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Meinung

„Squid Game“: Die Tötungs-Show ist unerträglich

Die Netflix-Serie „Squid Game“ macht die Zuschauer zum Publikum eines fiktiven brutalen Spiels für übersättigte Wohlstandsmenschen, die für ihre Unterhaltung einen besonderen Kick brauchen. Das ist umso verstörender, wenn man eine KZ-Gedenkstätte gesehen hat.
Von Jörn Schumacher
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In der Serie "Squid Game" wird menschenverachtende Gewalt gezeigt. Kinder spielen diese Szenen nach. Experten warnenvor der Serie.

Foto: Netflix

Wer verliert, stirbt – das ist die eiskalte simple Logik in der Serie „Squid Game“

Die Serie „Squid Game“ ist in aller Munde. Netflix hatte ursprünglich nur in Südkorea, wo die Serie produziert wurde, großflächig dafür geworben, ganze U-Bahn-Stationen waren werbewirksam zu „Spielflächen“ aufgebaut, wie sie aus den Filmen bekannt sind. Das Übrige tat Social Media: Selten gab es so einen massiven Hype bei Twitter, Tiktok und Co. Der schwappte nach Amerika und Europa, und schließlich spielen Kinder überall auf der Welt die bösen Spiele aus der Serie nach und verkleiden sich wie die Hauptfiguren.

Die Serie ist eine Goldgrube für Netflix. Angeblich schnellte die Abonnentenzahl im dritten Quartal um 4,4 Millionen auf knapp 214 Millionen in die Höhe. Damit ist „Squid Game“ die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten. Einem Bloomberg-Bericht zufolge beziffert Netflix den Wert der neunteiligen Serie für das Unternehmen auf fast 900 Millionen Dollar. Vier Wochen nach dem Start hatten 142 Millionen Nutzerkonten die Serie angeschaut. Netflix teilte mit, dass sie „unsere größte TV-Show jemals“ sei. Eine zweite Staffel ist geplant.

Leider besteht das Erfolgsrezept der Serie aus einem Unterhaltungsprogramm, das auf Gewalt fußt. Und einem psychischen Terror, wie er wohl selten bislang im Fernsehen zu sehen war. Denn im Zentrum der Serie steht eine menschenverachtende Show für Superreiche, in denen 456 verzweifelte Menschen heimlich auf einer einsamen Insel um viel Geld kämpfen. Umgerechnet 33 Millionen Euro können diejenigen gewinnen, die mehrere Kinder-Spiele überstehen. Und dabei geht der Veranstalter dieser fiktiven modernen Gladiatorenkämpfe ohne Skrupel vor: Maskierte „Wächter“ schießen jeden nieder, der entweder verloren hat oder sich anderweitig nicht regelkonform verhält. Stumm, kalt und unbarmherzig.

Man sollte besser ausschalten

Das ist wohl das Erschütterndste an „Squid Game“: Die kalte Berechnung, dass, wenn andere Mitspieler umkommen, die eigenen Chancen für den Gewinn steigen. Irgendwann gehen nachts die Lichter im Wohntrakt aus, und es beginnt ein Abschlachten, wie es sonst nur aus dem Tierreich bekannt ist. „Squid Game“ ist dabei aufwendig produziert, die Schauspieler sind gut, alles wirkt echt, sogar die menschlichen Reaktionen sind sehr einfühlsam nachempfunden.

Logischerweise bekommt jeder, der die Serie schaut, Gefühle von Sympathie für die einen und Abneigung gegen die anderen Mitspieler. Und schon ist man selbst in der Rolle des Zuschauers, der unterhalten werden möchte, der auch noch die nächste Folge anklickt und „gekickt“ ist von der brutalen Inszenierung von eigentlich harmlosen Kinderspielen. Das Abschlachten ist dabei so widerwärtig, dass man eigentlich ausschalten möchte. Und sollte. Denn man will eigentlich nicht unterhalten werden von einem Konzept, das auf dem gezielten Leid anderer baut.

