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Ein fast frommer Ohrwurm

Den Ohrwurm „Hallelujah“ kennt fast jeder. Zigmal neu interpretiert, von Jeff Buckley berühmt gemacht, geistert dieser Welthit seit Jahrzehnten durch die Popkultur. Wie es zum berühmten und nur fast religiösen Lied kam, erzählt nun ein Kinofilm.
Von Jörn Schumacher

Foto: 2022 PROKINO Filmverleih GmbH/ Oliver Morris/Getty Images

„Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“ läuft ab 17. November im Kino

Es fängt sehr leise an. Dann wird der Sänger sicherer und bestimmter, und die Zeilen der ersten Strophe kulminieren laut in diesem spirituell so aufgeladenen Wort: „Halleluja“. Dieser Ohrwurm setzt sich im Kopf fest. Auch wenn das Wort wörtlich übersetzt „Lobet den Herrn!“ heißt, muss nicht jeder, der „Hallelujah“ vor sich her summt, ein frommer Mensch sein. Der 115 Minuten lange Kinofilm „Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“ erzählt, wie es zum bekannten Lied kam und verknüpft damit die interessante Biografie seines weniger bekannten Schöpfers, des spirituell ewig suchenden Leonard Cohen.

In der Bibel kommt „Hallelujah“ 27-mal vor, im christlichen Gottesdienst ist es fundamental in der Liturgie, und in unzähligen Kirchenliedern kommt es vor. Fast ebenso häufig kommt es in der Dokumentation über Leonard Cohen vor, die in dieser Woche in die Kinos kommt. Das Lied dient als roter Faden durch die Biografie des berühmten Singer-Songwriters, welche die Regisseure Daniel Geller und Dayna Goldfine auf die Leinwand brachten. Goldfine sagte vorab der Presse: „’Hallelujah’ ist nicht einfach nur ein Song: In diesem Lied steckt eine große Tiefe und Mehrdeutigkeit und es spricht Menschen sowohl auf der persönlichen, als auch auf der spirituellen, sinnlichen und biblischen Ebene an.“

Cohen rang mit Gott

Leonard Cohen wurde am 21. September 1934 im kanadischen Montréal in eine wohlhabende jüdische Familie hinein geboren. Er machte sich zunächst als Schriftsteller durch seine Gedichte und Romane einen Namen. 1967 trat er erstmals beim Newport Folk Festival musikalisch in die Öffentlichkeit. Sein erstes Album „Songs of Leonard Cohen“ war auf Anhieb erfolgreich und war der Beginn einer fast 50-jährigen musikalischen Karriere. Seine Alben verkauften sich über sechs Millionen Mal. Später zog sich Cohen in einer Sinnkrise in ein buddhistisches Kloster bei Los Angeles zurück. Im Jahr 2004 stellte sich heraus, dass Cohens langjährige Managerin sein Vermögen in Millionenhöhe veruntreut hatte. Cohen bekam vor Gericht zwar Recht, aber sein Geld nie zurück. Cohens letztes Album „You Want it Darker“ kam drei Wochen vor seinem Tod heraus. Cohen starb am 7. November 2016 im Alter von 82 Jahren, noch während der Dreharbeiten zum Film.

Sein vielleicht bekanntester Song „Hallelujah“ sage viel über das aus, was Cohen selbst ausmachte, sagt eine Weggefährtin. „Die Beziehung zu Gott, mit der er so sehr gerungen hat. Ein Teil handelt von der Bibel, der andere von der Frau, mit der er geschlafen hat.“ Ein anderer Freund ist überzeugt, der Song handele davon, dass „das Alleinsein mit dem Göttlichen uns erlösen kann“. Cohen sei immer ein spirituell Suchender gewesen, sind sich die Weggefährten einig. Der Musikjournalist Larry ‚Ratso‘ Sloman sagt, besonders ab dem vierzigsten Lebensjahr habe sich der Singer-Songwriter mit seinen jüdischen Wurzeln beschäftigt. Cohen komponierte Lieder wie etwa „Who by Fire“, die auf jüdischen Gebeten basieren. Er sei von der Sprache, die in der Synagoge gebraucht wird, schon als Kind beeindruckt gewesen, sagt Cohen im Film. „Dort kam es auf jedes Wort an. Die Welt wurde laut unserer Tradition durch Worte erschaffen.“

Ein Lied, das die Plattenfirma ablehnte

Ironie der Geschichte: Als Cohen „Hallelujah“ 1984 herausbringen wollte, lehnte das Plattenlabel Columbia Records das Album ab. Besonders demütigend: Das Album war bereits bezahlt. Dabei hatte Cohen jahrelang an diesem Lied gearbeitet, ganze sieben Jahre sogar, das jedenfalls behauptet Cohen selbst augenzwinkernd. Schätzungsweise 150 Strophen scheint Cohen immer wieder umgeschrieben zu haben, das zeigen seine Notizbücher von damals. Bob Dylan war der erste, der „Hallelujah“ mit einem Cover einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.

