Das christliche Medienmagazin

Einmal Himmel und zurück

Der christliche Glaube rechnet mit übernatürlichen Vorgängen. Was, wenn Menschen heute behaupten, vom Leben in den Tod und zurückgekommen zu sein? Sollte man sogenannte Nahtoderlebnisse ernst nehmen? Sind sie gefährlich? Gar okkult?
Von Jörn Schumacher
Himmel und Wolken

Foto: Kaushik Panchal on Unsplash

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung können von einem Nahtoderlebnis berichten

Februar 2022. Der Schauspieler Bjarne Mädel ist zu Gast in der Sendung „Inas Nacht“. Eher beiläufig erwähnt er, dass er vor Jahren einmal ein Nahtoderlebnis hatte. Ganz ohne Pathos und Ulk berichtet er, dass er wegen eines Darmverschlusses dem Tode nahe gewesen sei. „Ich wusste, ich müsste jetzt nur noch diesen kleinen Sprung in die Dunkelheit vor mir machen, dann wäre ich frei.“ Später erzählte ihm seine Freundin, sie habe ihn im Krankenwagen gefragt: „Kannst du laufen?“ Und er habe, noch ganz in einer anderen Welt, geantwortet: „Ich kann springen.“

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung können von solch einem Erlebnis berichten. Auch der angesehene Hirnforscher Gerhard Roth. Im Juni dieses Jahres erzählte er in der Arte-Wissenschaftssendung „42 – Die Antwort auf fast alles“ von einer Nahtoderfahrung nach einem Autounfall: Er erlebte ein „unbeschreibliches Glücksgefühl“, Rückblenden ins eigene Leben und einen Tunnel. Wie es in dem Beitrag weiter heißt, habe eine psychologische Studie zu Nahtoderfahrungen ergeben: 70 Prozent der Betroffenen berichten von diesem Tunnel.

Im April 2022 befragt die Tageszeitung Die Welt den katholischen Theologen Godehard Brüntrup, der nach einer schweren Krankheit eine Nahtoderfahrung hatte. Dieses Phänomen wurde zu seinem Lebensthema. „Die Angst weicht einer großen inneren Ruhe und Gelassenheit, die alles übersteigt, was man bis dahin an geistiger Ruhe und Klarheit in seinem Leben erlebt hat, selbst in der Meditation“, berichtet der Ordenspriester. Ein Lebensrückblick setzte ein, in dem man sein eigenes Leben radikal hinterfragt: Wo habe ich geliebt? Wo habe ich verletzt? „Dieser Rückblick ist so detailreich, auch mit Ereignissen aus der frühesten Kindheit, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wo diese Erinnerungen überhaupt gespeichert gewesen sein sollen.“ Weiter sagt er: „Dieses Gefühl, geliebt zu sein, ist schlicht überwältigend.“
Manche sind in dieser Zeit sogar Verstorbenen begegnet, von denen sie im Moment ihres eigenen Nahtoderlebnisses noch gar nicht wussten, dass diese Menschen tot waren, sagt Brüntrup. Für ihn sind die Erlebnisse eindeutig eine Gotteserfahrung und kein Streich des Gehirns, dafür sei die Erfahrung zu intensiv gewesen. Der Tod sei für ihn von da an positiv besetzt gewesen. Manchmal habe er gedacht: „Ja, cool, ich werde ja eines Tages mal sterben.“ Eine berufliche Existenz, bei der es nur ums Geldverdienen geht, konnte er sich danach nicht mehr vorstellen. „Das Leben mit seiner ganzen Existenz auf die Gottesfrage zu setzen, war für mich danach irgendwie klar.“

Nicht nur positive Nahtoderlebnisse

Vor Kurzem veröffentlichte Werner Thiede, ehemaliger Professor für Systemische Theologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, das Buch „Unsterblichkeit der Seele?“. Darin betrachtet der frühere Mitarbeiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen den Tod und das Leben danach aus theologischer Sicht. Es gebe eine Verdrängung des Themas Tod aus der Lebenswirklichkeit in der westlichen Welt, stellt Thiede fest. Doch die Corona-Pandemie habe weltweit wieder zu einem stärkeren Nachfragen nach der Sterblichkeit geführt. Thiede plädiert bei dem Thema aus offensichtlichen Gründen für Sorgfalt und Skepsis. Gerade weil es zwar ein theologisches sei, aber Anbindungen zur Esoterik habe. Zudem seien nicht alle Nahtoderlebnisse positiv: Etwa jede fünfte Erfahrung sei eine negative, höllenartige Vision, doch würden diese von den positiven später verdrängt.

