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Dienen, Helfen und Solidarität wurden neu mit Leben gefüllt

Eigentlich wollte Jörg Meyrer kein Buch schreiben. Es hat sich gelohnt, dass er es doch getan hat. Als Pfarrer im Ahrtal hat er die entsetzliche Flutkatastrophe im Juli 2021 miterlebt. Lebendig, ehrlich und facettenreich sind seine Eindrücke: und bei allem menschlichen Elend möchte er mit dem Buch auch Hoffnung weitergeben.
Von Johannes Blöcher-Weil
Das Ahrtal nach dem Hochwasser

Foto: Kai Schneiders

Das Hochwasser im Ahrtal hat für enormes menschliches Leid gesorgt

Jörg Meyrer ist seit 20 Jahren Pfarrer in Ahrweiler. Er hat im Juni 2021 hautnah die Flutkatastrophe an der Ahr miterlebt – und beruflich bewältigt. In seinem Buch „Zusammenhalten. Als Seelsorger im Ahrtal“ beleuchtet er die Geschehnisse rund um die Katastrophe, aber auch die vielen Solidaritätsbekundungen danach. Dabei fragt der Seelsorger, was diese Krisen für die Kirche und den Glauben bedeuten können.

Jörg Meyrer ist sofort mittendrin im Geschehen, als im Laufe des 14. Juli 2021 aus der 60 Zentimeter tiefen Ahr im Laufe des Tages ein reißender Strom wird. Der Seelsorger schildert in dem Buch, wie sich die Menschen auf das Hochwasser vorbereiten. Auch der Pfarrer versucht mit einigen Ehrenamtlichen, seine Kirche mit Sandsäcken zu schützen. Das ganze Ausmaß der Katastrophe kennt zum Glück keiner der Beteiligten.

Meyrer muss bald die ersten Gespräche mit trauernden Angehörigen führen. Er versucht, einfach da zu sein, wo Hilfe gebraucht wird. Vieles davon geschieht wortlos und unkompliziert. Es gibt aber nicht nur die 134 Todesopfer, sondern auch ganz viele Menschen, „die mit gebrochenen Herzen weiterleben müssen“. Der Pfarrer wird dabei mit ganz praktischen Fragen konfrontiert: etwa, wie er Menschen ohne intakte Friedhöfe beerdigen soll.

Hilfsangebote kanalisieren und Not in Erinnerung rufen

Die verheerenden Bilder brennen sich bei dem Seelsorger, aber auch bei den vielen ehrenamtlichen Helfern ein: Müllberge in Fußgängerzonen, überflutete Gebäude und unter Geröll begrabene Grabfelder. Es gilt, in aller Schnelle Hunderte Hilfsangebote zu kanalisieren. Meyrer steht gerne für die Medien Rede und Antwort, „weil die Not der Menschen in unserem Land in Erinnerung bleiben muss“.

Nach dem Hochwasser war nichts mehr so wie vorher (Foto: Kai Schneiders)
Nach dem Hochwasser war nichts mehr so wie vorher (Foto: Kai Schneiders)

Mit einigen Kapiteln des Buches gibt er auch einen Einblick in sein Innerstes. Auch er ist irgendwann kraftlos, stößt an seine Grenzen und hat Schwierigkeiten zu beten, weil „die vertrauten Worte nicht mehr passen und die vertrauten Gebetsorte fehlen“. Es sei erlaubt, dass es einem in solchen Situationen die Sprache verschlage. Geholfen hätten ihm in dieser Zeit die Gebete anderer Menschen, „damit wir durchhalten konnten“.

Der unglaubliche Zusammenhalt und die „ungezählten Helfer, die zu uns gekommen sind“ wären ein großes Hoffnungszeichen gewesen. Er selbst habe nah bei den Menschen sein wollen. Es habe begeistert, wie in dieser Ausnahmesituation Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten zusammengestanden und sich unterstützt hätten. Viele hätten sich ihm gegenüber weit weg vom Glauben gefühlt, seien aber mit ihren praktischen und konkreten Aktionen nah am Himmel gewesen.

Beistand über die sozialen Netzwerke geleistet

Das Buch geht aber nicht nur auf die unmittelbare Zeit nach der Katastrophe ein, sondern auch auf die Wochen und Monate danach. Meyrer beschreibt, wie die Menschen trotz ihrer Wunden damit anfangen, die eigene Heimat wieder für die kommenden Generationen aufzubauen. Sie hätten die Worte Dienen, Helfen und Solidarität völlig neu mit Leben gefüllt, „ohne dass sie diese Worte so in den Mund genommen hätten“.

