„Dankbarkeit ist eine Entscheidung“

Sabine Langenbach ist „Dankbarkeitsbotschafterin“. Ihr neues Buch soll helfen, Dankbarkeit zu lernen. Was Tomatenpflanzen und Unkraut damit zu tun haben und warum sie immer mindestens einen Grund zur Dankbarkeit findet, erklärt sie im Interview.
Von Swanhild Brenneke
Sabine Langenbach nennt sich selbst „Dankbarkeitsbotschafterin“

PRO: Dein Buch heißt „Brille der Dankbarkeit“. Was ist mit dieser Brille gemeint und was ist der Unterschied zu der sprichwörtlichen „rosaroten Brille“?

Sabine Langenbach: Die rosarote Brille zeichnet alles schön. Die versucht dir vorzugaukeln: Es ist ja alles nicht so schlimm. Die Brille der Dankbarkeit lässt mich in der Realität, aber sie hilft mir, mich auf das zu fokussieren, wofür ich auch in schweren Lebenslagen dankbar sein kann. Wenn ich über die Dankbarkeit als Lebenshaltung spreche, möchte ich damit nicht sagen: „Ist doch alles nicht so schlimm.“ Das Leben kann hart sein. Aber ich habe gelernt, dass ich auch in schweren Zeiten erkenne, wofür ich dankbar sein kann.

Deine Tochter Birte, die mehrfach behindert und unter anderem blind ist, öffnet dir immer wieder den Blick für Dankbarkeit. Warum spielt Birte bei dem Thema eine so wichtige Rolle für dich?

Weil sie, die Blinde, mir die Augen geöffnet hat für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Für das, wofür ich dankbar sein kann. Das war aber ein innerer Prozess und eine Entscheidung. Ich schaue nicht auf das, was nicht klappt, was Birte noch nicht gelernt hat oder nie lernen wird. Ich sehe stattdessen, was sie für ein wunderbarer Mensch ist und was sie schon alles geschafft hat.  Unter anderem habe ich von Birte gelernt, dass ich mich von Äußerlichkeiten anderer Menschen nicht abhalten lasse.

Darüber erzählst du im Buch eine besondere Geschichte.

Birte war damals drei oder vier Jahre alt und saß im Kinderwagen. Wir waren in der Stadt unterwegs. Sie sah nicht, dass ein dreckiger Bettler auf uns zukam. Sie hörte nur, dass er fragte: „Kann ich die Hand Ihrer Tochter nehmen?“ Ich dachte mir: „Oh nein, bloß nicht!“ Aber sie reichte sie ihm. Erst später habe ich begriffen, dass das eine wichtige Lektion war: Ich lasse mich davon abhalten, wie jemand aussieht. Aber Birte hört und nimmt den Menschen wahr. Es stimmt, was Antoine de Saint-Exupéry im Buch „Der kleine Prinz“ schrieb: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

„Mit der Brille der Dankbarkeit entdecke ich Dinge, die andere Menschen als Zufall empfinden.“

Was macht Dankbarkeit mit dir selbst?

Ich merke es im Alltag, wenn ich mich über Dinge ärgere oder an Sachen festbeißen will, die gerade nicht laufen. Oder bei Menschen, die mich verletzt haben. Traurig und wütend zu sein, sind gerechtfertigte Gefühle. Ich bin auch manchmal undankbar. Aber ich schaffe es, das zu erkennen und zu sagen: „Der andere ist auch nur ein Mensch. Wer weiß, was dem gerade passiert ist.“ Dietrich Bonhoeffer hat davon gesprochen, dass man Menschen segnen soll. Das gilt besonders, wenn man sauer auf jemanden ist. Dann kann man beten: „Jesus, segne diesen Menschen. Du liebst ihn, aber ich habe gerade meine Schwierigkeiten damit.“ So kann ich loslassen und das in den Fokus nehmen, was gerade gut läuft – und wofür ich dankbar sein kann. Die dankbare Haltung macht mich gelassener, mitten im Alltagschaos.

Foto: privat
Sabine Langenbach mit ihrer Tochter Birte

Wie verändert Dankbarkeit deine Sicht auf die Welt?

Ich bin ein Hoffnungsmensch. Als Christ habe ich diese Hoffnung, dass Gott die Welt in der Hand hat. Das erlebe ich an vielen kleinen Dingen in meinem Leben. Sie passieren nicht per Zufall, sondern sie sind „von Gott zugefallen“, sage ich gern. Zum Beispiel, dass ich bei einer Hotline direkt den richtigen Ansprechpartner erreiche. Mit der Brille der Dankbarkeit entdecke ich Dinge, die andere Menschen als Zufall empfinden.