Heute wird das bekannte Lied in allen erdenklichen emotionalen Augenblicken gespielt, auf Hochzeiten und Beerdigungen, immer wieder wird es von kleinen Sternchen und bei den Casting-Shows gecovert – viele hatten erst mit diesem Song ihren großen Erfolg. Viele denken auch heute noch, der Song sei von Jeff Buckley, denn dessen Interpretation war ab den 90er Jahren die eigentlich bekannte Version. Buckley interpretierte das Lied eher auf sexuelle Weise. Nach dem der junge Sänger 1997 auf tragische Weise verstarb, erinnerten viele Musiker auf ihren Konzerten mit diesem Song an ihn. Dass es mehr oder weniger ein religiöses Lied ist, war den meisten dabei ziemlich egal. Ob Cohens Song ohne den Tod Buckleys so berühmt geworden wäre, fragt Larry Sloman im Film. Schließlich landete das Lied sogar im Animationsfilm „Shrek“ und wurde dadurch noch bekannter.

Einer der Gründe, warum „Hallelujah“ so berühmt wurde, ist neben der enormen Strahlkraft des Wortes im Refrain vielleicht, dass jeder so viel in den Text hineininterpretieren kann. „Es ist mysteriös, es ist ein symbolistisches Gedicht, es ist undurchdringlich, es ist wie ein Rätsel“, bringt es die langjährige Freundin Cohens, die Fotografin Marianne Ihlen, auf den Punkt. Der irische Singer-Songwriter Glen Hansard stellt fest: „Leonard hat mit dem Song ‘Hallelujah’ das Wort vom Himmel auf die Erde geholt. so dass es wieder okay war, wieder hip und einsetzbar.“ Und Mordechai Finley, so etwas wie der persönliche Rabbi Cohens, kommentiert: Es gebe im Talmud so etwas wie „Bat-Kol“, die weibliche Stimme Gottes. die in den Menschen widerhallt, das Geschenk der Kreativität. Liederschreiben habe Cohen als Gabe angesehen, als ein Geschenk, das einem nicht wirklich selbst gehöre. So sei auch der „secret chord“ (der geheime Akkord) im Lied zu erklären: „Der verblüffte König sagt: ‘Ich habe diesen Akkord geschrieben, und ich weiß nicht, wie’.“

Wie ein Gebet

Cohen selbst, der nach eigener Aussage über 30 Jahre lang eher unbekannt eine „Randexistenz an der Seitenlinie der Musikszene“ führte, bekam Schwierigkeiten mit Depressionen. Er ging dennoch auf Tour und sang sein inzwischen bekanntes „Hallelujah“ viele Male. Manchmal mit erhobenen Händen wie ein Gebet, manchmal auf dem Boden kniend. Und dann sang die Menge begeistert diese Version von „Lobet den Herrn!“ mit. Ob Cohen jemals das Rätsel des Lebens gelöst hat? Der Musiker sagt selbst am Schluss des Films: „Es ist nicht so, dass ich das bekommen hätte, wonach ich suchte. Aber die Suche selbst hat sich aufgelöst.“

Der Film „Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“ lebt von den vielen interessanten Interviews mit alten Weggefährten und mit dem Meister selbst. Beeindruckend ist er auch für alle Nicht-Cohen-Fans. So zeigt der Film etwa zum Schluss, wie Cohen 2009, drei Tage nach seinem 75. Geburtstag, ein Konzert im riesigen Ramat-Gan-Stadion in Tel Aviv gab. Zum Abschluss erhob der gealterte Sänger von der Bühne eine Hand über der Menge und sprach den priesterlichen Segen auf Hebräisch und formte beim Wort „Schalom“ mit seinen Händen eine Taube. Eine Antwort hat dieser spirituell Suchende vielleicht nicht gefunden. Aber einen gewissen inneren Frieden mit sich und der etwas ungerecht verlaufenen Entwicklung seines Hits „Hallelujah“ hat er am Ende vielleicht doch finden können.

„Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“, 115 Minuten, Kinostart: 17. November 2022

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6 Antworten

  1. “Hallelujah”
    sicher ist das Lied kein vordergründig christliches Bekenntnis. Dass aber im Glauben (jüdisch oder christlich) etwas zu finden ist, diese grundlegende Überzeugung drückt es doch aus – am Ende steht das “Schalom”.

    Wie kleinkariert, ja bösartig, wirkt dagegen die von Claudia Roth angestoßene Diskussion, Bibelverse am Berliner Stadtschloss “auszublenden”.

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  2. “Ohrwurm”? “Kennt fast jeder”? – Ich kenne ja einige Lieder mit “Halleluja”, aber das kannte ich noch nicht…

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  3. Mit gefällt das “broken halleluja”… Das passt auch zu der Melodie…

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Kommentare sind geschlossen.

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