Der amerikanische Arzt Jeffrey Long rief ein Internet-Forum ins Leben, auf dem sich Hunderte Menschen mit Nahtoderlebnissen austauschen. Gott werde dort fast nie persönlich beschrieben, wohl aber einhellig eine „absolute Liebe“. „Jesus Christus spielt da als eindeutig erkennbarer Gottessohn keine Rolle“, so Long. Auch er schrieb ein Buch darüber. Ein ganzes Kapitel handelt auch von Höllen-Visionen, von „unzähligen Seelen, die weinten und klagten – den Verlorenen“.

Thiede zieht als ein Fazit: „Wie es um die Wahrheit über die Wirklichkeit jenseits des Todes steht, lässt sich im Diesseits keineswegs objektiv ausmachen – auch nicht durch irgendwelche Schlüssellöcher ins Jenseits. (…) Das neue Fragen nach dem Jenseits innerhalb und außerhalb der esoterischen Bewegungen ist psychologisch, philosophisch und theologisch legitim – und mit Sicherheit gesünder als seine Tabuisierung oder allzu rasche Abfertigung.“

Subjektive Eindrücke, keine Offenbarung

Auf Anfrage von PRO sagt Thiede, von „Beweisen“ von einem Leben nach dem Tod könne ohnehin niemand sprechen. „Es gibt aber durchaus Indizien, die in die Richtung deuten, dass es nach dem Tod weitergeht.“ So habe etwa der Psychiater Bruce Greyson in seinem neusten Buch „Nahtod“ nach Jahrzehnten der Forschung festgehalten, dass bei seriösem wissenschaftlichem Hinsehen doch sehr viel für ein Überleben des Todes spreche. Auf die Frage, ob diese Berichte einen Einfluss auf den Glauben von Christen haben sollten, sagt der Theologe: „Insofern durchaus, als sie den Glauben an ein Leben nach dem Tod, die Hoffnung auf den Himmel und eine Auferstehung für uns moderne Menschen wieder mehr in den Bereich des Anschaulichen, des Vorstellbaren zurückholen können.“ Allerdings handele es sich nach wie vor um subjektive Eindrücke jenseits des normal Erlebbaren, nicht etwa um „Offenbarungen“ im biblischen Sinne. Auch bestehe die Gefahr, dass die Spekulationen über ein Leben nach dem Tod aufgrund dieser Berichte der Esoterik Vorschub leisten könnten. Jesus komme in esoterischen Konzepten meist nur „in verzerrenden Umdeutungen“ vor, „die von der Tiefe der kirchlichen Gotteslehre wegführen und oft in Konzepte einer mindestens teilweisen ‚Selbsterlösung‘ münden“.

Der Theologe findet, „dass gerade auch solch höllenartige Erfahrungen“ – nicht nur Bilder von quälendem Feuer, sondern auch etwa Eindrücke einer absoluten Einsamkeit – durchaus nachdenklich stimmen sollten. Der christliche Glaube wisse um das göttliche Gericht, so Thiede. Doch gleichzeitig sei er „in Abwägung aller Argumente“ von der Hoffnung auf eine „von Gott schlussendlich herrlich durchgesetzte Versöhnung“ beseelt, auf „die in Jesus Christus erkennbar gewordene Liebe Gottes und seine vollkommene Gerechtigkeit“. So viele Hinweise laut Thiede auch für ein Leben nach dem Tod sprechen, am Ende bleibe es eine Entscheidung des Einzelnen, für oder gegen eine Annahme. Für oder gegen den Glauben. Thiede: „Die christliche Kirche weiß von einem ganz bestimmten Verstorbenen, zu dem Kontakt möglich ist: Jesus. In ihm ist Gott Mensch geworden, in ihm hat er selber den Tod erlitten – und überwunden.“

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6 Antworten

  1. Nahtoderfahrungen sind bestenfalls ein Indiz, kein Beweis.

    Uns bleibt aber die Einschätzung von Jesus selbst:
    “Hören sie Mose und die Propheten nicht,
    so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.”

