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„Journalismus und Haltung vertragen sich nicht“

Der Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, Marco Bertolaso, fordert den Nachrichtenjournalismus auf, wahrhaftig und demütig zu agieren. Krisen könnten nur im Dialog mit den Konsumenten der Medien gelöst werden.
Von Johannes Schwarz
Marco Bertolaso

Foto: Deutschlandfunk

Marco Bertolaso möchte zusammen mit der Gesellschaft den Nachrichtenjournalismus retten

Der Journalismus, speziell der Nachrichtenjournalismus, ist in der Krise, so Marco Bertolaso, Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, am Montagabend beim Kölner Mediengespräch. Die klassischen Massenmedien seien veraltet und ein „Weiter so“ könne es auch im Journalismus nicht geben. Es brauche einen Neuanfang, da ist sich Bertolaso sicher. Gefordert seien dabei allerdings nicht nur die Medien selbst, sondern auch die Gesellschaft, die Politik und jeder einzelne Bürger.

Die Verrohung sei nicht nur in der gesamten Gesellschaft zu spüren, sondern auch im Journalismus. Durch „wirtschaftliche Zwänge“ stimme der Journalismus teilweise in den kritischen Zustand mit ein. Gleichzeitig ist sich Bertolaso sicher, dass diese Entwicklung zur Verrohung nichts Neues sei. „Am Ende geht es an die Substanz“, sagt Bertolaso, denn weil „journalistische Arbeit eine gesellschaftliche Arbeit“ sei, können sich die Medien nicht losgelöst betrachten.

Eine Absage an den Haltungsjournalismus

Anhand der Berichterstattung rund um den Weltklimagipfel stellte Bertolaso klar: „Journalismus und Haltung vertragen sich nicht“. Es sei nicht die Aufgabe der Journalisten, zu Nachrichtenthemen Haltung zu zeigen. Selbstverständlich sei der Buchautor sich bewusst, dass es „Objektivität im Journalismus“ nicht gebe, in dem Sinne, dass Menschen vollkommen objektiv an Nachrichten herangehen. Eine bestimmte Haltung gegenüber Inhalten zu thematisieren, sei jedoch deutlich abzulehnen.

Dem Journalismus fehle Wahrhaftigkeit. Wenn Medienschaffende „eingestehen, dass sie Schwächen haben“, dann könne konstruktiver Journalismus gelingen. Schreibern, wie auch der Gesellschaft, tue es nicht gut, an der Perfektion festzuhalten und eine falsche Erwartungshaltung zu kreieren. Die „Vertrauenskrise Gesellschaft und Journalismus“ könne überwunden werden, wenn diese „dialogisch miteinander“ ins Gespräch kommen. Wahrhaftigkeit und Demut sei die Folge des wechselseitigen Austausches, fügt der Chef des Deutschlandfunks hinzu.

Neue Vielstimmigkeit

Das klassische Konzept der Gatekeeper sei nicht mehr unangefochten. Marco Bertolaso fügt hinzu: „Das Leben geht weiter, wenn man nicht mehr der Alpha-Journalist ist“. Es gebe durch die Sozialen Medien wesentlich mehr Sender in die Gesellschaft. Journalismus habe nun eine „ordnende Aufgabe“, denn eine Auswahl der Inhalte müsse getroffen werden.

Bertolaso kritisiert, dass die Sprache der Medien zu komplex und „nicht barrierefrei“ sei. Die Sprache müsse wieder verständlicher werden. Verständlichkeit sei „Pflicht und keine Kür“. Dabei sei es wichtig, bei den Inhalten keine Kompromisse zu machen. Die Botschaft müsse sein, sich „den Leuten zuzuwenden“, denn nur mit Wahrhaftigkeit und Demut der Informationsmedien könne es „sehr gute Zukunftschancen“ geben.

Auch der Mediennutzer stehe in der Verantwortung, sich im Sinne einer niveauvollen Wissensanreicherung besser und anders zu informieren. Es brauche hierzu jedoch mehr als nur einen Appell. Gesellschaftliche Debatte und Medienkompetenz müsse aufzeigen, dass sich das starke Niveau durchsetzt, meint Bertolaso. Jeder sei selbst dafür verantwortlich, dass niveauvolle Medien konsumiert werden.

Alles eine Frage der Finanzierung

Seit jeher stehen Medienhäuser in Konkurrenz zueinander und müssen auch um die finanziellen Mittel ringen. Verschärft habe sich diese Situation durch die Sozialen Medien und das Netz. Viele Menschen seien nicht bereit, für guten Journalismus Geld auszugeben. Die „Folgen für den Journalismus sind enorm“, räumt Bertolaso ein. Der Mittelweg, dass es staatliche, von der Bevölkerung unterstützte und private, konkurrenzabhängige Medien gebe, stehe mehr und mehr auf dem Prüfstand. Bertolaso kann sich vorstellen, dass es in Zukunft beispielsweise auch einen Bürgerjournalismus geben könnte, der journalistische Arbeit nach dem Vorbild von Bürgerräten verrichtet.

Besonders mit Blick auf die Finanzen fehle „Nachhaltigkeit im Journalismus“. Marco Bertolaso fordert von den Redaktionen, dass sie „besser reflektieren“ sollten, über Arbeitsweisen und Inhalt ihrer Berichterstattung. Zeit für Reflexion und Gespräch einzuplanen, sei von Bedeutung.

Der 57-jährige Marco Bertolaso ist seit 2007 Nachrichtenchef des Deutschlandfunks in Köln. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Philosophie in Köln, Bonn, Paris und Oxford. Nach der Mitarbeit im Büro eines Bundestagsabgeordneten wechselte er als Redakteur zum Deutschlandfunk und schrieb berufsbegleitend seine Dissertation in Neuerer Geschichte. In den vergangenen Jahren hat er sich insbesondere mit der digitalen Transformation im Medienbereich beschäftigt sowie mit der Krise des Informationsjournalismus und den Auswirkungen auf Demokratie und Rechtsstaat.

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Eine Antwort

  1. Seit einigen Jahren wächst bei mir das Gefühl, dass ich über die öffentlichen Medien nur noch gefärbt informiert, in wachsendem Maße auch indoktriniert werde.

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