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Meinung

Warum ich Wikipedia mag

Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia feiert in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag. pro-Redakteur Norbert Schäfer ist begeisterter Nutzer und gratuliert zum Jubiläum.
Von Norbert Schäfer
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Wikipedia-Eintrag Foto: Screenshot pro
Laut Wikipedia umfasst das Online-Lexikon mehr als 55 Millionen Artikel, davon über 2,5 Millionen auf Deutsch

Dieses Jahr feiert die Online-Enzyklopädie Wikipedia, eine der weltweit am häufigsten besuchten Websites, 20-jähriges Bestehen. Das Online-Lexikon, das durch ehrenamtliche Mitarbeit Vieler lebt und stetig wächst, nutze ich gerne und häufig. Hand aufs Herz: Welcher Journalist tut das nicht? Wohl jeder nutzt Wikipedia. Ein Grund ist, dass die großen Suchmaschinen Treffer, die zu dem Online-Lexikon führen, weit oben listen.

Dazu kommt, dass Artikel in dem digitalen Wissensspeicher verständlich geschrieben, gut gegliedert und meist mit zahlreichen Quellenangaben und Literaturangaben angereichert sind. Ein Füllhorn für weitere Recherche, zumal wichtige Details zu einem Themengebiet nur einen weiteren Klick entfernt abrufbar sind. Ich mag Wikipedia.

Dass Einträge in dem Online-Lexikon durchaus auch eine inhaltliche „Schlagseite” in die eine oder andere Richtung haben können, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Den Umstand sollten Nutzer kennen, sich aber nicht weiter daran stören. Viele Christen ärgert aber an Wikipedia, dass Artikel den Themenbereich der Religion, speziell des christlichen Glaubens, seiner schriftlichen Quelle und der auftretenden Protagonisten kritisch beschreiben.

Sie vergessen dabei, dass das Online-Lexikon keine missionarische Website ist, sondern geprägt vom Geist der Aufklärung und des Humanismus. Aufklärerische, humanistische Motive sind die Triebfeder, aus der heraus der Online-Almanach entstand und das Projekt stetig weiterentwickelt und fortgeschrieben wird. Die Wikipedia steht daher Religion immer kritisch, tendenziell sogar negativ gegenüber.

Weil der digitale Almanach vielen Christen bereits früh zu anti-christlich und politisch zu weit links erschien, gründete ein amerikanischer Rechtsanwalt ein neues Wiki: das „Conservapedia“. In diesem Wiki – im Gegensatz zum Original lediglich auf Englisch und nicht in beliebig vielen Sprachen verfügbar – sind Kritik an der Evolutionstheorie und progressiven gesellschaftlichen Kräften ausdrücklich erwünscht.

Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, dass besonders die christlichen Aspekte bei einem Thema herausgestellt werden. Das muss man mögen. Es gibt mittlerweile verschiedene Wikis, die sich auf die Darstellung eines Themengebietes unter einem speziellen Blickwinkel versteift haben. Auch solche, die eine einschlägige Sicht der Welt auf digitalem Weg an Mann und Frau bringen wollen. Etwa eine, sie sich selbst als „alternative Enzyklopädie vorrangig für Kultur, Philosophie, Wissenschaft, Politik und Geschichte“ versteht und deren Inhalte wegen erkennbar rechtsextremer Gesinnung nicht mehr bei Google gelistet werden.

Nur wenn viele mitmachen, haben viele etwas davon

Als weiteres Beispiel für eine bewusste Verengung der Weltsicht sei hier „Kathpedia“ genannt. Dieses Wiki lädt „primär Christen zur aktiven Mitarbeit“ ein und gibt als „oberste Richtschnur in allen Zweifelsfällen die Analogie des Glaubens, die Heilige Schrift zusammen mit der Tradition der Kirche, wie sie in den kirchlichen Lehrdokumenten, dem Katechismus der Katholischen Kirche sowie dem Kompendium des Katechismus dargelegt werden“, vor.

