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„Freiheit ist keine Bedingung für Wachstum“

Christof Sauer erforscht Religionsfreiheit und Christenverfolgung. Der evangelische Theologe setzt sich dafür ein, dass Muslime hier ihren Glauben leben können, auch wenn Christen in muslimisch geprägten Ländern bedrängt werden. Und er fordert mehr Verständnis für Konvertiten.
Von Norbert Schäfer
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Foto: FTH

Christof Sauer ist Professor für Religionsfreiheit und die Erforschung der Christenverfolgung an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen

PRO: Warum sollten sich Christen für die Religionsfreiheit aller Menschen einsetzen?

Christof Sauer: Als Christen glauben wir, dass alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Er gibt uns die Möglichkeit, freie Entscheidungen zu treffen. Deshalb sollen wir diese auch jedem zubilligen. Es gibt nur dann Religionsfreiheit in einem Land, wenn es sie für alle gibt. Die kleinste Minderheit ist der Maßstab. Das ist der Kanarienvogel im Kohlenschacht, der anzeigt, ob der Sauerstoff ausgeht.

Würden Sie sich als Christ dafür engagieren, dass ein türkischer Moscheeverein an Ihrem Wohnort gegen den Willen des Gemeinderates eine Moschee bauen darf?

Ich würde mich dafür engagieren, dass Muslime als gleichberechtigte Mitbürger eine Möglichkeit haben, ihren Glauben ungestört auszuüben und auch Räumlichkeiten dafür haben. Dann würde ich mich zugleich dafür einsetzen, dass die Gemeinderäte sehr gut informiert sind, wenn sie solche Entscheidungen fällen und weder Feindbilder noch Naivität einen Platz haben. Eine muslimische Gebetsstätte muss nicht zwingendermaßen eine Moschee sein und auch kein Minarett haben. Es gibt keinen Minarettzwang. Ein Minarett ist eher Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Machtposition.

Wo liegt die Grenze zwischen Diskriminierung und Verfolgung?

Diskriminierung besteht, wenn Menschen wegen ihrer Identität, Überzeugung oder Taten anders behandelt werden als Dritte. Wenn eine Krankenschwester im Bewerbungsgespräch sagt, dass sie aufgrund ihres christlichen Glaubens Abtreibungen ablehnt und deshalb die Stelle nicht bekommt, wäre das ein deutlicher Hinweis auf Diskriminierung. Verfolgung ist sehr häufig ein wesentlich intensiverer Tatbestand. Es setzt ein aktives Nachstellen voraus, um einer anderen Person Schaden zuzufügen. Dies kann so weit führen, dass man versucht, Personen oder ganze Gruppen von Menschen auszulöschen.

Ab wann kann man von Verfolgung sprechen?

Es gibt Debatten darüber, wie man Verfolgung überhaupt definieren soll. Eine breite Definition möchte umfassend beschreiben, was weltweit passiert – auch quer durch die Geschichte. Beim Asylrecht hingegen geht es um die Frage: Was wird als Verfolgung anerkannt, damit eine Person den Schutz eines Drittstaates verdient? Da liegt es im Interesse der Staaten, ihre Verantwortlichkeit so eng wie möglich zu definieren. Ein Irrtum besteht jedoch dann, wenn kirchliche Gremien diesen eng verwendeten Begriff von Verfolgung aus dem Asylrecht verwenden und sagen: „Nur, wenn diese Kriterien erfüllt sind, dann ist es Verfolgung und sonst dürfen wir als Kirchen nicht von Verfolgung sprechen.“ Damit wird ein enger Bildausschnitt zum ganzen Bild gemacht. Dieser Denkfehler begegnet mir häufig.

„Das Evangelium ist eine Kraft, die es nicht nötig hat, durch staatliche Mithilfe gestützt zu werden.“

Es gibt Vorbehalte gegen den Begriff Christenverfolgung. Woran liegt das?

Zum einen an mangelndem Kenntnisstand und zum anderen an dem Versuch, politisch korrekt und diplomatisch leise aufzutreten. Ich halte an dem Begriff Verfolgung fest, insbesondere im christlichen Sprachgebrauch, weil da noch die theologische Deutung dazukommt. Jesus Christus sagt sinngemäß: „Selig seid ihr, wenn andere euch fluchen, verspotten, verfolgen. Wer mir nachfolgen will, der wird in irgendeiner Weise irgendwann Verfolgung erleiden.“ Entweder man sagt, das stimmt nicht – oder man braucht einen ganz breiten Verfolgungsbegriff, der bei Verspottung anfängt und bei Tötung und Auslöschung des Gedächtnisses aufhört.

Wenn aber aus gesundheitspolitischen Gründen Grundrechte befristet eingeschränkt sind inklusive Religionsfreiheit, stellt das keine Verfolgung dar. Wenn ein Mädchen von ihren Eltern enterbt wird, weil sie Christin geworden ist, kann sie nicht an die Vereinten Nationen appellieren. Dieser Akt ist keine Verletzung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit. Aber aus christlich pastoraler Perspektive wird diese Person verfolgt und benötigt Beistand.

In China und in Nordkorea werden Christen verfolgt oder benachteiligt, aber die Kirchen wachsen. Gibt es einen Zusammenhang von Gemeindewachstum und Verfolgung?

Freiheit ist keine Vorbedingung für Gemeindewachstum. Das haben wir im Westen nach über 75-jähriger Friedenszeit vielleicht vergessen. Wir beurteilen diese Frage zu leicht von dem politischen Kontext her, in dem wir aufgewachsen sind, und halten Freiheit für eine Grundvoraussetzung dafür, dass überhaupt Christsein gelebt werden kann. Viele können sich nicht vorstellen, wie man unter einem repressiven Regime Glauben leben kann.

