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Das christliche Medienmagazin

„Sport ist eine große missionarische Chance“

Die Olympischen Spiele in Tokio sind der diesjährige Höhepunkt für die Sportwelt. Der mittelhessische Pastor Markus Neitzel schaut beim Kampf um die Medaillen genau hin. Er war 13 Jahre Missionar in Japan und übersetzt aktuell etliche japanische Profi-Sportler bei ihren Medienauftritten.
Von Johannes Blöcher-Weil
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Auch in diesem Stadion in Tokio wird es um olympische Medaillen gehen – allerdings ohne Zuschauer

PRO: Der aufmerksame Fernsehzuschauer kennt Sie aus dem Fernsehen, wenn Sie japanische Sportler übersetzen. Wie kam es dazu?

Neitzel: Bis 2000 war ich mit der Missionsgesellschaft OMF 13 Jahre lang in Japan, um christliche Gemeinden zu gründen. Als wir nach Deutschland zurückgekehrt sind, hatte ich zusätzlich zu meiner halben Stelle bei OMF noch eine halbe Stelle bei einer japanischen Fluggesellschaft am Flughafen in Frankfurt. Dort kam ich beim Check-In mit einem japanischen Tischtennisspieler ins Gespräch, der gemeinsam mit Timo Boll in Gönnern spielte. Er erzählte mir, wie schwer es Japaner haben, kulturell und praktisch in Deutschland zurechtzukommen. Danach habe ich mich gemeldet, um ihn ehrenamtlich zu betreuen und für ihn zu übersetzen.

Das war der Anfang…

Ja, bei der Tischtennis Weltmeisterschaft 2006 in Bremen war ich dann freiwilliger Helfer. Eigentlich war ich als Fahrer eingeteilt. Bald wurde ich gefragt, ob ich nicht für die japanische Mannschaft übersetzen könne. Ich spiele selbst Tischtennis. Es war also „meine“ Sportart.

Und wie kam der Wintersport dazu?

2013 habe ich meine Eltern im Schwarzwald besucht. Dort fand gerade das Sommer-Skispringen statt. Die Japaner hatten im Mixed-Springen gewonnen und die Veranstalter wollten gerne Noriaki Kasai interviewen. Ich habe angeboten, das zu übersetzen. Sowohl die Veranstalter als auch der japanische Verband waren damit zufrieden und wir haben die Zusammenarbeit fortgesetzt. Ich durfte dann unter anderem beim Vierschanzentournee-Sieg von Ryoyu Kobayashi 2018/2019 übersetzen: sowohl für die Öffentlich-Rechtlichen als auch für Eurosport und andere europäische Sender.

Waren Sie bei den Pressekonferenzen nervös?

Es war zunächst ungewohnt, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich war dabei, als das japanische Team bei der Tischtennis-WM in Düsseldorf zum ersten Mal die Chinesen geschlagen hat. Im Nachgang hat mir jemand gesagt, dass die Übersetzungen etliche Millionen Chinesen verfolgt haben. Da wurde mir die Tragweite erst so richtig bewusst.

Sehen Sie den Sport auch als missionarische Chance?

Ich bin als Betreuer und Übersetzer nah dran an den Sportlern. Über die Jahre ist zu vielen eine gute Beziehung entstanden. Ich bin bei Siegen und Niederlagen an ihrer Seite, aber auch bei Dopingproben oder in Mannschaftssitzungen. Wenn es eine Vertrauensbasis gibt, reden wir nicht nur über sportliche Dinge. Manchmal bringe ich den Sportlern kleine Geschenke mit oder weise sie auf Internetseiten hin, wo sie sie sich eine Bibel herunterladen können. Außerdem gibt es auch ein Manga-Buch über das Leben Jesu, das man gut weitergeben kann.

Sind die Sportler dafür offen?

Die Japaner denken bei ihren Gegenübern in inneren und im äußeren Kreisen. Wenn ich sie ins Krankenhaus fahre und beim Arzt übersetze, gehöre ich zum inneren Kreis. Dann besprechen sie auch privatere Sachen mit mir. Ich frage dann auch, ob ich für sie beten kann. Alle schauen im Sport nach dem Sieger, aber gerade Verlierer oder Verletzte brauchen jemand, der sie tröstet.

Wann hatten Sie die ersten persönlichen Berührungspunkte mit Japan?

Ich habe meine theologische Ausbildung in der Schweiz absolviert. Im Gebetskreis habe ich mich entschieden, Gebetsanliegen für Japan zu sammeln und weiterzugeben. Damals habe ich eine Liebe für das Land entwickelt. Japan hatte da schon weniger als eine Million Christen. Heute ist die Einwohnerzahl gesunken, aber die Zahl der Christen gleichgeblieben. Japan ist somit eines der am wenigsten mit dem Evangelium erreichten Länder der Welt überhaupt.

Was fasziniert Sie an Japan am meisten?

Die Mentalität! Japaner verstehen sich immer als Teil einer Gruppe, in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde. Die Gruppe gibt ihnen ein Stück weit Sicherheit. Außerdem haben die Japaner die Devise, dass sie das, was sie machen, auch richtig machen. So denken auch Christen oder Menschen, die Christen geworden sind. Wer Christ geworden ist, macht keine Kompromisse.