Ich schaute die Serie unter anderem bei einem Besuch in Krakau anlässlich des 9. Novembers, des Jahrestages der „Reichskristallnacht“ 1938, abends im Hotel, weiter. Bei dem Aufenthalt stand auch ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz auf dem Programm meines Aufenthalts. Als Deutscher diesen Ort zu besuchen, ist besonders erschütternd. Das riesige Ausmaß dieser Todes-Anlage und die strenge Ordentlichkeit, mit der hier unschuldige Menschen kalt und mit deutscher Gründlichkeit ermordet wurden, sind nicht in Worte zu fassen. Darum ist es wohl am besten, hier zu schweigen, um an anderen Orten umso mehr die Stimme zu erheben, etwa wenn dumpfe „Politiker“ versuchen, das Andenken von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zu diffamieren oder gar den Holocaust und die Gaskammern zu leugnen, deren Ruinen man eben gerade noch persönlich betreten hat.

Es dämmert einem irgendwann, dass „Squid Game“ im Grunde nicht so weit entfernt ist von eben diesem: einer systematischen Tötungsmaschine, in der eine kleine mächtige Gruppe eine große wehrlose Gruppe Unschuldiger abschlachtet. Die Teilnehmer der fiktiven Show der Serie sind freiwillig in diesem Kerker, ja, aber was man ihnen dort antut, ist unmenschlich und die Teilnahme sollte ihnen eigentlich – zum Schutz vor sich selbst – verboten werden.

Der tiefste Punkt der menschlichen Existenz

Denn was den Aufenthalt in der Tötungs-Show mindestens ebenso unerträglich macht wie die maskierten Erschießungskommandos in bunten Anzügen, ist das Verhalten vieler anderer Teilnehmer. Sie sind arme, gescheiterte Menschen, die so viel Schulden haben oder aus anderen Gründen keine Chance mehr im Leben außerhalb der Mauern des „Squid Game“ sehen, dass sie hier drinnen nicht nur alle Hoffnung haben fahren lassen, sondern auch jede Moral.

Jeder gegen jeden, heißt für viele die konsequente Entscheidung in ihrer Gier nach dem Preisgeld; und dass die Personen sich irgendwann gegenseitig umbringen, die Schwächsten suchen um sie auszuschalten, gehört zum perfiden Unterhaltungsprogramm für die Superreichen, die im Bademantel und mit Sekt in der Hand dem Spiel von außen zusehen. Die Idee der Evolution auf die Spitze getrieben, sozusagen. Hier stellt sich die Frage: Gibt es als höchste Instanz für alle Entscheidungen nur das eigene Überleben, oder steht über alle dem doch noch eine Moral, ein Richter, der zwischen Gut und Böse unterscheiden und darüber nach dem Leben auf der Erde richten wird?

Im KZ Auschwitz gelang es einigen wenigen, zu entkommen, berichtet der Guide, der die Gruppe auf dem Areal herumführt. Doch ihre Zahl ist verschwindend gering angesichts der 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen, die hier umgebracht wurden. Die meisten derjenigen, die entkamen, hatten einfach Glück, sagt der Guide. Manche durchschauten das System vielleicht, erkannten Lücken, passten sich an. Und manche, auch das gehört zur bitteren Wahrheit von Auschwitz, erhielten Belohnungen, weil sie den Nazis halfen, weil sie ihren Vorteil über das Wohl anderer stellten, Mithäftlinge verrieten oder zusammenschlugen. Diese „Kapos“ sind ein Beispiel für diese auferzwungene Verwandlung in ein Tier, das nur noch seinen eigenen Vorteil im Blick hat. Und diese Verwandlung ist oft eben mindestens genauso erschütternd wie der heiß gewordene Lauf eines Maschinengewehrs, das für Ruhe sorgt. Wenn der Mensch dem anderen Menschen zum Tier wird, ist der tiefste Punkt der menschlichen Existenz erreicht.

Ein Christ macht es nicht anders als die anderen

Zum Glück gibt es auch in „Squid Game“ Einzelne, die sich dagegen wehren, dass die Spielleiter auch die letzte menschliche Würde vernichten wollen. Manche Insassen helfen anderen, Frauen und Alte werden teilweise beschützt – aber oft auch nur so weit, bis es wirklich um die eigene Existenz geht. Dieses Psychospielchen treibt „Squid Game“ so weit, dass man sich nach Konsum der Serie schlecht fühlt.

