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„Ach, Sie sind Evangelist – Bariton oder Tenor?“

PRO-Kolumnist Jürgen Mette hat in seinem Leben viele Predigten gehalten und Menschen zum Glauben eingeladen. Mit dem Begriff „Evangelist“ tut er sich trotzdem schwer. Und Zahlen, weiß er heute, spielen keine Rolle.
Von Jürgen Mette

Foto: Sven Lorenz

Um mit Menschen über den Glauben an Jesus sprechen, braucht es keine Titel oder Erfolgsnachweise, findet Jürgen Mette

Bin ich ein Evangelist? Ich muss bekennen, dass ich nie richtig davon überzeugt war. Es waren andere, die meinten, ich hätte die Gabe der Evangelisation, und die so Einfluss auf meine Lebensführung nahmen. Ich selbst habe mich nie als Evangelist bezeichnet, weil diese Berufsbezeichnung nur Fragen aufwirft.

So wurde ich einmal in einem Frauenkreis nach meiner Profession gefragt. „Ich bin Evangelist!“ – „Das ist ja interessant“, meinte einer der Damen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum, „Matthäus oder Johannes?“ Ich fragte leicht irritiert zurück. Sie dachte, ich wäre ein Gesangssolist in einer der Passionen oder im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, der die Rezitative singt.

Das Rezitativ („recitare“ = „vortragen“) ist ein dem Sprechen angenäherter Gesang in Kantaten, in Messen oder Oratorien, der die biblische Geschichte singend erzählt, meistens sparsam mit Orgel oder Cembalo begleitet. Da wurde mir erst einmal bewusst, dass mich diese Berufsbezeichnung zum Exoten macht, zum Fremdkörper, der ziemlich fromm daherkommt und damit eine Distanz zwischen heilig und scheinheilig schafft. Weitere Fragen zu meiner beruflichen Tätigkeit konnte ich auch durch den Hinweis auf meinen in den USA erworbenen Titel „Master/Magister der Theologie“ oder „Pastor“ nicht überzeugend beantworten. Jahre später wurde ich zum Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführer einer Medienstiftung berufen, das war dann leichter zu vermitteln. 

Der Berufsstand Pfarrer, Seelsorger, Theologe, Prediger, Pastor und Evangelist haben viel Glanz verloren, auch wenn sie freundlich auftreten und das Evangelium als „gute Nachricht“ proklamieren, statt sich im apologetischen Zorn gegen die Gesundheitspolitik unseres Landes wenden, Feindbilder gegen die sogenannten Neo-Evangelikalen pflegen und sich im Übrigen gern mit der Sortierung und Bewertung sexueller Lebensentwürfe beschäftigen.

Die Menge macht’s – nicht

Ich war vor Jahren als Bordpastor eines Kreuzfahrtschiffes angeheuert worden, einer von drei sogenannten „Evangelisten“. Am ersten Abend sollten wir drei Hähne im Korb uns den Passagieren vorstellen. Der erste ging ans Pult und ließ uns ehrfürchtig und staunend wissen, dass er Pastor einer Gemeinde mit 500 Gottesdienstbesuchern sei. Der nächste setzte auch auf den quantitativen Staunfaktor, indem er zwar demütig aber doch akribisch die 5.000 Predigten addierte, die er in seinem Leben gehalten hat. Ein bewegtes Raunen ging durch die Reihen des Auditoriums.

Als ich aufstand und zum Pult gehen wollte, zischte meine herzallerliebste Gemahlin hinter mir her: „Mette! Bitte keine Zahlen!“ Doch ich konnte mich dem albernen Balzgehabe meiner Kollegen nicht entziehen und sagte in der mir eigenen Demut: „Ich bin JM und arbeite bei der Stiftung Marburger Medien. Wir produzieren im Jahr rund fünf Millionen Give-aways und finanzieren uns aus drei Millionen Euro Spenden.“ Das Bordpublikum verfiel wiederum in andächtiges Staunen. Ich schlich zurück zu meinem Platz, wo mich meine augenverdrehende Gattin kopfschüttelnd empfing. Seitdem ist mir klar, warum die Evangelisten so gern die Besucher ihrer Veranstaltung addieren. „Wer ist der Größte unter uns?“ 

Spät wurde uns bewusst, dass Männer ohne Nennung von Zahlen keine Qualität beschreiben können. Selbst wenn eine „Bekehrung“ eine Qualität an sich ist, erliegen wir Männer immer der Gefahr, den Erfolg unserer Arbeit zu quantifizieren.