Wie sieht das übrige Religionsgefüge in Japan aus?

70 Prozent der Bevölkerung sind Shintoisten. Laut Überlieferung gibt es dort etwa acht Millionen Götzen. Wenn die Babys 100 Tage alt sind, werden sie zum lokalen Shinto-Schrein gebracht und dort gesegnet. Am Lebensende wird der Buddhismus wichtig, weil die Menschen auf eine Wiedergeburt hoffen. Die Japaner haben kein Problem damit, zwei Religionen zu haben.

Wie tolerant ist der Staat in Religionsfragen?

Sehr tolerant. Missionare bekommen problemlos ein Visum. Im 19. Jahrhundert haben sie sich vor allem auf die Bildungseinrichtungen konzentriert. Trotzdem muss man nüchtern feststellen, dass es bisher keine Erweckung gegeben hat. Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg musste der Kaiser seiner Göttlichkeit abschwören und die Kirchen waren voll. Heute nehmen sich die Menschen kaum Zeit für den Glauben und die Bibel. Die Religion benutzen sie für ihre Zwecke: egal, ob buddhistische Beerdigung oder christliche Hochzeit.

Wie blickt das Land auf die Olympischen Spiele?

Für die Sportler und die Betreuer ist es der Höhepunkt ihres Lebens, einmal Olympische Spiele in ihrem Heimatland zu erleben. Hinter ihnen liegen harte Ausscheidungswettbewerbe. Im paralympischen Bereich wird gerade viel Geld investiert. Die Sportler sorgen sich allerdings, wie es finanziell nach Tokio weitergeht.

Wie hoch ist der Druck, erfolgreich sein zu müssen?

Foto: privat
Markus Neitzel gemeinsam mit dem Mannschaftsarzt der japanischen Tischtennis-Nationalmannschaft. (Foto: privat)

Bei der Tischtennis-WM 2014 im eigenen Land war der Druck groß. Vor allem in den Duellen gegen China. Andererseits ist es auch ein Ansporn, wenn die gesamte Halle hinter dir steht. Das setzt Kräfte frei. Wer individualistisch denkt, für den steht der Druck im Vordergrund. Den Japanern gibt die Gruppe und das Anfeuern durch die Zuschauer Halt.

Was bedeutet eine solche Großveranstaltung für die christlichen Gemeinden?

Sie hatten gehofft, dass sich durch die Spiele missionarische Chancen ergeben. Die Rugby-WM in Japan 2019 war als Probelauf für die örtlichen Gemeinden gedacht, die bei Olympia in größerer Form wiederholt werden sollten. Viele Leute kritisieren wegen der Corona-Pandemie allerdings die Durchführung der Olympischen Spiele, die nun auch ohne Zuschauer stattfinden. Deswegen ist es schwierig zu Veranstaltungen einzuladen, wenn die eigenen Leute skeptisch sind. Von daher ist es ein herber Rückschlag.

Wie hat Corona das Land im Griff?

Die aktuellen Zahlen sind niedrig. Allerdings kann sich das Virus in der engen Stadt sehr schnell ausbreiten. Deswegen sind die Leute vorsichtig. Seit Februar gibt es in Japan ein Ministerium für Einsamkeit. Die Pandemie hat Spuren hinterlassen. Viele Menschen sind einsam und haben kaum soziale Kontakte. Normalerweise machen viele in der Firma gemeinsam Sport. Wenn das wegfällt, ist es sehr belastend.

Hat die Arbeit einen so hohen Stellenwert?

Die Firma ist für die Menschen mehr als ihre Arbeit. Es ist ein sozialer Treffpunkt. Wer im heiratsfähigen Alter ist, bekommt jemanden aus seiner Firma vorgestellt, den er heiraten könnte. Die Firma ersetzt zum Teil die Familie. Da existiert ein anderes Zugehörigkeitsgefühl als in Deutschland.

Japan drückt noch ein anderes Problem: die hohe Selbstmordrate?

Es ist von alters her eine Ehre gewesen, sich selbst umzubringen, um die eigene Ehre zu retten. Der Selbstmord hat das Gesicht gewahrt und war ein akzeptierter und angesehener Ausweg. Dieses Denken lässt natürlich die Zahlen in die Höhe schnellen. Japan war in dieser Statistik lange Spitzenreiter. An den U-Bahnstation werden die Menschen gebeten, keinen Selbstmord zu begehen, weil dies auch unangenehm für das Umfeld und die Gruppe sein kann. Mit dem Beginn der Pandemie ist es leider wieder ein großes Thema geworden. Fast jeder kennt jemanden in seinem Umfeld, der sich umgebracht hat. Dieser kulturelle Unterschied trägt mit dazu bei, dass etliche Missionare das Land vorzeitig verlassen.

Was wünschen Sie sich für die Olympischen Spiele?