Der „World Happiness Report“ untersucht jedes Jahr, wie die Lebenszufriedenheit der Menschen weltweit ist. Deutschland liegt aktuell auf Platz 17. Hängt Lebenszufriedenheit auch mit Dankbarkeit zusammen?

Auf jeden Fall. Wenn ich den Fokus auf die Dinge lege, wofür ich dankbar sein kann, dann macht mich das automatisch zufriedener. Ich gehe mit einem positiven Vorzeichen durchs Leben. Leider ist in der Gesellschaft oft das Negative Thema. Man spricht am Stammtisch doch lieber über die Dinge, über die man sich richtig aufregen kann, als über das, was gut läuft.

Da habe ich einen Tipp: das innere Stoppschild. Ich kann mir selbst sagen: „Jetzt reiß dich mal am Riemen.“ Dankbarkeit ist eine Entscheidung. In Gesprächen, die ins Negative abdriften, kann man einfach mal fragen: „Und, was gibt es jetzt noch Gutes zu berichten?“ Das heißt nicht, dass es auch mal nötig ist, sich zu beschweren oder Dinge beim Namen zu nennen. Es geht um die grundsätzliche Haltung.

„Dankbarkeit kann auch gesundheitlich etwas verändern – für den Körper und für die Seele.“

Dass wir Deutschen gut im Meckern und Klagen sind, ist ja kein Geheimnis. Hast du eine Idee, was Gründe dafür sein können, dass wir uns oft lieber beschweren und das Negative sehen, als Dankbarkeit oder Positives zu empfinden?

Unser menschliches Gehirn ist aus Urzeiten darauf angelegt, sich an das Negative besser zu erinnern und es auch länger im Gedächtnis zu behalten. In der Steinzeit hat man sich gut merken müssen, dass man sich mit dem Säbelzahntiger besser nicht anlegt.

Warum es bei uns Deutschen scheinbar extremer ist, ist schwierig zu sagen. Vielleicht fehlt uns von der Prägung her die südländische Leichtigkeit. Wir wollen immer alles ganz genau und richtig machen. Das hat auch mit unserer Fehlerkultur zu tun. Ich möchte auch gern alles richtig machen, aber Fehler dürfen trotzdem mal passieren.

Hast du das Gefühl, dass sich die Lage der Dankbarkeit in den vergangenen Jahren hierzulande geändert hat, zum Positiven oder Negativen?

Ich erlebe, dass die Dankbarkeit ein Imageproblem hat. Dankbarkeit ist „nett“ und „nice to have“. Dabei ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Dankbarkeit auch gesundheitlich etwas verändern kann – für den Körper und für die Seele. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass sich etwas zum Positiven entwickelt. Ich gebe seit sechs Jahren wöchentlich einen Dankbarkeitsimpuls. Eine Frau hat sich neulich zurückgemeldet, dass sie es erst völlig abgedreht fand, für welche vielen Dinge ich dankbar bin im Alltag. Sie hat es dann aber ausprobiert und schrieb mir, dass es sie verändert hat und sie nun viel mehr Anlässe zum Danke-Sagen entdeckt.

Oft höre ich auch die Aussage: „Ich bin doch ein dankbarer Mensch.“ Gerade im christlichen Umfeld ist das beliebt. Das steht uns als Christen ja auch gut. Aber trotzdem hadert man dann mit vielen Dingen. Manches muss man aber lernen, anzunehmen. Dann kann Ruhe und Zufriedenheit einkehren.

Du veröffentlichst seit sechs Jahren jeden Montag einen „Montagsimpuls“ zum Thema Dankbarkeit auf Youtube und als Podcast. Wie kann man im Alltag so viele Gründe für Dankbarkeit finden?

Es ist für mich ein Wunder, aber manchmal auch ein Ringen jede Woche ein Thema zu finden. Ich nehme das auch mit ins Gebet und sage: „Jesus, was soll ich jetzt erzählen?“ Mir hilft oft die Frage: „Worüber bist du in der vergangenen Woche froh gewesen?“ Ich nehme die Ideen oft aus meinem Alltag. Zum Beispiel bin ich neulich nachts aufgewacht und habe in den mit Sternen übersäten Himmel geschaut. Immer wieder inspirieren mich Erlebnisse mit meiner Tochter und die Zeitung.

Was sind die Schlagzeilen? Worüber regen sich die Menschen auf? Whatsapp-Statusmeldungen sind Impulsgeber und auch die Wissenschaft rund ums Thema Dankbarkeit finde ich total spannend. Ich möchte Menschen dazu ermutigen, dass sie Dinge, die sie bisher für selbstverständlich hielten, neu entdecken.