    Und uns allen aber gilt:
    “So auch die Auferstehung der Toten.
    Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.
    Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit.
    Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft.
    Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.
    Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.”

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  2. Mich erstaunt immer wieder wie wenig Theologen zu diesem Thema beizutragen haben. Könnte es daran liegen, dass Theologie nur als Schriftgelehrsamkeit und nicht als Ganzheitswissenschaft betrieben wird? –
    Jesus sprach “Noch vieles hätte ich euch zu sagen, doch ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener gekommen ist, der Geist der Wahrheit, der wird euch in die GANZE Wahrheit einführen.” (Jo. 16,12.13) und Paulus ergänzt, dass wir sogar die “Tiefen Gottes” (1. Kor. 2,10) erkennen könnten.
    Gemäß der anthropologischen Konstitution des Menschen trennt sich bei einem Nahtoderlebnis der Emotionalkörper vom Lebensleib (der für die Aufrechterhaltung der Lebensprozesse im physischen Leib zuständig ist) und dem physischen Leib. Die Erlebnisse, die der Mensch deshalb in einem solchen Fall hat, sind teils objektive Erlebnisse (infolge der objektiven Realität) und subjektive (durch die Verschiedenheit der Persönlichkeiten bedingt.)
    Empfehlenswert: https://manfredreichelt.wordpress.com/2018/12/13/phaenomen-nahtod/ und https://www.academia.edu/44612713/Indizienbeweise_f%C3%BCr_ein_Leben_nach_dem_Tod_und_die_Wiedergeburt

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  3. Wird viel zu wenig gepredigt:

    „Die christliche Kirche weiß von einem ganz bestimmten Verstorbenen, zu dem Kontakt möglich ist: Jesus. In ihm ist Gott Mensch geworden, in ihm hat er selber den Tod erlitten – und überwunden.“

    Das reicht doch, oder?

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    1. Nein, das reicht nicht. Diese Bedürfnislosigkeit ist wesentlich dafür verantwortlich, dass heute der christliche Glaube so wenig ernst genommen wird. Wir brauchen BEGRÜNDETEN Glauben. Glaube lässt sich aber nur mit WAHRHEITEN begründen.

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  4. Diese Nahtoderlebnisse sind eben nur Erlebnisse aus dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Im biblischen Sinne von Erlebnissen nach dem Ableben zu sprechen, ist völlig daneben. Wer zurückkehrt ins Leben war eben NICHT tot. Und kann daher nicht von den Konsequenzen, gut oder schlecht, erzählen, die in dieser oder jener Art die Menschen erwarten, wenn es tatsächlich hier auf Erden zu Ende ist. Daher erachte ich diese Nahtoderlebnisse als vernachlässigenswert.

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    1. Ihre Ausführungen zu Ende gedacht: Lazarus war nicht wirklich tot, Jesus ist nicht im Totenreich gewesen, da er auferstanden ist. Nein, Herr Weber, wenn sich nur jeder etwas zusammenreimt, kommen wir nicht weiter. Wir müssen, wie ich schon hier schrieb, die Konstitution des Menschen kennen, um wirklich über den Menschen und sein Verhältnis zum nachtodlichen Bereich etwas VERNÜNFTIGES sagen zu können.

      Überall diese Geistfeindlichkeit, die sich nicht ernsthaft mit existentiellen Fragen auseinandersetzen möchte. Ich bin froh, dass wir doch solche Erlebnisse in unserem Glauben herausgefordert werden, denn sonst würden wir noch mehr in Bequemlichkeit versinken.

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