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Armeniens Angst vor Russlands Schwäche

Vor zwei Jahren erlebten die Armenier einen Angriffskrieg vom Nachbarn Aserbaidschan. Russland sorgte für einen Waffenstillstand zwischen den zwei früheren Sowjetrepubliken. Wie blickt die älteste christliche Nation auf den russischen Angriff auf die Ukraine?
Von Jonathan Steinert
Berg Ararat, Armenien, Türkei, Sintflut, Noah, Arche

Foto: pro/Jonathan Steinert

Der Ararat ist der Sehnsuchtsberg der Armenier. Allerdings steht er auf türkischem Gebiet – und gegenüber dem Nachbarn sind die meisten Armenier sehr skeptisch.

PRO: Aserbaidschan und Armenien haben vor zwei Jahren einen sechswöchigen Krieg um Bergkarabach geführt. Dabei hat Aserbaidschan Teile davon erobert, Armenien musste seine Niederlage eingestehen. Ist der Krieg noch Thema in dem Land?

Lukas Reineck: Ja, und er bestimmt in Armenien jegliche Zukunftsperspektive. Wo geht man hin? Bleibt man dort? Ist es sicher? Bringt der mögliche Friedensvertrag beziehungsweise die Annäherung mit der Türkei wirklich Sicherheit und Stabilität auf Dauer? Man sieht in der Hauptstadt auch junge Männer, Invaliden, denen Gliedmaßen fehlen. Unsere Partner sagen, es sind bis zu 5.000 armenische Männer zwischen 18 und 20 Jahren gefallen. Manchmal höre ich auch von 4.000 Männer oder 4.500 gefallenen Männern. Es kommt immer etwas darauf an, wen man fragt.

Manche hoffen auch noch, dass der Vater, Bruder oder Sohn wieder zurückkommt – entweder aus aserbaidschanischer Gefangenschaft oder aus einem Versteck in den Bergen zum Beispiel. Die Hoffnung stirbt eben zum Schluss. Trotzdem ist das bei so einem kleinen Volk eine hohe Zahl, es fehlt fast eine ganze Generation. (In Armenien leben rund 3 Millionen Menschen. Das armenische Investigativ-Kommitee geht von 3.822 Toten während des Krieges aus, Stand März 2022; Anm. d. Red.)

Lukas Rieneck, Hilfsbund im Orient

Lukas Reineck arbeitet als Projektkoordinator für den Christlichen Hilfsbund im Orient. Der wurde vor 127 Jahren gegründet, um im Osmanischen Reich verfolgte Armenier zu unterstützen. Der Hilfsbund hat heute Projekte in Armenien, Syrien, Libanon und Irak. Lukas Reineck war in diesem Sommer in Armenien.

Was bedeutet das für die Projekte Ihres Hilfswerks?

Ein Projekt, dass wir unterstützen ist ein Frauenhaus in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens. Dort ist zum Beispiel während des Krieges eine Familie untergekommen, die aus Karabach geflohen ist und auch nicht dorthin zurückkehren wird. Armenien betreibt aber weiterhin eine Siedlungspolitik: Von den rund 100.000 Flüchtlingen sollten 50.000 wieder zurückkehren. Viele sind traumatisiert und wollen nicht zurück in ihre alten Dörfer. Zumal es auch weiterhin Scharmützel an der Grenze gibt.

Unsere Partner aus Eriwan berichteten uns, dass im ersten Quartal dieses Jahres etwa Aserbaidschan eine Gasleitung gesprengt hat, die wichtig ist für die Energieversorgung in Armenien. Für 110.000 Armenier ist das die einzige Möglichkeit an kalten Tagen zu heizen. Das Gebiet um die Gaspipeline herum ist vermint. Jegliche Bemühungen das Leck in der Pipeline zu reparieren, lehnt Aserbaidschan ab. Und dann gab es auch Formen von Bedrängung, dass von aserbaidschanischer Seite in Dörfern über Lautsprecher auf Armenisch propagiert wurde, die Menschen sollten das Land verlassen. Und wenn nicht, würden sie mit Gewalt vertrieben werden.