Geschehen Verfolgung und Wachstum der Gemeinde nur gleichzeitig oder bedingen sie sich gegenseitig?

Da muss man differenzieren. Es kann sein, dass Kirchen verfolgt werden, weil sie wachsen oder den gesellschaftlichen Frieden stören. Dann bekommt etwa der buddhistische Mönch in Sri Lanka von den christlichen Dorfbewohnern nicht mehr seinen Obulus für den Lebensunterhalt und wiegelt deshalb den Mob gegen den Pastor in seinem Dorf auf. Das Dik­tum Tertullians „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche“ kann sehr leicht triumphalistisch missbraucht werden, wenn der geschichtliche Kontext nicht mit einbezogen wird. Es ist kein Naturgesetz und keine Verheißung Gottes, dass die Gemeinde unter Druck wächst. Es ist aber die Verheißung Gottes, dass die Kirche als Ganze nicht unter den Pforten der Hölle untergeht.

Sind Christen immer nur Opfer oder auch Täter?

Sie sind wie alle Menschen nicht davor gefeit, auch zu Tätern zu werden. Deshalb sollten wir selbstkritisch bleiben. Mit der konstantinischen Wende Anfang des 4. Jahrhunderts wurde das Christentum von einem erlaubten Glauben zum Staatsglauben, der andere Religionen dann bedrängte. Seitdem gibt es in vielen Bereichen eine unheilige Koalition zwischen Kirche und Staat, die sich wieder entflechten muss. So wie in den ersten drei Jahrhunderten, als Christen kaum Macht oder Einfluss in der Gesellschaft hatten. Das Evangelium ist eine Kraft, die es nicht nötig hat, durch staatliche Mithilfe gestützt zu werden. Das verfälscht eher die Botschaft. Empirisch gesehen sind Christen heute kaum noch an irgendeiner Stelle Täter gegen Nichtchristen.

Wie bewerten Sie die Lage der Christen in Afghanistan?

Es gibt mehrere tausend Konvertiten in Afghanistan, die schon vor der Macht­übernahme der Taliban vor der Frage standen, ob sie sich in einem Religionsregister eintragen lassen, wie es die Amerikaner erwirkt hatten. Jetzt haben die Taliban Zugriff darauf. Die verbliebenen Christen treffen sich teilweise weiterhin in kleinen Gruppen in Hausgemeinschaften, sind aber eben nicht öffentlich sichtbar. In Afghanistan gibt es bis auf eine Kapelle westlicher Militärs kein einziges öffentliches Kirchengebäude.

Was raten Sie in dieser Situation?

Ich halte den Rat von christlichen Exil-Afghanen für sehr weise, dass wir die Kirche in Afghanistan so betrachten sollten wie die Kirche in China im Kommunismus und Maoismus. Dort hat Gott es geschafft, seine Kirche zu erhalten und weiter wachsen und reifen zu lassen. Ich wünsche mir, dass die Menschen lernen, in einem Kontext von Druck und Widerstand und Hass und Gewalt trotzdem ihren Glauben zu leben. Für mich stellt sich die Frage, ob wir immer nur aus unserer Perspektive und einer freiheitlich-demokratischen Vorstellung dort hinschauen oder ob wir unseren Blick – geographisch und geschichtlich – weiten. Dann können wir sehen, wie Gott es schafft, seine Gemeinde durch völlig chaotische und wirre Verhältnisse zu begleiten. Dort stehen dann nicht menschliche Strategien, Pläne und Organisationsstrukturen im Vordergrund, sondern dort ist der Heilige Geist der Missionsdirektor und führt Menschen zur richtigen Zeit zusammen. So war es auch am Anfang der Kirche in der Apostelgeschichte. Der Heilige Geist war es, der in den Kirchen Wachstum bewirkt hat, und eben nicht menschliche, äußerliche Freiheit.

Die Abschiebung von Konvertiten aus Deutschland in muslimische Länder steht immer wieder in der Kritik. Wie sehen Sie das?

Es muss noch sehr viel mehr Bildung betrieben werden. Sowohl bei den Mitarbeitern in den Behörden als auch bei Richtern, aber auch in den Gemeinden. Eine detaillierte kirchliche Stellungnahme zu inneren Beweggründen einer Konversion hat im Asylverfahren potenziell Zugkraft. Außerdem müssen alle Beteiligten die Prozesse einer Konversion grundlegend verstehen lernen. Um die Menschenrechte in Deutschland wirklich in ihrem vollen Umfang zu vertreten, müsste sich noch einiges verbessern. Es kann nicht sein, dass Behörden Konvertiten pauschal Asylbetrug oder Vorteilsnahme unterstellen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Der Religions- und Missionswissenschaftler Christof Sauer, 58 Jahre, ist seit 2017 Professor für Religionsfreiheit und die Erforschung der Christenverfolgung an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen. Der Pfarrer der württembergischen Landeskirche ist zugleich Forschungsdirektor der Internationalen Informationsstelle für Religionsfreiheit Deutschland (Tübingen) sowie Gastprofessor für Religions- und Missionswissenschaft der Evangelischen Theologischen Fakultät Leuven (Belgien). Seine Habilitationsschrift ist in gekürzter Fassung unter dem Titel „Martyrium und Mission im Kontext“ erschienen.

Dieses Interview erschien in der Ausgabe 5/2021 des Christlichen Medienmagazins PRO. Sie können PRO kostenlos online bestellen oder telefonisch unter 0 64 41/5 66 77 00.

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