Es sind die Geschichten von den Helden des Alltags, die das Buch lesenswert machen. Da sind vier Menschen, die sich dafür entschieden haben, ins Ahrtal zu ziehen, um beim Wiederaufbau zu helfen und den Menschen ihre Würde zurückzugeben. Meyrer versucht über seine Kommentare in den sozialen Netzwerken den Menschen in ihrem Ausnahmezustand beizustehen. Dort dankt er immer wieder den freiwilligen Helfern, teilt seine Erfahrungen mit der Politik und ist Anlaufstelle für Hilfesuchende.

Authentisch und lebensnah berichtet der Pfarrer Jörg Meyrer, wie er die Ereignisse im Ahrtal erlebt hat. (Foto: Bonifatius-Verlag)
Authentisch und lebensnah berichtet der Pfarrer Jörg Meyrer, wie er die Ereignisse im Ahrtal erlebt hat. (Foto: Bonifatius-Verlag)

Der Pfarrer bekennt ehrlich, dass er auf die Frage nach dem Warum der Katastrophe keine Antworten hat. Stattdessen wolle er die Wirklichkeit in ihrer Dimension akzeptieren und annehmen. Die Katastrophe habe überfordert und Trauer sowie Stillstand verursacht. Trotzdem gehe es darum, nach vorne zu blicken und die Zukunft zu gestalten: sowohl in den Kirchen als auch in der Gesellschaft.

Kirchen als Lebensmittelpunkt

Die Kirchen seien in der Krise Lebensmittelpunkte und Umschlagplätze für Spenden aller Art gewesen. So ähnlich wünscht er sich ihre Rolle in der Zukunft. Gerade in einer Situation, in der alle Sicherheiten wegfallen, sei es wichtig, die Dankbarkeit nicht zu verlieren. Die Orientierung an Gott helfe dabei, durch Krisen hindurchzugehen und Mut zur Veränderung zu haben.

Die Flutkatastrophe habe gezeigt, wie Menschen in der größten Not ganz selbstverständlich zusammengehalten haben. Dies betrachtet der Pfarrer auch als große Herausforderung: „für die Kirche, in der Seelsorge und für die Menschen, die den Weg Jesu zu den Menschen gehen wollen“. Wichtiger Bestandteil des Buches ist der „Ahrpsalm“ des Jerusalemer Priesters Stephan Wahl und das Gedicht „Bitte“ von Hilde Domin.

Jörg Meyrer, „Zusammenhalten. Als Seelsorger im Ahrtal“, 224 Seiten, 20 Euro, Bonifatius Verlag, ISBN 9783897109346. Das Buch erscheint am 15. Juni 2022.

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Eine Antwort

  1. Danke, dass Sie auf das Buch von Pfarrer Jörg Meyrer “Zusammenhalten. Als Seelsorger im Ahrtal” aufmerksam machen. Ich habe es mir bereits gekauft und hoffe, dass es viele Leser finden wird, damit diese Flutkatastrophe nicht in Vergessenheit gerät und auch die von der Flut geschädigten Bewohner des Ahrtales nicht vergessen werden. Sie brauchen noch sehr lange unsere Hilfe – in vielerlei Hinsicht.
    Obwohl ich durch Facebook stunden- und tagelang über diese unglaubliche Verwüstung auf einer Strecke von 80 km (!) informiert wurde und mit Tränen vor dem Bildschirm saß, ist es sinnvoll und wichtig, dass der betroffene Pfarrer das Geschehen in seinem Buch aufgezeichnet hat – wobei auch beim Lesen Tränen fließen!
    Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, dass Betroffene und Helfer weiterhin zueinanderfinden, so dass der bisherige großartige Zusammenhalt auch in Zukunft das Ahrtal bestimmt. Dazu kann übrigens jeder Leser/jede Leserin beitragen z.B. durch praktisches Mitanpacken, durch Urlaub im Ahrtal, Besuch von Weinfesten, Spenden an die Dachzeltnomaden, Ahrtal-Tourismus, Patenschaft mit Betroffenen, etc. – um nur einige zu nennen. Der Autor kennt bestimmt weitere Möglichkeiten der Unterstützung.

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