Also in den Gebieten, die Armenien gehalten hat und wohin die Flüchtlinge zurückkehren sollen?

Ja, genau. Und wie unsere Partner berichten, haben viele Armenier auch Sorgen wegen den aktuellen Annäherungen mit der Türkei und Aserbaidschan. Denn es geht um eine Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehung „ohne Vorbedingungen“. Das heißt, Armenien kann in dem Zusammenhang nicht auf die türkische Anerkennung des Genozids an den Armeniern pochen.

Im Grund steht das komplette, noch von Armeniern bewohnte Gebiet um Bergkarabach zur Diskussion. Aserbaidschan beansprucht territorial ganz Bergkarabach für sich. Aufgrund der Niederlage im Bergkarabach-Krieg ist Armenien ohnehin nicht in der Position, Forderungen zu stellen. Ein Friedensvertrag könnte auch bedeuten, dass türkische und vielleicht sogar aserbaidschanische Touristen irgendwann nach Eriwan kommen und da Urlaub machen, so die Sorge unserer Partner.

Noch ist die Grenze mit der Türkei geschlossen. Momentan hat Armenien nur offene Grenzen zu Georgien und dem Iran. Wirtschaftliche Beziehungen und offene Grenzen mit der Türkei sind vielleicht auch eine Chance für Armenien. Aber ich habe trotzdem vor allem Skepsis gegenüber der Türkei beobachtet.

Nach dem Krieg gab es Proteste und Rücktrittsforderungen gegen Ministerpräsident Nikol Paschinjan, in einer vorgezogenen Wahl erhielt er aber erneut die Mehrheit. Hat sich das Land also wieder stabilisiert?

So einen Rückhalt hat Paschinjan nicht mehr wie zu Anfang, als 2018 die „Samtene Revolution“, wie diese in Armenien genannt wurde, im Gang war und er als demokratischer Hoffnungsträger galt. In der Hauptstadt Eriwan gibt es derzeit viele prorussische Demonstrationen. Bei denen gehen auch Bergkarabach-Veteranen aus dem Krieg in den 90er Jahren auf die Straße und demonstrieren gegen die Paschinjan-Regierung und fordern nach wie vor seinen Rücktritt.

„Um Russland kommt Armenien nicht herum. Das ist gerade jetzt während des Ukrainekriegs eine Herausforderung.“

Was heißt prorussisch?

Prorussisch heißt, dass man den Kurs, den Paschinjan eigentlich angestrebt hat – eine Orientierung Richtung Westen und Europa – kritisiert und sich noch einmal stärker Richtung Russland orientieren möchte. Manche Armenier reden sogar davon, sich früher oder später vielleicht auch wieder der Russischen Föderation anzuschließen. Armenien ist also in der Schwebe.

Vor dem Krieg und auch währenddessen war eher der Tenor, dass Armenien sich nach Europa orientiert und sich von Europa im Stich gelassen fühlt. Betrifft das dann nur einen Teil der Bevölkerung?

Der jüngste Bergkarabach-Krieg hat in der Wahrnehmung vieler Armenier in Deutschland zu wenig Beachtung gefunden. Da ist man ein Stück weit enttäuscht. Andererseits hat Russland auch recht spät vermittelnd im Krieg eingegriffen. Man ist also auch von Russland entschäucht. Die junge Bevölkerung hat schon das Interesse, dass sich Armenien Richtung Europa entwickelt, mit liberalen Ideen, freiheitlichem Denken – all dem, was man im gegenwärtigen Russland nicht sieht.

