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Magazin diskutiert wissenschaftliche Erklärungen von Spiritualität

Wie lassen sich Religion und Spiritualität wissenschaftlich erklären? Eine neue Reihe der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft erklärt aktuelle philosophische und kognitionswissenschaftliche Ansätze zu dem Thema.
Von Jörn Schumacher
Herz, Gehirn

Foto: Gerd Altmann

Hat Spiritualität einen Platz im Gehirn? Wo sitzen Seele und Bewusstsein? Darüber diskutieren Hirnforscher und Philosophen.

Immer wieder wird über wissenschaftliche Studien berichtet, die Religiosität und Spiritualität des Menschen physiologisch begründen wollen. Das Wissenschaftsmagazin Spektrum der Wissenschaft hat online eine Reihe zu dem Thema gestartet. Darin diskutiert der Philosoph und Kognitionswissenschaftler Stephan Schleim, Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der niederländischen Universität Groningen aktuelle Betrachtungen aus philosophischer und neurowissenschaftlicher Sicht auf dieses Thema. Dies geschieht in fünf Teilen mit drei „Intermezzi“.

In den ersten beiden Teilen geht es um um die Unterschiede zwischen den Begriffen Religion und Spiritualität und das vom Philosophen Thomas Metzinger eingeführte „Prinzip der intellektuellen Redlichkeit“. Eine Grundthese lautet dabei: die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstünden in ihren Reinformen aus derselben Grundidee. „Spiritualität ist im Kern eine epistemische Einstellung. Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen“, schrieb Metzinger.

Im Artikel heißt es weiter, gemäß den Thesen des Philosophen amerikanischen Philosophen und Theologen Jerome A. Stone gelte: „Wir sind spirituell, erstens, wenn unser Sinn für Verbindung vergrößert ist. Zweitens sind wir spirituell, wenn wir nach größeren Dingen streben, wenn wir versuchen, unsere Ideale zu verwirklichen. Letztens sind wir spirituell, wenn wir die großen Fragen stellen.“ Der Neuropsychiater Ludger Tebartz van Elst spreche von einem „transzendentalen Trieb“: Menschen hätten das Bedürfnis, zu etwas zu gehören, das sie selbst übersteigt.

Im dritten Teil mit dem Titel „Bewusstsein, Erleuchtung und Gott aus philosophischer Sicht“ beschäftigt sich Schleim mit der wissenschaftlichen Betrachtung von Spiritualität. Es gebe heute neun wissenschaftliche Modelle, um den Zusammenhang zwischen dem Gehirn und dem Bewusstsein zu beschreiben, erläutert Schleim. Doch keines davon gehe von der Möglichkeit eines Weiterlebens der Person ohne funktionierendes Gehirn aus. Schleim weist aber darauf hin, dass manche Vertreter der Wiederauferstehung diese materialistisch interpretierten. „Das heißt, die Menschen würden dann wieder einen lebendigen Körper bekommen.“

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Einen in den Religionen häufig anzutreffender Leib-Seele-Dualismus lehnt die Wissenschaft klassischerweise ab, erklärt Schleim. Solche Schlussfolgerungen seien aus philosophischer Sicht aber problematisch. Die Hirnforschung habe bisher auch „noch keine überzeugende Theorie des Bewusstseins entwickeln“ können. Niemand könne sicher sagen, ob seelische Zustände das Gehirn beeinflussen oder umgekehrt.

„Es gab und gibt Dualisten, die die Verknüpfung von psychischen und physiologischen Vorgängen nicht nur nicht abstreiten, sondern sogar ausdrücklich annehmen.“ Ihn selbst hätten die Antworten der Dualisten „bisher nicht überzeugt“, fügt Schleim hinzu. „Das ist aber eine völlig andere Feststellung als die Behauptung, der Dualismus sei durch die Funde der Hirnforschung ein für alle Mal widerlegt!“

Zweifel an „Schaltstelle“ für Religion im Gehirn

In einem „Intermezzo“ geht es um eine neue Studie, die behauptet, einen „Schaltkreis für Religion und Spiritualität“ im Gehirn gefunden zu haben. In der so genannten „Neurotheologie“ versuchen Kognitionswissenschaftler, die Religiosität des Menschen wissenschaftlich zu erklären, führt der Text aus. Auch in der Evolutionspsychologie sei die Frage interessant, wie Religionen entstehen können und wofür sie evolutionär gesehen „nützlich“ sind. Hier spiele die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Strömung und damit ein engerer Zusammenhalt eine Rolle.