Bitter: Ein Spielteilnehmer wird als gläubiger Christ dargestellt, der zwar permanent andere umbringt, aber danach jedes Mal Gott um Vergebung bittet. Und überlebte er ein Spiel, das er nur dank der Hilfe anderer Mitspieler gewinnen konnte, dankt er Gott. Das macht ihn natürlich unbeliebt bei den anderen. Eine Teilnehmerin liest ihm die Leviten und herrscht ihn an: Nicht Gott hast du dein Überleben zu verdanken, sondern dem schlauen Mitspieler, der einen Kniff kannte und so das Spiel gewinnen konnte. Die Darstellung des Glaubens in der Serie ist vernichtend. Auch dieser Christ in dieser grausamen Hölle stellt sein Überleben über das von anderen.

Niemand weiß, wie man sich in solch einer Situation wirklich verhalten würde. Was das „Squid Game“ angeht, wünscht man sich permanent jedenfalls, keiner der Teilnehmer der fiktiven Unterhaltungsshow hätte jemals zugesagt. Und als Zuschauer dieser Netflix-Serie wünscht man sich, man hätte mit der Serie nie angefangen.

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5 Antworten

  1. Man mag von Squid Games halten, was man will. Es ist in Verbindung mit dem Nationalsozialismus zu bringen, ist aber wohl absolut unangebracht. Der viel näherliegende Zusammenhang besteht zu den römischen Gladiatorenkämpfen oder Filmen wie den Tributen von Panem (The Hunger Games). Ich persönlich finde die Serie gut gemacht, eben weil sie auf hohem schauspielerischen Niveau die Verlorenheit der Menschheit zeigt, in der nur noch die Gier regiert. Als Christen kennen wir in Jesus einen Ausweg aus dieser Miserie. Diesen finden wir bei Squid Games nicht. Das sollte man jedoch von einem solchen Format auch nicht erwarten.

  2. Ist das Leben nicht stellenweise schon hart genug? Manche Mitmenschen, z.B. im Strassenverkehr, schon so selbstbezogen und egostisch, dass man damit als Christ zu kämpfen hat, nicht in das Muster der Vergeltung zu fallen. Ist die “Welt” nicht auch so schon ungerecht genug und es ist nicht schon herausfordernd genug zu akzeptieren, das es nur bei Gott wahre Gerechtigkeit geben wird und, wenn wir sein Wort ernst nehmen, es evtl. auch ein wenig bei uns gerechter als sonst zugeht? Muss man sich dann auch noch so etwas anschauen und damit fördern? Wozu? Ja, das sollte man sich ehrlich fragen, wozu schaue ich das?

  3. Dem Aufruf des Autors Jörn Schumacher, diese Serie nicht zu sehen, folge ich sehr gerne. Denn auch das gehört zum Christ Sein: Nicht jedem ‘falschen Propheten’, jedem Marketinghype, jedem Gejohle der Medien über die unglaublichen Einschaltquoten zu folgen. Von den Verletzungen der Sinne ganz abgesehen. Gut, dass es noch solche Stimmen gibt.

  4. “Irgendwann gehen nachts die Lichter im Wohntrakt aus, und es beginnt ein Abschlachten, wie es sonst nur aus dem Tierreich bekannt ist.”
    Vergleich hinkt völlig. Im Tierreich wird so nicht getötet.

    Squid Game ist überspitzte Wirklichkeit und Satire in einem. Schon der Gladiator brüllte damals: “Unterhalte ich euch nicht?! Seid ihr nicht deshalb hier?!”

    Die KZ-Strukturen sind wohl bewusst so gewählt worden.
    Ein Besuch in einer Gedenkstätte ruft Betroffenheit hervor.
    Die Konsumierbarkeit des “KZs” in Squid Game ist widerwärtig, aber der Erfolg der Serie beweist es ja – So ist es nun mal eben.

    Trotz allem kann man eine Serie schauen, ohne gleich KZs zu verteidigen!

  5. Unglaublich, welche Brurtalität und Rohheit der Unterhaltung dient. Selbst Kinder sehen diesens gemeingefährliche Machwerk.
    Kinder dürfen sich nicht mehr als Indianer verkleiden oder Cowboy und Indianer spielen, weil das rassistisch sei, aber solche enthemmten Tötungsphantasien muten wir ihnen zu. So etwas gehört verboten!
    Der KZ-Vergleich ist nicht unproblematisch, das war schon eine andere Dimension. Die Menschen aber, die jede Hemmung verlieren und alles Töten, was ihnen im Weg steht sind bezüglich ihrer verdorbenen Natur die Gleichen. Wollen wir Kinder und Jugendliche zu solch eine Rohheit verführenP?

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