Ich würde auch nicht meinen, dass es Sowjet-Romantiker sind, die jetzt eine Orientierung nach Russland fordern. Das ist eher realpolitisch: Russland ist einfach näher dran. Es ist auch der größte Markt für Armenien. Viele Armenier arbeiten in Russland und schicken ihrer Familie Geld nach Hause. Um Russland kommt Armenien nicht herum. Das ist gerade jetzt während des Ukrainekriegs eine Herausforderung. Denn viele sagen: Wenn Russland jetzt schwach auftritt im Krieg gegen die Ukraine, ist das eventuell auch eine Ermutigung für Aserbaidschan, weiter in Bergkarabach militärisch zu provozieren.

Die Sorge ist auch, dass die russischen Soldaten, die als Friedenstruppen im Gebiet angesiedelt sind, in die Ukraine abgezogen werden könnten. Das würde die Lage in Bergkarabach auch destabilisieren. Und Russland hat mit Armenien ein Bündnis, die Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit. Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Belarus sind dort ebenfalls Mitglieder. Falls Russland armenische Truppen brauchen würde, könnten daher auch armenische Soldaten in die Ukraine verlegt werden. Das ist aber relativ unwahrscheinlich

Konflikt um Bergkarabach

Bergkarabach oder „Arzach“ ist eine autonome, international nicht anerkannte Republik innerhalb Aserbaidschans, in der rund 150.000 Menschen lebten, fast ausschließlich Armenier. In einem Krieg Anfang der 1990er Jahre mit mehren zehntausend Toten verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet, Armenien kontrollierte seitdem auch Territorium des Nachbarlandes zwischen sich und Bergkarabach. Immer wieder gab es seitdem Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Ende September 2020 erfolgte eine aserbaidschanische Offensive gegen den Nachbarn. Aserbaidschan eroberte mit türkischer Unterstützung Teile Bergkarabachs und der besetzten Gebiete zurück. Russ­land vermittelte einen Waffenstillstand, der seit 10. November 2020 gilt. Armenien musste zudem weitere gehaltene Gebiete zurückgeben. Russische Friedenstruppen überwachen die Einhaltung des Waffenstillstands.

Die Armenier haben also keine Angst, dass ihr Land das nächste Ziel Russlands werden könnte?

Nein. Angegriffen würde Armenien von Russland sowieso nicht, Russland ist ja die Schutzmacht Armeniens. Es herrscht eher die Sorge, dass Russland im Ukrainekrieg schwach erscheint und dass das die Türkei und Aserbaidschan ermutigt, wieder geopolitisch Land einzunehmen in Bergkarabach. Erdogan hat im Februar Selenskyj in der Ukraine besucht und der Ukraine Drohnen verkauft. Das sind die gleichen Drohnen, die im Karabach-Krieg armenische Soldaten getötet haben.

Für Armenier ist das ein Punkt, zu sagen: Die Ukraine macht Geschäfte mit der Türkei. Da können wir uns nicht vorbehaltlos auf die Seite Ukrainer stellen. Obwohl die Armenier, mit denen ich gesprochen habe, sagen würden, dass Russland die Ukraine angegriffen hat und somit auch der Agressor ist. Ich habe keine Armenier getroffen, die den Krieg dort gutheißen. Da man auf Russland angewiesen ist, ist man natürlich zurückhaltend mit Kritik an Putin und seinem Krieg in der Ukraine.

Ist der Ukraine-Krieg in den armenischen Medien ein Thema?

Nein, der kommt, soweit ich es mitbekommen habe, kaum vor. Ob sie so weit gehen würden, den Krieg nicht als solchen zu bezeichnen, das weiß ich nicht. Ich glaube, er spielt einfach nicht so eine große Rolle.

Seit dem Ukraine-Krieg sind vermehrt Russen nach Armenien gekommen. Warum?

Es sollen um die 100.000 Russen seit dem Kriegsbeginn nach Armenien gekommen sein. Sie wollen vor allem die Sanktionen umgehen. Es sind wohl häufig Unternehmer, die dann quasi „remote“ arbeiten, sich eine Wohnung in Eriwan mieten und dann irgendeine IT-Beschäftigung im Ausland haben. Sie sind größtenteils skeptisch gegenüber Putin. Vor allem junge Leute zwischen Mitte 20 und Mitte 30, die eher westlich gesinnt sind, so mein Eindruck.

