Glaube und Politik: Wer ist Cem Özdemir?

Cem Özdemir hat die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen. Der 60-Jährige bezeichnet sich als säkularen Moslem und saß einst im christlichen Religionsunterricht. PRO hat sich politische Positionen und sein Abstimmungsverhalten im Bundestag angeschaut.
Von Martin Schlorke
Cem Özdemir

Aller Voraussicht nach wird Cem Özdemir der neue Landesvater in Baden-Württemberg. Nach einer großen Aufholjagd gewann er am Sonntag die Landtagswahl im drittgrößten Bundesland denkbar knapp vor der CDU. Damit könnte er Deutschlands erster muslimischer Ministerpräsident werden.

Özdemir selbst bezeichnete sich in der Vergangenheit scherzhaft als „anatolischen Schwaben“. Der 60-Jährige ist der Sohn von Gastarbeitern, die in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, und wuchs in einem muslimischen Elternhaus auf. Er selbst bezeichnet sich als säkularen, nicht praktizierenden Muslim. Gegenüber der „Bild“-Zeitung sagte Özdemir vor wenigen Tagen, dass er von seinen Eltern vor allem Werte wie Anstand, Respekt, Fleiß und die Achtung vor dem Anderen in gelernt hat. Zudem habe ihn der evangelische Religionsunterricht „tief geprägt“.

Evangelische Prägung

Dass er am christlichen Religionsunterricht überhaupt teilnahm, gehe auf seine Mutter zurück. „Da lernst du auch was Richtiges“, habe seine Mutter gesagt. Dem Religionslehrer habe er „Löcher in den Bauch gefragt“. Besonders spannend habe er die Schöpfungsberichte in der Bibel und die Evangelien gefunden. Özdemir gehörte außerdem zu einer christlichen Jugendgruppe im Ort. Später studierte er an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen Reutlingen (heute Evangelische Hochschule Reutlingen).

Bis 2023 war Özdemir mit einer aus Argentinien stammenden katholischen Journalistin verheiratet. In einem Interview erklärte er 2018, dass das Paar versucht, ihre Kinder sowohl mit dem Islam als auch mit dem Christentum vertraut zu machen. „Zuhause haben wir – zugegeben theologisch sehr frei interpretiert – gesagt: Der Mohammed und der Jesus sind gute Freunde und die schauen sich das an, was wir unten auf der Erde machen. Und ärgern sich manchmal tierisch, was wir mit den wunderbaren Gaben machen, die wir haben, und was wir aus all den wunderschönen Dingen machen“.

Namentliche Abstimmung zu Organspende, Abtreibung und Co.

1994 zog Özdemir erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Von 2004 bis 2009 war er Mitglied im EU-Parlament. Seit 2013 sitzt er erneut im Bundestag. Von Dezember 2021 bis Mai 2025 war Özdemir Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Bei seiner Vereidigung legte er den Amtseid ohne die Formel „So wahr mir Gott helfe“ ab. Nach dem Bruch der Ampel-Koalition war er zusätzlich noch Bildungsminister.

In seiner Zeit als Abgeordneter nahm Özdemir an unzähligen namentlichen Absitmmung im Deutschen Bundestag teil. So stimmte er 2017 für die sogenannte Ehe für Alle. Bereits 2019 votierte er für die Abschaffung des Paragraphen 219, der ein Werbeverbot für Schwangerschaften vorsah. Damals fehlte noch die Mehrheit, die schließlich 2022 mit der Ampel-Koalition erreicht wurde. Özdemir votierte als Abgeordneter zudem für die Widerspruchslösung bei Organspenden, wonach jeder Mensch automatisch Organspender wird, der vorher nicht explizit widerspricht.

Ebenfalls keine Mehrheit bekam das Vorhaben 2021, die Staatsleistungen an die Kirchen abzulösen. Özdemir stimmte dafür. Ebenso wie für das Selbstbestimmungsgesetz und die Legalisierung von Cannabis. An den Abstimmungen über das Schwangerschaftskonfliktgesetz und die beiden Gesetzesvorschläge zum assistiertem Suizid nahm er nicht teil.

„Verteidiger Israels“

Im Laufe seiner politischen Karriere stand Özdemir immer wieder öffentlich für das Existenzecht Israel ein und positionierte sich deutlich gegen Antisemitismus. 2021 erklärte er, die Palästinenser müsste akzeptieren, dass Israel niemals von der Landkarte verschwinden werde. Und weiter: Die Existenz Israels sei kein „Betriebsunfall der Geschichte“. Als Bildungsminister würdigte er 2025 die deutsch-israelischen Beziehungen als ein „Wunder“ und kritisierte die Anhänger der Boykott-Bewegung gegen Israel.

2022 zeichnete ihn der Zentralrat der Juden mit dem Leo-Baeck-Preis für sein Engagement gegen Antisemitismus aus. Zentralrats-Präsident Josef Schuster nannte Özdemir einen „Verteidiger Israels“. Der Grünen-Politiker sei ein „vehementer Streiter gegen Fanatismus, Ausgrenzung und Antisemitismus, sowie für Religionsfreiheit“. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sei ihm zu tiefstem Dank verpflichtet.

Kritisch äußert sich Özdemir immer wieder über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, islamistische Strömungen und über staatlich beeinflusste religiöse Organisationen, wie dem Moscheeverband DITIB.  

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