Ich durfte kürzlich bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Oberstdorf dabei sein. Die Wettbewerbe fanden ohne Zuschauer statt. Es werden andere Spiele werden als sonst. Die Sportler sind im olympischen Dorf gefangen. Ich wünsche mir, dass diese Ausnahmesituation Grenzen zwischen Sportlern abbaut, die vielleicht existieren. Was auf politischer Ebene nicht funktioniert, klappt vielleicht beim Sport. Bei den Sportlern steht das Politische hinten an.

Was heißt das konkret?

Die Asiaten und insbesondere die Japaner wissen, dass es ein Gesicht ist, das sie nach außen vertreten. Und dann gibt es das, was sie wirklich denken und wie es in ihren Inneren aussieht. Wenn ein japanischer Sportler interviewt wird, weiß er genau, was er zu sagen hat. Deswegen gibt es viele Dinge, die bei Japanern gar nicht ausgesprochen werden müssen.

Was wünschen Sie sich für Japan allgemein?

Natürlich würde ich mir eine Erweckung wie in Korea wünschen, wo ganz viele neue Gemeinden entstanden sind. Selbst in Ländern, in denen das Christentum verboten ist, gibt es mehr Christen als in Japan. In China sind es trotzt Bedrängung und Verfolgung offiziell sogar 80 Millionen. In Japan war immer eine freie Religionsausübung möglich, aber die Quote ist deutlich geringer.

Welche Denominationen gibt es denn insgesamt?

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Vereinigte Evangelische Kirche. Manche haben den Verbund wieder verlassen, andere haben die Zwangsvereinigung als Chance gesehen, um das Gemeinsame zu betonen. Darüber hinaus gibt es noch Freie Gemeinden. Die Fukushima-Katastrophe hat viele Denkmuster durchbrochen. Die Christen haben zusammengehalten und sich gegenseitig geholfen. Jetzt haben sie gehofft, dass der Sport dabei hilft, die Grenzen zu überwinden und in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Wie sieht ein typischer japanischer Gottesdienst aus?

Er orientiert sich stark am amerikanischen Gottesdienst. Von dort kamen die meisten Missionare nach Japan. Der Gottesdienst hat eine klassische Liturgie. Sie wird ausgedruckt und jedem Besucher in die Hand gedrückt. Es gibt für Japaner nichts Schlimmeres, als nicht zu wissen, was passiert. Üblich sind ein Psalm zur Begrüßung, ein Lied-Block sowie Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Nichtchristen sollen hören und wissen, was die Menschen hier glauben. Die Predigt steht im Zentrum. Nach dem Segen bleiben die Menschen zum gemeinsamen Essen beisammen.

Nach sechs Tagen Arbeit gehört der Sonntag dann ganz der Gemeinde?

Unter der Woche sind die Menschen sehr beschäftigt. Außer für Rentner oder Hausfrauen lohnt es sich nicht, Versammlungen anzubieten. In manchen Gemeinden treffen sich mittags Männer, Frauen und Jugend noch einmal separat. Manche Sonntage werden bewusst für die Familie freigehalten, um dort ein Zeugnis für den Glauben sein zu können.

Welche wichtige Erkenntnis für Ihr Glaubensleben, haben Sie aus Japan mitgebracht?

Aus vielen Gemeindegründungen sind immer wieder neue, zum Teil ganz kleine Gemeinden entstanden. Mich berührt das, dass die Gemeinde Jesu nicht ausgelöscht wird. Oft starten Hauskreise in einer Kleinstadt mit fünf bis sechs Leuten. Die japanischen Christen sind auch enorm konsequent, wenn es darum geht, den Zehnten zu spenden. Nur so können viele kleine Gemeinden mit 30 Mitgliedern ihren Pastor bezahlen.

Welche drängenden Probleme haben die christlichen Gemeinden?

Ihnen fehlen junge Pastoren. Deswegen überlegen sehr viele schon, wie sie das Gemeindeleben ohne Pastoren gestalten können. Japaner arbeiten sechs Tage in der Woche und haben nur sonntags frei. Da haben viele Menschen nicht mehr die Energie, sich in der Gemeinde zu engagieren. Deswegen muss man das Nachwuchsproblem sehr ernst nehmen.

Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?

Wer studiert oder anfängt zu arbeiten, zieht fast ausnahmslos in die Städte. In den Landgemeinden fehlen dann die jungen Leute. Außerdem werden die Japaner für gewöhnlich alle drei bis vier Jahre an einen anderen Ort versetzt, wenn sie in ihrer Firma einen höher dotierten Job bekommen. Sie sollen nicht mehr mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen sie vorher auf einer Stufe standen.

Gab es nie Bestrebungen, das zu ändern?

Die Japaner kennen es nicht anders. Manche sehen ihre Familie dadurch nur alle drei Monate. Für das belastete Familienleben gibt es sogar ein eigenes japanisches Wort. Japaner machen auch höchstens fünf bis zehn Tage Urlaub im Jahr und sind dann zu Neujahr oder Anfang Mai auf Reisen. Wenn wir Missionare im Sommer zwei Wochen am Stück Urlaub gemacht haben, war das für sie kaum denkbar. Sie haben uns gefragt, ob wir uns in der Zeit nicht langweilen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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