Und sie bringen Geld mit. Ein armenischer Freund, der in Eriwan lebt, hat mir erzählt, dass eine armenische Familie in seinem Nachbarhaus die Wohnung verlassen musste, damit Russen einziehen konnten. Die Preise in Eriwan steigen und dadurch gibt es so etwas wie Verdrängung. Oder wie man neudeutsch sagen würde „Gentrifizierung“. Die Russen, die nach Eriwan kommen, können erhöhten Mietpreise auch bezahlen.

Viele Gemeinden in Deutschland beten für ein Ende des Krieges in der Ukraine. Haben Sie das auch in Armenien erlebt?

Das spielt hier nicht so eine Rolle. Eine evangelische Christin sagte mir: „Wir sind hin und her gerissen. Wir brauchen Russland, wir können nicht ohne Russland und wir können uns nicht auf die ukrainische Seite stellen. Es geht nicht. Aus dem eigenen Überlebenswillen heraus.“ Was ich in der wohl größten Freikirche des Landes erlebt habe, ist das Gebet für das armenische Volk.

Wofür beten die Christen da?

Die Christen hoffen und beten für eine Art von Erweckung, dass Armenien umkehrt und sich wieder Gott zuwendet. Man sagt zwar immer, Armenien ist das erste christliche Volk in der Geschichte, das 301 das Christentum als Staatsreligion übernommen hat. Aber wirklich ein Rufen nach Gott, eine lebendige Beziehung zu Jesus, gibt es oft nicht, berichten unsere Partner vor Ort. Stattdessen gibt es Korruption: Geld ist ein großes Thema und Stolz auch – das sagen Armenier selbst über sich. In dieser Gemeinde beten sie deshalb darum, dass das Volk wieder nach Gott fragt, um eine Zukunft zu haben.

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2 Antworten

  1. An sich ein guter Artikel, nur leider wird die Beziehung zu Russland leider etwas falsch bzw veraltet dargestellt. Dass Russland Schutzmacht Armeniens sei, ist ein veraltetes Narrativ, das vor allem kremeltreue Medien im Land verbreiten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Russland Beziehungen zur Türkei und Aserbaidschan sind inzwischen viel intensiver und für den Kremel wichtiger als die zu Armenien. Der Kremel ist gerade mehr oder weniger dabei den Rest Bergkarabach und den Süden Armeniens an die Türken zu verkaufen. Die Aggressionen Aserbaidschans 2020 und jetzt sind mit großer Wahrscheinlichkeit mit Russland abgesprochen und gewollt, um Armenien maximal zu schwächen und als unabhängigen Staat gänzlich auszulöschen. Inzischen haben sogar die russicchen Truppen im Land die Grenze zum Iran unter falschem Vorwand inter ihre Kontrolle gebracht, um diese später an Aserbaidschan als Korridor zu Nackichevan zu verkaufen. Glücklicherweise findet in den Köpfen der Armenier allmählich ein Umdenken statt. Die Leute begreifen endlich, dass Russen und Türken unter einer Decke stecken und die russischen Truppen im Land in Wirklichkeit Besatzer/Unterdrücker sind. Das erklärt auch warum die Regierung Paschinyans alle Verhandlungen mit Aserbaidschan unter EU-Vermittlung abhält als unter rusisscher.

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    1. Eine sehr gute Einschätzung der Lage. Jedoch darf der Iran nicht vergessen werden, der keinesfalls eine erstarkende Türkei und Aserbaidschan in seiner Nachbarschaft sehen möchte. Ein Korridor zwischen Nahcivan und dem Süden Aserbaidschans würde die Verbindung Teheren-Yerevan unterbinden. Das liegt nicht im beiderseitigen Interesse Armeniens und des Irans.

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