Heute brauche ich keine Titel und keinen zahlenmäßigen Nachweis, um meine Kontakte zu Noch-nicht-Christen zu beschreiben. Gott öffnet uns Wege zu Menschen, die bei uns zu Hause gern ein- und ausgehen. Wir kommen ganz ohne jegliche Gesprächsstrategie und Erfolgsnachweis zu den elementaren Fragen des Lebens. Eine befreiende Erfahrung.

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7 Antworten

  1. Menschen gefallen zu wollen entspricht unserer menschlichen Natur, dennoch ist es viel bedeutender Gott zu gefallen, wobei die Anzahl der Menschen die man erreicht, um Jesus zu bezeugen zweitrangig ist. Entscheidend ist, sich immer von Jesus und von seinem Geist leiten zu lassen. Ein sehr wichtiger und wertvoller Artikel!

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  2. Danke, lieber Jürgen Mette! Wir Männer scheinen da besonders anfällig zu sein. Die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade allein – wir müssen sie wohl immer wieder neu lernen!

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  3. Nach dem nationalen Sozialismus, in der Zeit des realen Sozialismus war uns klar: Wir sind die “Evangelisten”, jeder an seiner Stelle, mutig, glaubwürdig und voller Gottvertrauen. Luthers Satz vom “Priestertum aller Gläubigen” machte uns dazu Mut. Nach der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung wurden die Laienevangelisten kleinlauter. Wir gehörten ja nun nicht mehr zur Minderheit, zu den “ewig Gestrigen”, den “Konterrevolutionären”. Doch wenn in der kleinen lutherischen sächsischen Landeskirche jetzt schon 70 Pfarrstellen unbesetzt sind (selbst in der Landeshauptstadt 2, und die geburtenstarken Jahrgänge sind noch nicht einmal alle im Ruhestand!) und nur 7 Vikare rücken nach, dann haben uns die DDR-Verhältnisse eingeholt und wir alle müssen Evangelisten sein. Doch das hat schon Jesus befohlen (der einzige Befehl Jesu an Seine Nachfolger): “Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker …” (Matthäus 28 – Der Missionsbefehl). Statt “Evangelisten”, könnten wir uns ja auch “Missionare” nennen – nur dass uns inzwischen die Missionare anderer Länder unter die Arme greifen müssen (Studenten, Migranten …), weil sich die meisten Getauften auf die “Hauptamtlichen Missionare” unseres Landes verlassen haben oder sich nicht trauen zu evangelisieren/missionieren in ihrem Alltag.

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    1. Mt 28,19-20 sehe ich erst mal als Jüngerschaftsauftrag, der schon auch Mission / Evangelisation zum Ziel hat, aber noch wesentlich mehr umfasst, nämlich eine gründliche Ausbildung und einen “Lebensstil”. Schade, dass diese zentrale Aufgabe der Jüngerschaft von den meisten Gemeinden so stiefmütterlich behandelt wird (wenn überhaupt). Als “Neuchrist” fühle ich mich da schon ein wenig alleingelassen.

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  4. Wenn manche Christen sagen, du hast die Gabe der Evangelisation, merke ich wie sie indirekt sagen, ich habe diese Gabe nicht, und deswegen ist es auch nicht meine Aufgabe, das Evangelium weiterzusagen.
    Jesus spricht aber von Zeugendienst!
    Weil Manche das so sehen, sage ich lieber, ich habe ein Anliegen den Menschen das Evangelium zu bringen. Das schafft keine Distanz und es geht um keine Gabe oder Rolle, sondern um das Weitergeben zu dem wir alle aufgerufen sind.

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    1. Amen, so ist es.
      Weitersagen Ja! Noch besser: Das Evangelium bezeugen. Wir stehen im Zeugenstand eines Gerichts. Wenn wir uns feige weg ducken,, dann werden die Falschen verurteilt. Und ein Zeugnisverweigerungsrecht räumt uns die Bibel nicht ein. Die These “Jeder Christ ein Evangelist” taugt nur fürs schlechte Gewisen. Man soll uns am “Wandel” erkennen, dann suchen Menschen unsere Nähe und stellen ihr Fragen.

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      1. Sehr gut gesagt, das mit dem Schlechtes-Gewissen-Machen. Nicht jeder Mensch ist redegewandt und extrovertiert und dafür geeignet, aktiv Leute anzusprechen oder sich auf die Straße zu stellen und zu evangelisieren (neudeutsch “Outreach” genannt). Aber jeder hat seine Begabungen, die Gott nutzen kann und möchte, und wo es dann auch leichtfällt und Spaß macht, sie zu gebrauchen. Und ja – auch der Lebenswandel ist bereits ein “Zeugnis”.

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