Analyse

Und jetzt alle: Freikirchen, buuuuuuuh!

Um „Christfluencer“ sollte es gehen, es wurde ein Rundumschlag gegen Freikirchen: Auf der „Republica“ hat ein Panel Oberflächlichkeit und politische Ambitionen von Evangelikalen angemahnt – und war dabei selbst reichlich undifferenziert.
Von Anna Lutz

„Feed, Faith and Jesus Glow – Christfluencing Macht Glaube“, lautete der reichlich sperrige Titel eines Panels auf der Netzkonferenz „Republica“, das sich eigentlich mit dem Internetphänomen christlicher Influencer beschäftigen wollte, dann aber in eine Allgemeinkritik an Freikirchen abdriftete. Über sie sprachen die Panelisten, als seien sie allesamt Sekten und untergrüben die Freiheit ihrer Gottesdienstbesucher. 

Über das Thema sprachen die Pfarrerin Maike Schöfer, der bei der humanistischen „Giordano-Bruno-Stiftung“ und im Freundeskreis des „Zentralrats der Konfessionsfreien“ organisierten Podcaster Adrian Rosetta und der Pastor Quinton Ceasar. Letzter ist vor allem bekannt geworden, weil er auf dem Evangelischen Kirchentag einmal unter andem predigte: „Gott ist queer.“ Dafür wurde er hart angefeindet. 

Ehetipps und coole Musik

Zwar erklärte Schöfer gleich zu Beginn, Freikirchen seien nicht alle über einen Kamm zu scheren. Sie tat das dann aber gemeinsam mit den anderen Speakern im Folgenden, und das sehr engagiert. Freikirchen und auch Christfluencer punkteten durch coole Musik und Kleidung, gäben aber reaktionäre Lebenstipps, etwa, dass Christinnen nur Männer mit langen Bärten heiraten sollten. Dabei seien die Freikirchler gänzlich kritikunfähig, obwohl der Streit doch protestantische Tradition sei. „Ich darf mich auch entwickeln“, sagte Schöfer. Und weiter: „Das ist in diesen Gemeinschaften nicht möglich.“ Im digitalen Raum könne sie gegen die Kraft derjenigen, die einfache Antworten geben wollten, nicht ankommen. Wohl aber wolle sie da sein für jene, die wirklich Fragen hätten. 

Die Pfarrerin sprach über den Fall Frauke Brosius-Gersdorf, jener Juristin, die beinahe Bundesverfassungsrichterin wurde, dann aber nicht gewählt wurde, unter anderem wegen Kritik an ihrer Haltung zu Abtreibung. Manche unterstellten eine rechte Kampagne, die dazu geführt habe und von der die Union sich habe beeinflussen lassen. Darin sieht Schöfer ein System, an dem auch rechte Christen aus Freikirchen beteiligt sind. Man wolle politisch mitspielen, setze sich für ein Abtreibungsverbot ein und werde immer stärker. Dann schob sie ein: „Kirche mischt ja mit in der Politik“, und meinte damit ihre eigene. Aber im Gegensatz zu den Evangelikalen höre sie Politiker aller Parteien.„Wir halten uns aus“, lobte sie die Diversität in ihrer evangelischen Kirche immer im Gegensatz zu den Freikirchen.

Faktencheck, bitte!

Ein kleiner Faktencheck an dieser Stelle: Natürlich ist die Evangelische Kirche in Deutschland nicht politisch neutral. Natürlich hat sie politische Ziele, man denke daran, dass sie etwa dabei half, ein Rettungsschiff für Geflüchtete ins Mittelmeer zu schicken oder sich gegen die Wahl der AfD ausspricht. Sie veröffentlicht Stellungnahmen zu Organspende oder Abtreibung. Das muss man nicht schlecht finden, aber neutral ist es nicht.

Und natürlich sind Freikirchen in keiner Weise durch die Bank reaktionär, queerfeindlich oder sexistisch. Man lese dazu etwa die Verlautbarungen der Vereinigung evangelischer Freikirchen oder des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Zuletzt versendete letzter etwa eine Resolution, in der die Christen angesichts von Kriegen, Klimakrise und wachsendem Extremismus zur Wahrung der Menschenrechte, Gewaltlosigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung aufrief. 

Zurück zur „Republica“. Quinton Ceasar erklärte, gleich nachdem er übrigens einräumte, ein wahrer Glaube sei immer politisch, zu Freikirchen: „Isolierung spielt eine große Rolle.“ Als Beispiel nannte er die „Hillsong“-Gemeinde. Es handele sich um eine „eingeschworene Gruppe“, deren Willkommenskultur ein Köder sei. Adrian Rosetta, der sich übrigens nicht als Kirchenexperte versteht, monierte die simplen Mechanismen, mit denen Christfluencer Klicks sammelten: „Die machen‘s sehr einfach, es gibt Mann und Frau und nicht mehr.“ 

Theologie aber sei komplex und das finde da schlicht keine Beachtung. „Wenn ihr Freundinnen und Freunde habt, die in einer Freikirche sind…“, hob er dann an und verwies an die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Die könnten dabei helfen, herauszufinden, ob sich ein geliebter Mensch in seiner Freikirche in Gefahr befinde. 

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