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„Christen sind in akuter Lebensgefahr“

Für Christen ist die aktuelle Situation in Afghanistan lebensgefährlich. Die Chancen für sie, das Land noch rechtzeitig zu verlassen, sind minimal, berichtet ein Missionsleiter. Gleichzeitig gebe es einen großen Hunger nach dem Evangelium.
Von Jonathan Steinert
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betende Hände mit Rosenkranz
Wer in Afghanistan als Christ entdeckt wird, muss um sein Leben fürchten (Symbolbild)

Für Christen in Afghanistan, besonders für alle Konvertiten, besteht zum jetzigen Zeitpunkt „eine absolute, akute Lebensgefahr“. Sobald sie entdeckt werden, haben sie keine Chance, sagt der Leiter eines Missionswerkes, das mit afghanischen Flüchtlingen arbeitet, gegenüber PRO. Aus Sicherheitsgründen sollen er und seine Organisation anonym bleiben. 

„Wer in den vergangenen Jahren nicht ganz versteckt seinen Glauben gelebt hat, ist jetzt massiv gefährdet“, sagt der Missionsleiter. In Kabul etwa gebe es eine christliche Gemeinde, die sogar einen Kindergarten betrieben habe – um die mache er sich große Sorgen. Viele Konvertiten lebten zwar offiziell weiterhin als Muslime, übten etwa auch Dienste in der Moschee aus. In persönlichen Gesprächen aber erklärten sie anderen anhand des Korans die Bedeutung von Jesus als Messias. Diese Christen seien momentan nicht unmittelbar gefährdet, müssten aber auch damit rechnen, aufzufliegen.

Ein afghanischer Christ beschreibt die verzweifelte Lage in seinem Land

Der Missionsleiter berichtet davon, dass die Taliban bereits in mehreren Regionen Häuser und Handys durchsuchten. Wer eine Bibel-App habe, müsse mit dem Tod rechnen. Das sei schon vorher so gewesen. Aber die Taliban suchten jetzt gezielt nach Christen. Die Chancen, noch rechtzeitig aus dem Land zu kommen, seien minimal. Manche Christen hätten sich auch bewusst dazu entschieden, zu bleiben – weil sie gebraucht würden. „Trotz allem gibt es einen großen Hunger nach dem Evangelium. Der wird größer, je mehr es Zwang und Gewalt gibt.“

Menschen zur Abschreckung geschlachtet

Schon allein der Kontakt zu Ausländern – im Sinne der radikalen Muslime sind Ungläubige „kuffar“ – könne tödliche Folgen haben, weil unterstellt werde, dass damit der Abfall vom rechten Glauben einhergehe. Allerdings sei es für viele Afghanen existenziell gewesen, bei westlichen Organisationen und Militärs angestellt zu sein. Denn andernfalls hätten sie sich viele nur als Tagelöhner durchschlagen können und das sei gerade in der Corona-Krise ein Problem gewesen.

Wer für eine westliche Organisation oder gar für die ISAF-Truppen in Afghanistan gearbeitet habe, und sei es nur als Kraftfahrer oder Dolmetscher, der habe schon seit Jahren damit rechnen müssen, zunächst einen Drohbrief zur Warnung zu erhalten. Reagierte daraufhin der Betroffene nicht wie gewünscht, habe es zu gezielten Tötungen kommen können, die sich zur Abschreckung über Tage hinziehen konnten. Der Missionsleiter spricht von „Schlachtungen“.

Der Leichnam – in manchen Fällen der Sterbende – werde in dann seiner Familie zur Warnung vor die Tür gelegt. Auch mit Christen werde zum Teil so verfahren. Eine andere, weit verbreitete Methode sei es, jene Menschen dadurch einzuschüchtern, dass zum Beispiel ein Sohn entführt und tagelang vergewaltigt oder eine Tochter geraubt und zwangsverheiratet werde.