Ich mag die freie Internet-Enzyklopädie. Auch deshalb, weil über strittige Themen in den zugehörigen Diskussionsseiten, die alle Nutzer sehen können, debattiert wird. Das mutet mitunter kleinteilig an, weil sich die Debatten über Nuancen einer Formulierung oder einen speziellen Sachverhalt über gefühlt mehrere Bildschirmkilometer ergießen. Aber mir kommt das Ringen um Details in Zeiten keulenhafter „Cancel Culture” und diagnostizierter Diskursverengung im Politischen geradezu erfrischend vor. Dies gilt übrigens auch für Themen rund um den christlichen Glauben.

Die ideologisch oder religiös bedingten Stellungskriege unter der Oberfläche der Wikipedia, die sich beispielsweise zum Thema Homosexualität und Religion, Gender, Corona und Co. mit nicht zu überbietender Zähigkeit auf Diskussionseiten festgefressen haben, tue ich mir allerdings kaum noch an. Zu bunt, zu interessant, zu inspirierend – aber auch noch so unendlich lückenhaft ist die schöne Welt des feien Wissens der Wikipedia.

Gespannt werde ich verfolgen, in welche Richtung sich dieser Wissensspeicher in den nächsten Jahren weiterentwickelt. Denn wie viele andere Organisationen und Initiativen, die auf das freiwillige Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter setzen, hat auch die Wikipedia Nachwuchssorgen.

Neue Autoren für die Enzyklopädie zu gewinnen, wird eine herausfordernde Aufgabe für die nächsten Jahre sein. Denn die Fülle an Information will gepflegt und auf aktuellem Stand gehalten werden. Vom Konzept der Wikipedia bin ich überzeugt. Aber es funktioniert nur, wenn viele mitmachen. Dann werden auch weiterhin viele etwas davon haben.

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2 Antworten

  1. Licht und Schatten bei Wikipedia.
    Viele Beiträge der freien Internet-Enzyklopädie sind gut belegt, mehrfach auf Qualität geprüft und im Gegensatz zu gebundenen Lexika in Teilen sogar tagesaktuell.
    Als immer verlässliche Quelle kann Wikipedia aber auch 20 Jahre nach der Gründung nicht gelten, da Manipulationen möglich sind und oft nicht sofort entdeckt werden.
    Zum offenen Prinzip von Wikipedia gehört es, als Nutzer mit einem kritischen Auge zu lesen.

    Mindestens sollte man sich zu den Inhalten die Quellen ansehen (die Wikipedia ja transparent ausweist).
    Ist die Quelle selbst seriös und zuverlässig, – oder nur ein meinungsmachender Zeitungsartikel?
    Und, ist diese Quelle tatsächlich sinngerecht zitiert?
    Wie jeder weiß, es gibt bei Wikipedia kein Lektorat. Jeder kann alles schreiben. Korrigiert wird erst, wenn jemandem ein Fehler auffällt.

    Damit ist Wikipedia sicher auch ein sinnvolles und dankbares Feld für christliches Engagement.
    Christen haben in den Klöstern das Wissen der Menschheit über Jahrhunderte bewahrt, Christen haben Universitäten gegründet. Und heute engagieren sie sich aus der gleichen Motivation bei Wikipedia.

    Denn Wahrheit und Liebe gehören zusammen:
    “Wir wollen in einem Geist der Liebe an der Wahrheit festhalten, damit wir im Glauben wachsen und in jeder Hinsicht mehr und mehr dem ähnlich werden, der das Haupt ist, Christus.”

  2. Nun, wenn man mit einer 80%-Information zufrieden ist, dann kann Wikipedia eine gute Sache sein.
    Es kommt darauf an, was man wissen will und welche Anforderungen man an die gebotene Antwort stellt.
    Vorschlag für einen Test über die Zuverlässigkeit: Man suche das Thema, über das man garantiert selbst am meisten weiß und schaue sich den entsprechenden Eintrag bei Wikipedia an –> Was ergibt sich daraus für eine Beurteilung? — Ich habe zufällig ein Stichwort gefunden, bei dem sich zwei sehr gegensätzliche “Autoren” fast täglich bekämpften, indem abwechselnd die Meinung des jeweils anderen zu lesen war – sehr lustig, aber nicht zielführend. — Der Brockhaus kam vielleicht im Schnitt auf 90 bis 95%,
    ein parteipolitisch geprägtes Lexikon aber kaum auf 70%. Und Wikipedia ist evtl. brauchbar für einen ersten Überblick.

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