Viele Jahre leitete der Theologe Jürgen Mette die Stiftung Marburger Medien. Sein Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“ schaffte es 2013 auf die Spiegel-Bestsellerliste. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Viele Jahre leitete der Theologe Jürgen Mette die Stiftung Marburger Medien. Sein Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“ schaffte es 2013 auf die Spiegel-Bestsellerliste. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Latzel ist kein Märtyrer

Gegen den Bremer Pastor Olaf Latzel hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Volksverhetzung verhängt. Dabei hat er doch nur gepredigt, oder? pro-Kolumnist Jürgen Mette findet: Ihn als verfolgten Künder der Wahrheit zu stilisieren, trifft nicht. Als Mann des Wortes sollte er besser auf seine Worte achten.

Was ist passiert, dass ein einzelner Pastor wie Olaf Latzel in Bremen so viel öffentliche Haue bekommt, dass seine Landeskirche ihm in einem Dienstgespräch die Predigtkanzel für sechs Wochen sperrt und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Volksverhetzung einleitet? War es der Griff in die Kasse, der Griff zur Flasche oder der Griff unter den Rock? Nein, nichts von diesen drei typischen Gefahren. Olaf Latzel hat gepredigt und gelehrt, wie sich das für einen guten Pastor gehört. Er hat auch keine Irrlehren vertreten, jedenfalls nicht öffentlich.

Ich kenne Olaf Latzel als einen engagierten Pastor und leidenschaftlichen Evangelisten, damals noch in Trupach bei Siegen, wo wir zusammen eine Jugendevangelisation durchgeführt haben. Der Mann hat ohne Zweifel dort im Segen gewirkt. Er war immer in Rufweite. Er war ein unverschämter Rufer, im besten Sinne des Wortes ohne falsche Scham. Ich vermute, dass seine Gemeinde St. Martini ihm heute dasselbe Zeugnis ausstellen würde. Aber sie täte gut daran, ihrem Pastor beizustehen und ihn gleichzeitig in die Pflicht zu nehmen, auf seine Worte zu achten.

Olaf Latzel ist ja dafür bekannt, dass er hier und da gern mal verbal überzieht, besonders wenn es um Minderheiten geht, zum Beispiel gegen Muslime oder Homosexuelle. Wer im Namen Jesu predigt, kann eine Abwertung von Mitmenschen nicht akzeptieren, geschweige selbst aussprechen. Man bezeichnet Homosexuelle einfach nicht als „Verbrecher“. Basta! Auch wenn er sich für die Verwendung des Begriffs entschuldigt hat und uns wissen lässt, dass er damit nur die aggressiven gemeint hat, die seine Kirche angegriffen hatten, und dass zudem in St. Martini Homosexuelle immer willkommen seien. Da bleibt ein eigenartiger Beigeschmack. Wie wäre es stattdessen mit „Segnet, die euch fluchen!“ gewesen?

Besonnenheit statt Provokation

Es ist nicht das erste Mal, dass Pastor Latzel verbal auffällig wurde. Wer immer mal wieder über das Ziel hinausschießt, bleibt so in der Öffentlichkeit präsent. Dass sich dann aber 20.000 empörte Menschen aus dem ganzen Land per Petition mit ihm identifizieren und solidarisieren, weil sie klare Kante zeigen wollen und in Pastor Latzel einen letzten Vertreter ihrer Sorgen sehen, das fordert uns heraus.

Vandalismus und Schmierereien an religiösen Versammlungsräumen sind völlig inakzeptabel. Für die Bearbeitung von Sachbeschädigung auf dem Anwesen Latzel oder St. Martini ist die Polizei zuständig. Dennoch frage ich mich ganz schlicht, was Jesus getan hätte. Hätte er die Sprayer vielleicht noch zu einer Wand geführt, die dringend auf Anstrich wartet? Oder gilt für diesen Vorgang nicht das Wort Jesu von der „anderen Wange“, die man den Angreifern hinhalten soll?

Dass man aber Olaf Latzel jetzt mit dem Thema Christenverfolgung in Verbindung bringt, ist ihm hoffentlich selbst unangenehm. Christenverfolgung wäre, wenn Christen um Jesu willen existentiell bedroht werden. In Bremen gibt es tolle evangelikale Gemeinden, die unspektakulär ihre Arbeit machen. Werden die nicht „verfolgt“, weil sie nicht so schneidig auftreten wie der Pastor von St. Martini? Und sollten ihm die bösen Sprüche nur so „rausgerutscht“ sein, dann muss man befürchten, dass sich dieses Menschenbild längst in seinem Kopf fest etabliert hat. Wer solchen Gefühlen Raum gibt, der braucht einen engen Freund, der sagt: „Es reicht!“, und der ihn dann freundlich, aber zielbewusst nach Backstage führt. Ich wünsche meinem Glaubensbruder und Kollegen einen solchen Freund, der ihn begleiten und korrigieren darf.

Allerdings halte ich eine Klage gegen Olaf Latzel wegen Volksverhetzung für völlig übertrieben und vor allem kontraproduktiv, denn das würde denen, die ihm huldigen, nur in die Hände spielen. Ich vermute und hoffe, dass ein Verfahren wegen Volksverhetzung nicht zustande kommen wird.

Olaf Latzel wird hoffentlich bald wieder gute Predigten halten, das kann er nämlich, die Aufregung würde sich bald legen. Nur die Stadtmusikanten würden weiter tonlos erstarrt rumstehen. Und vielleicht, dafür bete ich, öffnet Gott selbst ihm die Augen dafür, dass es mit Besonnenheit immer besser geht als mit der Holzhammer-Methode. Die lautesten Empörer haben oft reichlich Scheinheiliges im Gepäck.

Schöne Grüße von der Lahn an die Weser.

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