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Medienmacher Blau: Journalismus ist auf Klimakrise nicht vorbereitet

Die Klimakrise stellt den Journalismus vor nie dagewesene Herausforderungen, sagt der Medienmacher Wolfgang Blau – und fordert neue Arbeitsweisen in Redaktionen. Dabei dürften Journalisten aber nicht zu Aktivisten werden.
Von Nicolai Franz
Wolfgang Blau auf der re:publica 2022 in Berlin

Foto: republica GmbH | CC BY-SA 2.0 Generic

Wolfgang Blau sprach auf der re:publica, einer Konferenz aus der Internetszene

Wolfgang Blau gilt als einer der Internetpioniere des Journalismus, und als einer der wenigen Deutschen, die auch international erfolgreich an vorderster Front der Medienbranche arbeiten. Er leitete Zeit Online, entwickelte das Hörbuch-Portal Audible, arbeitete für den britischen Guardian und andere internationale Mediengrößen.

Auf der re:publica in Berlin widmete er sich einem Thema, das keineswegs neu ist und in dem er gleichzeitig eine der größten Herausforderungen für den Journalismus sieht: den Klimawandel.

Journalisten habe er immer als wissbegierig und zukunftsorientiert kennengelernt. Beim Klimawandel würden sich fast alle Nachrichtenmedien aber sehr „zögerlich“ verhalten, was Blau „rätselhaft“ vorkommt. Blau vermutete als einen wichtigen Grund, dass der Klimawandel als Thema fast komplett durch klassische journalistische Relevanzkriterien falle. Das sind Aspekte, von denen mindestens einer erfüllt sein muss, wenn eine Redaktion sich für ein Thema entscheidet.

Blau nannte folgende Kriterien (Anm. d. Red. in Klammern):

  • Neuigkeitswert
    (Ist das Thema eine wirklich neue Entwicklung?)
  • geografische Nähe
    (Wie nah ist das Thema an den Nutzern?)
  • Vermittelbarkeit
    (Ist das Thema leicht zu erklären?)
  • Personalisierung oder Event
    (Kann man eine Person oder ein Ereignis damit verknüpfen?)
  • Gesamtnachrichtenlage
    (Kann sich das Thema gegenüber anderen, womöglich wichtigeren Themen durchsetzen?)
  • Angebote der Konkurrenz
    (Wie verhalten sich andere Medien in Bezug auf das Thema?)
  • Exklusivität
    (Ist das eigene Medium das einzige, das über diese Informationen verfügt?)
  • Öffentliches Interesse
    (Interessiert sich ein wichtiger Teil der Gesellschaft für das Thema?)

Angesichts dieser Kriterien hätte es der Klimawandel in Redaktionen sehr schwer, auch wenn er immer wieder vorkommt. Die Verknüpfung mit bestimmten Geschehnissen sieht er immer wieder bei Naturkatastrophen, wobei, so Blau, der Klimawandel sehr selten der einzige Grund für Extremereignisse sei, sondern deren Wahrscheinlichkeit und Intensität erhöhe.

Ein wichtiger Unterschied zu anderen Themen sei beim Klimawandel, dass es dabei oft um Dinge geht, die sehr weit in der Zukunft liegen. 

Journalismus sei jedoch primär eine „rückblickende Tätigkeit“. Mehr als 90 Prozent der Ressourcen in einer Redaktion würden dafür aufgewendet, zu berichten, was passiert ist oder unmittelbar danach passieren wird und das zu interpretieren.

„Die Klimakrise zwingt uns aber, über Ereignisse und abzuwendende Ereignisse im Jahr 2030 zu diskutieren, gegen die jetzt schon Steuergelder investiert werden oder in die Unternehmen investieren.“ Dafür sei der Journalismus nicht vorbereitet. Ihm falle „kein einziges Beispiel aus der Journalismusgeschichte ein, in der er gezwungen war, so weit in die Zukunft zu schauen“. 

Journalismus und Aktivismus nicht vermischen

In der Covid-Berichterstattung hätten die Nutzer schon früh davon profitiert, bestimmte Werte zu kennen, zum Beispiel Inzidenz, Impfquote oder die Hospitalisierungsrate. „Und im Laufe der Zeit war es auch für uns Laien möglich, ein Gefühl dafür zu entwickeln: Verbessert sich die Situation gerade oder verschlechtert sie sich?“ Solche Kennzahlen würden für die Klimakrise aktuell noch fehlen.

Blau betonte, dass sowohl Journalismus als auch Aktivismus wichtig für die Gesellschaft seien, sie dürften aber nicht miteinander vermischt werden.

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