Die neue Studie über Wissenschaft und Spiritualität amerikanischer Ärzte und Hirnforscher aus der Zeitschrift Biological Psychiatry behaupte nun, dass es so etwas wie einen „neuronalen Schaltkreis für Spiritualität und Religiosität“ gebe. Das Ärzteblatt sowie der Deutschlandfunk berichteten darüber, in den Berichten hieß es etwa: „Spiritualität ist tief in der menschlichen Natur verwurzelt.“ Schleim erwidert, diese Erkenntnis sei eigentlich nicht sehr überraschend, da psychische Prozesse sich ja in irgendeiner Weise wahrscheinlich körperlich zeigen müssten.

Schleim kritisiert jedoch die Durchführung der Studie und deren Schlussfolgerung im Einzelnen. „Spiritualität ist natürlich ein komplexer und vielschichtiger Begriff. Und es ist in empirischer Forschung legitim, mit Vereinfachungen zu arbeiten. Diese darf man hinterher aber nicht einfach vergessen, wenn man seine Ergebnisse interpretiert und kommuniziert.“

Der Autor plädiert dafür, bei derlei Studien über die angebliche Schaltstelle von Spiritualität und Religion im Gehirn immer kritisch zu hinterfragen: „Was wurde hier überhaupt gemessen?“ Er ergänzt: „Natürlich dürfen auch Ärzte und Hirnforscher Spiritualität und Religion untersuchen.“ Eine kritische Analyse der genannten Studien wecke aber „erhebliche Zweifel“ an der Interpretation, einen „neuronalen Schaltkreis für Spiritualität und Religiosität“ gefunden zu haben.

Weitere Folgen der Reihe beschäftigen sich unter anderem mit den Philosophen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper und wie sie über Religion und Gott dachten. Der letzte, noch nicht veröffentlichte Beitrag, verspricht einen „verbindenden Ansatz“ zu Wissenschaft und Spiritualität.

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8 Antworten

  1. Der ganze Bericht ist doch für einen bibelgläubigen Christen vollkommen unbrauchbar. Schon dies:
    ” Schleim weist aber darauf hin, dass manche Vertreter der Wiederauferstehung diese materialistisch interpretierten. „Das heißt, die Menschen würden dann wieder einen lebendigen Körper bekommen“
    zeigt doch die völlige Unkenntnis, den völlig fehlenden Glauben. Christen wissen, dass sie leiblich auferstehen werden, einen Auferstehungsleib erhalten. Die Wissenschaft kann eben längst nicht alles erklären, es ist alles nur Stückwerk, was sie herausfinden kann.

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    1. Man darf das nicht so eng sehen. Es geht auch um die Vermittlung des christlichen Glaubens. Unter dieser Voraussetzung kann es Christen nicht gleichgültig sein, wie in der wissenschaftlichen Community über Religion und Spiritualität gedacht wird, da das großen Einfluss auf die Gesamtmenschheit hat. Schließlich ist man in unserer Zeit vorwiegend wissenschaftsgläubig.
      Es ist schon ein großer Fortschritt, dass sich Wissenschaft überhaupt mit diesem Thema befasst. Und es ist auch verständlich, dass man als Wissenschaftler bemüht ist, übersinnliche Phänomene, materialistisch zu deuten. Aber das ist letzten Endes nicht möglich und so hat Glaube, der Erkenntnis nicht ausschließt, indem er sie als “Esoterik” verteufelt, Möglichkeiten Brücken zum echten Glauben zu bauen, so wie mir das gelungen ist, als ich bereits 10 Jahre VOR der Entdeckung der Epigenetik in meinem Beitrag “Gene – Bausteine des Lebens?” (veröffentlicht in der Zeitschrift “Mysterium Mensch” 10, 1998) – s.a. https://www.academia.edu/41929365/Gene_Bausteine_des_Lebens – darlegte, dass die Gene unmöglich Bausteine des Lebens sein könnten, sondern lediglich “Schalter” seien, die durch die Erfordernisse der Seele aus und eingeschaltet werden. Hätte so ein Beitrag mehr Beachtung gefunden, wären wir jetzt schon viel weiter. “Vom Sinn des Kosmos” ist ein weiterer Beitrag von mir, der zielführend ist: https://www.academia.edu/46930322/Vom_Sinn_des_Kosmos oder auch “Der doppelte Ursprung des Menschen” https://www.academia.edu/41907610/Der_doppelte_Ursprung_des_Menschen

