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Hungern bis zur Heiligkeit

Von religiösem Fanatismus im Irland des 19. Jahrhunderts, bitterer Armut und dem Streit zwischen Wissenschaft und Glaube handelt der Spielfilm „Das Wunder“. Der sehenswerte Netflix-Historienfilm basiert auf einem Bestseller.
Von Jörn Schumacher
The Wonder, Netflix, Kía Lord Cassidy

Foto: Aidan Monaghan/Netflix

Kíla Lord Cassidy spielt das „Fastenmädchen“ Anna O’Donnell in „Das Wunder“

Die elfjährige Anna isst seit Monaten nichts mehr. Sie lebe allein vom Himmel, von der Liebe Gottes und dem „Manna“, das von oben kommt, sagt sie. Eine Krankenschwester soll das Phänomen untersuchen. Denn immerhin könnte sich dahinter ein göttliches Wunder verbergen, und das kleine Dorf in Irland hätte eine Heilige und damit viel Berühmtheit dazugewonnen.

Die Geschichte, die der Netflix-Film „Das Wunder“ nacherzählt, basiert auf dem gleichnamigen irischen Bestseller von Emma Donoghue aus dem Jahr 2016. Die Schriftstellerin stammt selbst aus Irland, sie wurde 1969 als jüngstes von acht Kindern in Dublin geboren und besuchte eine katholische Klosterschule. Sie promovierte in Englischer Literatur an der Universität Cambridge und lebt heute in Kanada.

Eigenen Angaben zufolge ist sie Mitte der 1990er-Jahre auf das Phänomen der sogenannten „Fastenmädchen“ gestoßen und sofort fasziniert davon gewesen. Sie befasste sich mit 50 Fällen dieser Art, die zwischen dem 16. bis 20. Jahrhundert in vielen westlichen Ländern auftraten. Donoghue erinnerten diese Mädchen an Heilige aus dem Mittelalter und sie verband das Phänomen mit dem Problem der Magersucht in neuerer Zeit. Ihr Roman „The Wonder“, der in die Zeit der großen Hungersnot in Irland zwischen 1845 und 1849 angesiedelt ist, wurde zum Bestseller und für mehrere Literaturpreise nominiert.

Der Spielfilm erzählt die Geschichte sehenswert, mit beeindruckenden Bildern und mit hervorragenden Schauspielern nach. Die amerikanisch-britisch-irische Koporduktion ist seit kurzem bei Netflix zu sehen.

Katholische Frömmigkeit prallt auf aufgeklärten Protestantismus

In einem kleinen Dorf in den irischen Midlands im Jahre 1862 behauptet die elfjährige Anna O’Donnell, seit vier Monaten nichts mehr gegessen zu haben. Die Gemeindeleitung, der Dorfpfarrer und auch ein Arzt sind angetan von diesem Wunder. Und es beschert der armen Gemeinde ein großes Interesse: Fast täglich kommen Besucher, um dieses göttlichen Phänomens teilhaftig zu werden. Nicht ohne zum Abschied einen kleinen Obolus bei der Familie des Mädchens zu hinterlassen.

Um sicherzugehen, dass es sich um ein göttliches Wunder handelt, bestellen der Arzt und der Pfarrer die Krankenschwester Elizabeth „Lib“ Wright aus England hinzu. Sie soll abwechselnd mit einer Nonne das Mädchen zwei Wochen lang Tag und Nacht überwachen. Kann sie sich unbemerkt ernähren? Wenn ja, wie?

„Ich lebe vom Manna. Vom Himmel“, sagt Anna. Und ihre Beobachterin Lib fragt: „Und wie fühlst du dich dabei?“ – „Satt“, lautet die Antwort. Das Mädchen wirft sich 33 Mal am Tag auf den Boden und betet, für jedes Lebensjahr Jesu einmal. Sie sammelt Heiligenbilder wie heutzutage Kinder Sammelkarten von Sportlern. Schon bald stößt Lib auf die Wahrheit des Geschehens.

„Das Wunder“ lässt die katholische Frömmigkeit der Iren im 19. Jahrhundert auf die wissenschaftliche Aufgeklärtheit der protestantischen Engländer prallen. Hier klingen auch die uralten Vorurteile zwischen beiden Kulturen an, die sich nicht zuletzt im Nordirland-Konflikt zeigen. Hier die angeblich rückständigen Iren, dort die aufgeklärten, aber auch arroganten Engländer.

Jeder hat nur eine Geschichte, nicht die Wahrheit

„Was hat Anna zuletzt gegessen?“, fragt Lib die Magd. „Den Leib des Erlösers. Ihr Geburtstag und ihre Heilige Kommunion waren am selben Tag“, antwortet ihr diese. „Also nur Wasser und Mehl“, stellt die Krankenschwester fest. „Nein, nicht nur Wasser und Mehl“, entgegnet die Magd. „Das Blut und das Fleisch Jesu Christi.“ Lib antwortet, das sei bloß eine Geschichte, sie aber suche Tatsachen. Der Grund für ihre Reise sei es, genau diesen Unterschied zu finden. Die Magd, mit einem Spaten bewaffnet, entgegnet: „Ich grabe nach Torf und Sie nach der Wahrheit.“ Lib, die ihre Erkenntnisse in einem kleinen Büchlein aufschreibt, habe ja ebenfalls nichts weiter als eine Geschichte, stellt die Magd fest. Sie müsse nur fest daran glauben. So wie andere an die Bibel. „Wir sind nichts ohne Geschichten“, sagt die Magd, die Vierte Wand durchbrechend, an den Zuschauer gewandt.

„Das Wunder“, 108 Minuten, Netflix

 

Der Netflix-Film stellt den Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft einfühlsam dar, am Ende ist er aber eine Warnung vor religiösem Fanatismus, der um des heiligen Eifers willen sogar bereit wäre, das Leben eines Kindes zu opfern. Hauptdarstellerin Florence Pugh („Little Women“, „Black Widow“) ist als Krankenschwester Lib sehr gut besetzt, in Nebenrollen sind zu sehen: Toby Jones als Arzt und Ciarán Hinds als Gemeindepfarrer.

Der Film beginnt in unserer Zeit mit einer Fahrt durch das Filmstudio mit den Modellen der Häuser des fiktiven irischen Dorfes. Vielleicht wollten die Filmemacher ja sagen: Schaut her, wir spielen mit offenen Karten, wir erzählen nur eine Geschichte, hier wird, anders als bei den religiösen Fanatikern, niemand hinters Licht geführt.

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Eine Antwort

  1. Wenn hier über den (religiösen) Fanatismus des 19. Jahrhunderts berichtet wird – wäre es nicht viel interessanter, über den zeitgeistigen Fanatismus zu berichten, der zu viele junge Frauen heute(!) zu Magersucht, Bulimie oder selbstverletzendem Verhalten verleitet?

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