„Gott ist da“

Gibt es wirklich immer einen Grund zur Dankbarkeit?

Ich habe einen Grund entdeckt, der mich in jeder Lebenslage dankbar sein lässt. Das ist mein Glaube und mein Vertrauen auf Gott. Egal, wie es mir geht, Gott ist da. Das sind drei Worte, die unsere Tochter auch geprägt hat. Sie kann nicht viel und deutlich sprechen, aber diese Worte kann sie kann klar sagen. Gottes Liebe gilt mir immer, ich bin keine Sekunde in meinem Leben allein. Diese Basis der Dankbarkeit kann mir niemand nehmen.

Schwere Lebenslagen oder schlimme Diagnosen bedeuten nicht, dass ich nicht mehr dankbar sein kann. Es kann ein Kampf sein oder ein Durchringen. Aber ich glaube, dass ich in jeder Lebenssituation etwas finden kann, wofür ich „Gott sei Dank“ sagen kann. Das ist für mich keine Floskel, sondern eine Lebensweisheit.

In der Bibel heißt es: „Seid dankbar in allen Dingen“. Wie kann man diesen Vers verstehen?

Als Birte vor 28 Jahren auf die Welt kam, haben liebe Glaubensgeschwister auch gerne mit Bibelversen um sich geworfen. Dieser war auch dabei. Damals dachte ich: Soll ich für die Behinderung meiner Tochter dankbar sein? Das passte nicht in mein Bild von Gott. Heute sage ich: Ja, es ist möglich, in allen Lebenslagen dankbar zu sein, weil ich die Basis des Glaubens habe. „Dankbar in allen Dingen“ heißt ja nicht, „dankbar für alle Dinge“ zu sein. Eine Freundin von mir lebt mir sogar vor, dass sie für alle Dinge dankbar ist. Weil sie das Vertrauen hat, dass Gott aus dem Schlimmsten etwas Gutes machen wird. Das ist eine bedingungslose Dankbarkeit. Die will ich auch immer mehr einüben.

Ich verstehe „Dankbarkeit in allen Dingen“ so, dass ich weiß, dass Gott gut ist und er es gut mit mir meint. Gott wird mir auch durch die schlimmsten Situationen helfen, auch wenn ich nicht erklären kann, warum ich das erlebe.

Sabine Langenbach: „Die Brille der Dankbarkeit“, 18 Euro, erschienen im Neufeld-Verlag (ISBN 9783862562015)

Du gibst in deinem Buch auch praktische Tipps, wie man lernen kann, dankbarer zu werden. Kannst du ein paar vorstellen?

Der Klassiker ist das Dankbarkeitstagebuch: Immer, wenn man für etwas dankbar ist, notiert man das. Ich habe angefangen, eine Danke-Decke zu stricken. Jeden Tag stricke ich eine Reihe und habe mir bestimmte Farben für bestimmte Dankbarkeiten überlegt. Nach dem Urlaub habe ich das Hotelbändchen länger am Handgelenk gelassen, weil es mich an die positiven Erlebnisse im Urlaub erinnert hat. Ich bin ein visueller Mensch.

Was auch hilft: Anderen von den eigenen Dankbarkeiten erzählen. Dadurch merke ich mir die Erlebnisse besser und es animiert andere. Danke-Kärtchen sind auch toll. Ich habe kleine Karten, auf denen „Danke“ steht, die ich anderen gern gebe.

Du hast ein schönes Bild zur Dankbarkeit in deinem Buch entwickelt: von Tomatenpflanzen und Unkraut. Kannst du das kurz erklären?

Ich habe keinen grünen Daumen und hatte mir letztes Jahr sehr mickrige Tomatenpflanzen gekauft. Die waren reduziert und ich wollte nicht so viel investieren, falls es nichts wird. Ich habe sie gepflegt, gedüngt, gegossen, vor Wind und Wetter geschützt – und es kamen tatsächlich ein paar Früchte raus.

Das hat mich daran erinnert: Auch Dankbarkeit möchte gepflegt und kultiviert werden. Die Entscheidung allein reicht nicht. Genauso, wie ich meine Tomatenpflänzchen gehegt und gepflegt habe, muss ich mich auch um meine dankbare Haltung kümmern. Ich muss mich selbst daran erinnern und mich fragen: Wofür kann ich dankbar sein? Das Unkraut steht für meinen Ärger. Wenn ich den speise, werden die Pflänzchen der Dankbarkeit unterdrückt. Die Dinge, in die ich meine Energie stecke, gedeihen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen