Ersatzreligion.
    Unsere Kernkompetenz ist das Evangelium und das sollte so bleiben, lassen wir Greenpeace und dem BUND seine Arbeit tun !

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