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„Sexueller Missbrauch ist nichts Unwahrscheinliches“

Die Aussetzung des Betroffenenbeirats für sexuellen Missbrauch in der EKD stößt bei Betroffenen auf Empörung. Zwei Mitglieder des Beirats machen der Kirche im Zeit-Interview Vorwürfe.
Von Swanhild Zacharias
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Bei der Aufarbeitung von Missbrauch in evangelischen Einrichtungen und Gemeinden sollen auch Betroffene einbezogen werden

Foto: Gerd Altmann, Pixabay

Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der EKD halten Betroffene für unzureichend

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat ihren Betroffenenbeirat ausgesetzt, der an der Aufklärung von Missbrauchsfällen mitarbeiten sollte. Laut EKD sei das Konzept gescheitert und es werde nach anderen Möglichkeiten gesucht, Betroffene zu integrieren. Die Gym­na­si­al­leh­re­rin Katharina Kracht, eine der Betroffenen, sieht das anders. „Wir in­ter­pre­tie­ren es als den Ver­such, uns auf­zu­lö­sen. Und da­mit geht es mir schlecht. Es ist fürch­ter­lich, dass die EKD die Sa­che trotz vie­ler War­nun­gen an die Wand ge­fah­ren hat“, sagte Kracht im Interview der Wochenzeitung Die Zeit. Zusammen mit Henning Stein, Pa­tho­lo­ge im Uni-Kli­ni­kum Köln und Vater eines Missbrauchsopfers, schilderte die 47-Jährige der Zeitung ihre Sicht der Dinge.

Kracht wurde als Jugendliche über Jahre von einem Pfarrer missbraucht, der sie anschließend sogar zu einer Abtreibung überredete, als sie von ihm schwanger geworden war. Steins Sohn leidet an einer spastischen Behinderung. In einem Internat für Kör­per­be­hin­der­te wurde er miss­braucht und ver­ge­wal­tigt. Etwa 120 Übergriffe habe sein Sohn erleiden müssen.

Nicht alleine kämpfen

Der Vater glaubt auch Aussagen des Miss­brauchs­be­auf­trag­ten der EKD, Bi­schof Chris­toph Meyns, nicht, der behauptet habe, das Ausmaß des Missbrauchs sei nicht mit dem in der katholischen Kirche zu vergleichen. Der Ul­mer Kin­der­psych­ia­ter Jörg Fe­gert habe in ei­ner Stu­die ge­zeigt, dass die Zahl der Be­trof­fe­nen et­wa gleich sei. „Die Kir­che kann die Wahr­heit schwer ak­zep­tie­ren, dass sie ein Ort schwers­ter Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen war und ist. Wir als Be­trof­fe­ne ver­kör­pern die­se Wahr­heit. Des­halb ha­ben wir bei Kir­chen­hier­ar­chen ein Ak­zep­tanz­pro­blem“, sagte er.

Kracht riet im Interview Betroffenen, sich nicht allein mit der Kirche auseinanderzusetzen. „So­bald man Kri­tik an der Art der Auf­ar­bei­tung übt, gilt man als Kir­chen­feind. Die Kir­che kommt ei­nem gern über die Seel­sor­ge. Ich las­se mei­ne See­le aber nicht von der Tä­ter­or­ga­ni­sa­ti­on ver­sor­gen“, sagte sie. „Ich möch­te kei­ne Ge­rech­tig­keit nur für mich selbst. Was ist mit de­nen, die nicht für sich kämp­fen kön­nen?“

„Aufklären kann nur der Staat“

Zum aktuellen Motto des Ökumenischen Kirchentages „Schaut hin“, sagte Stein: „Das ist ty­pi­sches Evan­ge­lisch-Sprech. ‚Ich hö­re Sie‘ oder ‚Ich bin ganz auf Ih­rer Sei­te‘. Das Op­fer wird um­garnt, darf sei­ne Ge­schich­te er­zäh­len, und dann pas­siert – nichts“, kritisierte er. Kracht kritisiert, dass die ehemalige Verantwortliche des Beauftragenrats, Bischöfin Kirsten Fehrs, kaum Fachkompetenz gehabt habe. Der Beaufragtenrat ist das Gegenüber von Seiten der EKD zum Betroffenenbeirat. „Man denkt als Pfar­rer und Bi­schof, man wä­re schon kom­pe­tent, weil man ja Seel­sor­ger ist. Das reicht aber nicht.“ Es sei chaotisch zugegangen. Es habe kein Projektmanagement, keine Zielvereinbarung und keinen Moderator für den Betroffenbeirat gegeben. „Mitt­ler­wei­le fra­ge ich mich, ob das Ab­sicht war“, sagte Kracht.

„Die Kir­che will die Auf­ar­bei­tung kon­trol­lie­ren. Aber kann VW sei­nen Die­selskan­dal sel­ber auf­klä­ren? Nein. Auf­klä­ren kann nur der Staat“, sagte Stein. Er wünscht sich eine Wahrheitskommission nach aus­tra­li­schem und iri­schem Vor­bild, die kirch­li­che Ak­ten ein­se­hen und hoch­ran­gi­ge Ver­ant­wort­li­che vor­la­den kann. Kracht wirft Fehrs vor, sie habe das Amt als Sprecherin des Beauftragtenrates abgegeben, weil ihr brisante Themen „nicht mehr dienlich“ seien.

Stein empfiehlt, Signale von Kindern und Jugendlichen von Anfang an ernst zu nehmen. Die seien oft unspezifisch. Er habe die Abneigung seines Sohnes gegen die Schule völlig fehlgedeutet. Die Betreuer dort hätten nicht darauf reagiert, als Niels sich beschwert habe, der Täter komme regelmäßig in sein Zimmer im Internat. „El­tern müs­sen wis­sen, dass se­xu­el­ler Miss­brauch nichts Un­wahr­schein­li­ches ist. Lei­der ge­steht die evan­ge­li­sche Kir­che sich das trotz drei­er Syn­oden zum The­ma nicht ein“, sagte Stein.

Stein und Kracht wollen beide weiterarbeiten. Sie erwarten eine Entschädigung für Betroffene, dass die EKD sich der Wahrheit stellt und die Verantwortung für die Aufklärung abgibt.

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