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Meinung

9. November: Wunder und Mahnung zugleich

Der 9. November ist ein besonderes Datum: Kaum ein anderer Tag eignet sich wie dieser, um auf unsere deutsche Geschichte zurückzublicken. Wir können einerseits daraus lernen, aber auch für die geschehenen Wunder dankbar sein.
Von Johannes Blöcher-Weil
Der Fall der Berliner Mauer

Foto: Christoph Irion

Nach dem 9. November 1989 konnten Menschen zwischen dem Ost- und dem Westteil Berlins hin und her spazieren: ein Wunder, an das bis dahin nur wenige glaubten

Es ist wieder so weit. Heute ist der 9. November. Bereits vor meinem Geschichtsstudium in Gießen bekamen wir im Unterricht in der Mittelstufe eingetrichtert, dass sich dieses Datum jeder merken sollte. Auch diejenigen, die nicht so viel mit Zahlen anfangen können. Dies hat einen guten Grund. Der Tag zeigt die Bandbreite dessen, was Geschichte an Extremen zu bieten hat: vom Versagen eines großen Teils der Gesellschaft bis hin zu einem kaum für möglich gehaltenen Wunder.

Da sind zum einen die dunklen Kapitel, als am 9. November 1923 ein bis dahin unbekannter „Kunstsammler“ namens Adolf Hitler in München mit einem Marsch auf die Feldherren-Halle einen politischen Putsch versucht – und zunächst scheitert. Noch düsterer wird es 15 Jahre später: Im Deutschen Reich brennen jüdische Geschäfte und Synagogen im Deutschen Reich.

Verantwortlich dafür sind die Nationalsozialisten, die zehn Jahre nach jenem Putsch doch an die Macht gelangt waren. In den Tagen nach dem 9. November 1938 werden etwa 30.000 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. Das Pogrom gegen die Juden ist nur der Anfang auf dem Weg zum Massenmord: zwei Tage also, die einem eine Warnung sein sollten.

Dabei hatte alles so verheißungsvoll angefangen. Deutschland hatte nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg eine Demokratie etabliert. An jenem 9. November 1918 hatte Philipp Scheidemann vom Reichstagsgebäude aus die Republik ausgerufen und das Ende der Monarchie endgültig besiegelt. Trotz liberaler Verfassung bestand die Republik nur bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933.

Verantwortung übernehmen für die Demokratie

Und dann durften wir 1989 Zeugen eines der größten Wunder der deutschen Geschichte werden. Die Mauer war gefallen und wildfremde Menschen lagen sich in den Armen: am Abend des 9. November. Noch Wochen zuvor hatte die DDR mit großem Brimborium ihren 40. Geburtstag gefeiert. Es sollte, Gott sei Dank, der letzte werden.

Auch die Kirchen hatten einen Anteil an der Friedlichen Revolution. Der Aufruf „Schwerter zu Pflugscharen“ stand sinnbildlich für den wachsenden Widerstand gegen eine menschenverachtende Politik. Anfang November gingen in Leipzig und Berlin fast eine halbe Million Menschen auf die Straße. Und dann verkündete das eher schlecht informierte DDR-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski sofort und unverzüglich die Öffnung der Grenzen und die neue Reiseregelung für DDR-Bürger.

Der Strom an Menschen an den Grenzübergängen war nicht aufzuhalten. Die Grenzpolizisten öffneten den Übergang. Die Mauer war gefallen. Es fiel kein Schuss. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich die letzte Szene des Films „Nikolaikirche“ sehe. Ein Mitarbeiter des Regimes sagt darin: „Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

Es ist eine große Bandbreite an geschichtlichen Ereignissen, an die wir heute denken können. Gerade diese Spannung und dieser Widerspruch sollte uns ermahnen und auch in der Schnelllebigkeit unserer Zeit dazu führen, innezuhalten und mit wachem Auge unsere Gesellschaft zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Unsere Demokratie ist zu wertvoll, um sie aufs Spiel zu setzen. Das kann der 9. November und das Gedenken an diesen Tag nur zu gut zeigen.

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