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Schmähplastik: „Wurzel allen Übels liegt in einem christlichen Antijudaismus“

Die Schmähplastik „Judensau“ an der Stadtkirche in Wittenberg erhitzt die Gemüter. Jetzt hat der Kirchenvorstand einen neuen Text für die Erklärtafel des Reliefs verfasst. PRO hat bei Gemeindepfarrer Alexander Garth nachgefragt, wie die Debatte das gemeindliche Leben beeinflusst und warum sie so wichtig ist.
Von Johannes Blöcher-Weil
Judensau-Wittenberg
Seit 1290 befindet sich die „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche

Das Relief der Wittenberger Stadtkirche stammt aus dem Mittelalter. Die Plastik zeigt eine Sau, die zwei Menschen, die Juden darstellen sollen, säugt. Ein Rabbiner hebt den Schwanz des Tiers und blickt ihm in den After. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein.

In der Wittenberger Stadtkirche hat auch der Reformator Martin Luther gepredigt. Deswegen gilt sie als „Mutterkirche der Reformation“. Luther steht wegen seiner antijüdischen Äußerungen in der Kritik. Ein Expertenrat hatte empfohlen, das Relief zu entfernen. Der Bundesgerichtshof hielt dies nicht für geboten, weil es an einer „Rechtsverletzung“ fehle. Der Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Alexander Garth, hält die Diskussion darüber für wichtig.

PRO: Herr Garth, ist das Kapitel Schmährelief mit der neuen Erklärtafel endgültig beendet?

Alexander Garth: Der Gemeindekirchenrat hat in seiner Sitzung am Dienstag einen neuen Text für die Erklärtafel verfasst und beschlossen. Er ist gekürzt und besser verständlich. In dem Text wird erstmals das jüdische Volk um Vergebung gebeten.

Wie sieht jetzt die weitere Vorgehensweise aus. Braucht es noch weitere Entscheidungen des Kirchenvorstandes?

Der Beschluss war nur ein weiterer Schritt, um die Botschaft des Mahnmals zu verdeutlichen. Es ist unsere Aufgabe, dem zu widersprechen, was die Schmähplasitk hinaus in die Welt trägt. Die Wurzel allen Übels liegt in einem christlichen Antijudaismus.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie persönlich aus der Debatte mit?

Die Lager sind gespalten. Jeder hat für seine Sichtweise gute Argumente. Egal, welche Entscheidung wir treffen, wir werden einige Gemeindemitglieder und Teile der Öffentlichkeit verärgern. Wir dürfen den Gedenkort nicht zerstören, sondern müssen behutsam vorgehen und eine deutliche Sprache finden, die der Botschaft der Schmähplastik widerspricht. Etlichen Argumenten fehlt aus meiner Sicht auch das geistliche-theologische Verständnis. Das macht die Debatte so schwer.

Hat die Diskussion hat das Gemeindeleben belastet?

Es ist ein sehr großes Thema im Gemeindeleben. Viele ältere Menschen haben dafür votiert, alles so zu belassen, wie es ist. Mit der 1988 eingelassenen Bodenplatte sei alles schon gesagt. Das reiche vollkommen aus.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gemeinde?

Dass es uns gelingt, auch die geistlich-theologische Dimension des Problems stärker in den Blick zu nehmen. Wir haben als Gemeindekirchenrat keinen genauen Zeitplan, wie es weitergeht. Das Problem ist mehrdimensional. Eventuell ziehen wir noch mal externe Experten hinzu, die uns auf unserem Weg unterstützen. Auf jeden Fall müssen wir der Botschaft der Schmähplastik etwas entgegensetzen, das lauter und deutlicher spricht als das Relief.

Vielen Dank für das Gespräch.

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2 Antworten

  1. Alexander Garth: Der Gemeindekirchenrat hat in seiner Sitzung am Dienstag einen neuen Text für die Erklärtafel verfasst und beschlossen. Er ist gekürzt und besser verständlich. In dem Text wird erstmals das jüdische Volk um Vergebung gebeten.
    Wie kann man nur das jüdische Volk auf der Erklärtafel um Vergebung bitten – und gleichzeitig das Relikt nicht entfernen? Eine unmögliche Entscheidung! Einfach nur “zum Fremdschämen”!

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