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  2. Die Lektüre ist wirklich zu empfehlen, weil man dort lernen kann, wie Wissenschaft wissenschaftlich redlich diskutiert wird. Prof. Schleim diskutiert zahlreiche Positionen und aktuellen Studien und bewertet aus seiner Position Methode und Erkenntnisgewinn. Die wirklich ausführliche Darlegung lässt sich in einer so kurzen Zusammenfassung kaum sinnvoll wiedergeben.
    Dass der ganze Bericht “für einen bibelgläubigen Christen vollkommen unbaruchbar” ist, versteht sich von selbst, denn für bibelgläubige Christen ist jedwede Wissenschaft vollkommen unbrauchbar, denn die wissen ja alles schon, und “Stückwerk” ist immer nur die Erkenntnis der anderen, während man selbst aus der Perspektive Gottes schwadroniert! Peinlich!

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    1. “…für bibelgläubige Christen ist jedwede Wissenschaft vollkommen unbrauchbar, denn die wissen ja alles schon, und “Stückwerk” ist immer nur die Erkenntnis der anderen, während man selbst aus der Perspektive Gottes schwadroniert! Peinlich!” Falsch. Die bibelgläubigen Christen wissen nur, was sie aus der Bibel wissen. Was geschrieben steht. Die Weisheit der Weisen (ihre eigene), so auch die Bibel, macht Gott dagegen zunichte.

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  3. Danke. Sehr gut beschrieben. Jetzt bin ich selbst gespannt, wie die Serie ausgeht. Das muss ich aber wohl selbst schreiben. (Für mich wäre übrigens interessant, wie jemand die Diskussion aus theologischer Sicht deutet. Das übersteigt mein Wissen.)

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    1. Mir scheint die Unterscheidung „Spiritualität“ vs. „Religion“, wie sie Metzinger vornimmt, wenig plausibel. Religion, ohne eine spirituelle Seite, ist schwer vorstellbar. Zwar gibt es immer wieder Glaubensformationen, die eine sehr stark abstrakt doktrinäre Ausrichtung haben, etwa die lutherische Orthodoxie des 18. Jahrhunderts oder der moderne Fundamentalismus, aber eine auf Erkenntnis durch Erfahrung zielende Spiritualität ist essentiell für Religionsformationen.
      Der Vorwurf Metzingers an die Adresse der Religionen, grundsätzlich die intellektuelle Redlichkeit vermissen zu lassen, ist – wie mir scheint – historisch unterbelichtet, da es zumindest im Christentum immer eine starke denkerische Durchdringung der Glaubensüberlieferung im Verhältnis zum Wissen der Zeit gab. Ich erinnere hier nur an das große Alterswerk von Jürgen Habermas über das Verhältnis von Glauben und Wissen im Ozident.

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    2. Dass es für Bewusstseinsvorgänge immer eine physiologische Korrelation gibt, also Bewusstseinserlebnisse mit Ereignissen im Gehirn korrelieren, stellt – denke ich – für die Theologie nicht notwendig ein Problem dar. Diese Einsicht ist aber nicht zwingend naturalistisch aufzulösen, zumal es keine wirklich überzeugende Theorie gibt, was denn Bewusstsein überhaupt sei. Ferner korrespondiert diese Einsicht mit der hebräischen Anthropologie, die den Menschen nur als leibliches Wesen vorstellen kann. Das ist auch Kern der Vorstellung von der Auferstehung der Toten und der Auferstehung Christi.
      Von theologischer Seite gibt es zu dieser Problematik – zumindest von protestantischer Seite – vermutlich zahlreiche sehr unterschiedliche Positionen und zwar bereits im Hinblick darauf, was überhaupt Gegenstand des theologischen Nachdenkens sei.
      Ich bin gespannt, auf Ihre Ausführungen zu Karl Popper, denn der ist einer der zu Unrecht weitgehend Übergangenen im Hinblick auf die Religionsphilosophie. Jüngst hat der Religionswissenschaftler und Anti-Semitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg Michael Blume Bezug auf ihn genommen.
      MfG Carvalho

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  4. Sie müssen einen Vertrag haben, @Carvalho, mit pro. Man muss sich beleidigen lassen von Ihnen, ohne dass Ihnen Einhalt geboten werden darf. Daumen nach unten interessieren Sie nicht, denn wenn sie Sie interessierten, würden Sie merken, wie Sie meistenteils völlig abseits stehen und daneben liegen mit Ihrer Meinung. Das kommt aber auch daher, weil Ihnen die bibelgläubigen Kommentatoren stets “das rote Tuch” sind. Würde es Ihnen nicht an Respekt vor anderer Meinung fehlen, könnten Sie auch entsprechende Reaktionen auf Sie erwarten dürfen.

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