Mit Künstlicher Intelligenz generierte Tiervideos sind bereits allseits bekannt. Tiere, die angeblich vergnügt auf Trampolinen herumspringen, oder solche, denen Menschen scheinbar aus Notsituationen helfen. Nutzer der sozialen Medien können mitunter gar nicht mehr unterscheiden zwischen Fakt oder Fake. Doch im Netz hat sich eine ganz eigene Mode von KI-Videos entwickelt: kitschige Videos von biblischen Figuren – meistens Jesus –, die ein spirituelles Bedürfnis stillen.
KI-Bilder und Videos mit explizit religiösem Inhalt sind mittlerweile sehr erfolgreich auf Plattformen wie Tiktok, Instagram und Facebook. Sie bringen den Urhebern viele Klicks ein und damit Geld. Immer wieder ist darin Jesus zu sehen, wie man sich ihn für gewöhnlich in der westlichen Welt vorstellt, in weißem Gewand, oft mit einer farbigen Schärpe. Die meisten Szenen sind fotorealistisch, manche aber eher cartoonartig. Hunderttausende und sogar Millionen Menschen konsumieren diese Videos.
Bei diesem Content, den man mittlerweile als „KI-Slop“ (Slop für „Schlamm“ oder „Essensreste“) bezeichnet, geht es meistens um übertriebene Emotionen und plötzliche Wendungen, die mit sentimentaler Musik untermalt sind. Jesus reitet auf einem großen Feuerlöwen; Jesus heilt kranke Kinder oder erweckt tote Tiere zum Leben; Jesus empfängt den im März 2026 verstorbenen Schauspieler Chuck Norris im Himmel.
Ein häufiges Motiv ist zudem eine Person, die eine Treppe im Himmel hinauf läuft, von Jesus in weißem Gewand empfangen und umarmt wird. Videos wie diese sind meistens explizit in einen ernstgemeinten christlichen Kontext eingebettet und mitnichten als Satire gemeint. Versehen sind sie mit Hashtags wie #jesus #heaven und #jesusisking, aber auch #bible und #catholic. Der Tiktok-Kanal „Jesus ist King“ vertreibt zahlreiche Videos dieser Art und hat 4,7 Millionen Follower.
Auf Videos des Tiktok-Kanals „Samson“ formt Jesus aus Lehm ein kleines Mädchen, dass dann zum Leben erwacht. In anderen Filmchen verscheucht Jesus den Teufel mit einem Lichtschwert. In einem Video legt Jesus einem Mädchen, das keine Arme und Beine hat, die Hand auf, und sofort wachsen dem Mädchen die fehlenden Extremitäten. Dann zaubert Jesus einen großen Lolli herbei und schenkt ihn dem Mädchen.
Oft haben die Gesichter der Personen große Ähnlichkeiten mit Schauspielern, die einmal Jesus dargestellt haben, etwa James Caviezel, der Jesus in „Die Passion Christi“ spielte – die Folge davon, dass sich KI des Inhaltes bedient, den sie im Internet findet. Manchmal ist mit KI der Bau der Arche Noah nachgebildet, und Tiere, die paarweise das Schiff betreten.
Auch dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist die Macht der Kombination aus KI und Religion nicht entgangen: Im April 2026 postete er ein Bild, das ihn als eine Art Jesus-Figur in einem weißen Gewand mit einer scheinbar heilenden Hand auf dem Kopf eines liegenden Mannes zeigte. Nach Vorwürfen der Gotteslästerung löschte er es wieder.
Freelancer aus Nigeria und Asien bauten christliche KI-Inhalte
Dass sich die Kombination aus KI und christlicher Religion monetär lohnt, zeigt eine Recherche des amerikanischen Technik-Magazins „The Verge“. Die Journalisten fanden zahlreiche Angebote auf Job-Plattformen für Freiberufler wie „Fiverr“ oder „Upwork“, welche Wert auf die Erstellung religiöser KI-Videos legen. „Fiverr“ ermöglicht es Nutzern, Arbeitsproben für potenzielle Kunden hochzuladen. Auf dieser Website bieten Menschen aus aller Welt ihre Dienste an, einige der bestbewerteten Freelancer sind in Afrika und Südasien ansässig.
„Dieses Muster spiegelt gewissermaßen die Praxis von KI-Firmen wider, Modelltraining und Datenkennzeichnung ins Ausland auszulagern, um Kosten zu sparen“, schreibt „The Verge“. Das Magazin sprach mit Video-Creator aus Nigeria und Pakistan, die günstig und schnell Inhalte erstellen, die sich leicht online monetarisieren lassen. „Man könnte meinen, dass viele Zuschauer diese Art der Bibelinterpretation als gotteslästerlich empfinden würden“, schreiben die Autoren. „Doch die Kommentarspalten sind voll von Menschen, die betonen, dass ‚Jesus über diese Videos auch lachen würde‘ und die Kanäle für die Verbreitung der Botschaft Christi loben.“
Die Journalisten sprachen mit einem pakistanischen Freelancer, der einen typischen Produktionsablauf für christliche KI-Videos erklärt: Zunächst bat er ChatGPT um Ideen für Dialoge zwischen biblischen Figuren. Anschließend nutzte er ChatGPT, um aus diesen Dialogen ein Drehbuch mit einzelnen Szenen zu erstellen. Dieses Drehbuch wurde an das KI-Audio-Tool „ElevenLabs“ gesendet, um eine Audio-Erzählung und passende Untertitel zu generieren.