Risiko durch vom Westen eingeführte Bürokratie

Besonders bereite ihm Sorge, dass die internationalen Kräfte seit einigen Jahren in Afghanistan ein Meldewesen nach westlichem Vorbild zu etablieren versucht hätten. Das habe es traditionell nicht gegeben. Wer ein Dokument brauchte, habe sein Alter vorher offiziell „schätzen“ lassen können. Beim Kontakt mit Unbekannten, besonders aus anderen Volksgruppen, sei es in den vier Jahrzehnten des Krieges üblich gewesen, unter anderem Namen aufzutreten. Das sei eine Art Lebensversicherung gewesen.

Das funktioniere mit der neuen Pflicht zur Registrierung nicht mehr, die Menschen seien dadurch identifizierbar und könnten elektronisch nachverfolgt werden. Das sei für alle Ortskräfte westlicher Organisationen, aber auch etwa für Frauen, die als Lehrerinnen gearbeitet hätten, und für Christen eine absolute Todesfalle. „Wer ernsthaft für sie beten will, soll es jetzt ernsthaft und anhaltend tun!“, betont er.

Abgeschobene Rückkehrer haben kaum eine Chance

Vor allem katholische polnische und italienische Soldaten hätten in den vergangenen Jahren ihren Glauben bezeugt und den Ortskräften Bibeln weitergegeben. Das erfuhr das Missionswerk von vielen geflohenen Afghanen bereits in Griechenland. Es gebe eine große Offenheit unter afghanischen Flüchtlingen für das Evangelium, sagt der Missionsleiter. Häufig habe er von ihnen gehört: „Wir haben von klein auf gelernt, dass die Ungläubigen schlimme Leute sind. Aber von unserem eigenen Umfeld wurden wir unterdrückt, dass wir fliehen mussten. Wir haben uns sehr vor den Ungläubigen gefürchtet. Aber in Europa wurden wir das erste Mal als Menschen behandelt.“ Wenn afghanische Flüchtlinge einen Zugang zum christlichen Glauben fänden, dann oft wegen dieser Erfahrung.

Aber auch wenn ein Afghane erst in Europa Christ würde, könne das für seine Familie in der Heimat bedeuten, unter Druck gesetzt oder verhaftet zu werden. Und wer etwa als Abgeschobener – ganz gleich ob Konvertit oder nicht – nach Afghanistan zurückkomme, habe kaum eine Chance, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen und etwa Arbeit zu finden. Zu groß sei die in der Schamkultur verankerte Angst, der „Unglaube“ könne im Westen auf ihn abgefärbt haben.

Dass die Taliban Afghanistan nun so schnell eingenommen hätten, könne nur für diejenigen überraschend gewesen sein, die keine Ahnung von den Gesetzmäßigkeiten einer Stammesgesellschaft  hätten. „Keine Regierung ist auch nur im Ansatz dazu in der Lage, hier nach demokratischen Regeln zu herrschen“, sagt der Missionsleiter. Das Mehrheitsprinzip funktioniere nicht in einer Gesellschaft, die von verschiedenen Volksgruppen geprägt sei, die untereinander in einem zum Teil jahrhundertelangen Verdrängungskampf stünden. „Die Loyalität zur eigenen Volksgruppe ist um Längen höher als zu einer Ideologie oder zu einer gemeinsamen Nation.“

Die Paschtunen stellen heute unter den mehr als 30 Stämmen mit rund 40 Prozent der Einwohner den Löwenanteil der afghanischen Bevölkerung. Die meisten Taliban rekrutieren sich aus dieser Volksgruppe. Sie gehören zum sunnitischen Zweig des Islam und bekämpfen neben den Christen, Hindus und Atheisten auch die Schiiten, zu denen sich mehrere kleinere Ethnien halten.

„Das von ihnen jetzt propagierte ‚Islamische Emirat Afghanistan‘ bedeutet für die afghanische Zivilbevölkerung, die nicht nach ihren Regeln leben will – das zeigen die Erfahrungen der letzten 150 Jahre –, die endgültige Unterwerfung und das Ende jeder Selbstbestimmung“, schätzt der Missionsleiter die Lage ein. Und ergänzt: „Möge Gott den Bewohnern des Landes und denen, die das gegenwärtige Chaos nicht verhindert haben, gnädig sein!“

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