Nachdem der Video-Creator ChatGPT gebeten hatte, Kameraanweisungen und Einstellungsbeschreibungen in das Drehbuch einzufügen, speiste er jede Szene in Grok ein, um visuelle Elemente zu erzeugen, die anschließend in CapCut mit der KI-Erzählung zusammengeschnitten werden konnten. „The Verge“ ergänzt: „Die mangelhafte Bildqualität der Videos scheint weder die Auftraggeber noch die Zuschauer zu stören. Und obwohl diese Art von Inhalten zumindest ein wenig anstößig wirkt, kümmert das die Produzenten nicht, denn es geht ums Geld.“
Auf der Job-Plattorm „Upwork“ suchte im April etwa ein „wachsender christlicher YouTube-Kanal“ nach Freelancern, die vorgegebene Drehbücher mit Nano Banana und HeyGen umsetzen, zwei bekannte Generatoren für KI-Videos. Im Arbeitsauftrag heißt es explizit: „Jedes Video beginnt mit einem vollständig ausgearbeiteten Skript und einem sprechenden HeyGen-Avatar. Ihre Aufgabe ist es, das Ganze visuell zum Leben zu erwecken. Ein sprechender Avatar namens ‚Pater Daniel‘ soll in den Videos zum Publikum sprechen. Entstehen sollen KI-generierte Bilder und Szenen, die zur Erzählung passen: historische Bilder von Padre Pio, stimmungsvolle Kirchenszenen, dramatische filmische Bilder“. Padre Pio war ein italienischer Ordenspriester, der schon zu Lebzeiten sehr verehrt und 2002 heiliggesprochen wurde.
„Bibel-Geschichten verkommen zum ‚Content’“
Der Youtube-Kanal „AI Bible“ hat sich auf christliche KI-Videos spezialisiert und ist damit sehr erfolgreich. In einem Video stürzen Gebäude ein, und verängstigt wirkende Menschen bahnen sich kriechend einen Weg durch die Trümmer. Hörner ertönen, und ein Engel erscheint, schwebend über dem Chaos. Dann tauchen Monster auf – darunter ein siebenköpfiger Drache. Die visuellen Elemente dieses achtminütigen Videos, das einen Abschnitt der Offenbarung des Johannes darstellt, wurden vollständig mithilfe von KI-Tools generiert. Die Zuschauer scheinen Gefallen an dem zu finden, was sie sehen: Nach wenigen Monaten seit der Veröffentlichung hat das Video bereits fast eine Million Aufrufe erzielt.
Hinter „AI Bible“ steckt die Plattform Pray.com, ein gewinnorientiertes Unternehmen, das von sich behauptet, „die weltweit führende App für Glaube und Gebet“ anzubieten. Laut Ryan Beck, dem Chief Technology Officer von Pray.com, werden die neuen KI-Videos im Internet sehr positiv aufgenommen. Der Kanal hat auf Youtube 400.000 Abonnenten, auf Tiktok noch einmal 800.000, und auf Instagram 1,3 Millionen.
Dem amerikanischen Sender NPR gegenüber äußerten sich Theologen skeptisch angesichts des Trends. Die Videos beraubten die Bibel ihrer eigentlichen Kraft, indem sie das heilige Buch auf das Niveau eines Actionfilms herabstuften, meint Brad East, Professor für Theologie an der Abilene Christian University in Texas. „Es ist deprimierend, dass überhaupt jemand auf die Idee kommen könnte, dieser Umgang mit biblischen Inhalten sei in irgendeiner Weise geistlich erbaulich“, so der Theologe.
John Dyer, Professor am Dallas Theological Seminary und Autor des Buches „People of the Screen“, das die Geschichte der Bibelsoftware nachzeichnet, sagt: Für Evangelikale gelte auch in Sachen moderner Technologie: „Wenn es Menschen mit der Bibel verbindet, dann ist es eine gute Sache.“ Brad East, Professor für Theologie an der Abilene Christian University in Texas, kommentiert: „Das alles besitzt eine Marvel-Ästhetik – oder eher eine Videospiel-Ästhetik im Stil von Marvel –, und zwar in all ihren schlechtesten Ausprägungen. Als wäre das ein erstrebenswertes Ziel.“ Die Inhalte der Bibel verkümmerten zum bloßen „Content“, der Klicks generieren soll, kritisierte der Theologe.