Frau Riziki, was hat Sie dazu bewogen, ein Hilfsprojekt im Kongo zu starten?
Tabea Riziki: Ich bin Chirurgin und war beruflich sehr viel in der Welt unterwegs. Als Christin wollte ich mit meinem Beruf nicht „nur“ Geld verdienen, sondern auch dort helfen, wo ich gebraucht werde. 2017 hatte ich meinen ersten Einsatz in einem Krankenhaus im Osten des Landes. Hier behandelt ein Arzt durchschnittlich etwa 10.000 Patienten.
Da haben Sie sich nicht nur in das Land verliebt …
Ich habe viel über das Land mit seinen Sitten und Kulturen gelernt. Bereits ein halbes Jahr später war ich wieder im Kongo. Ich habe am OP-Tisch meinen Mann kennengelernt, der auch Arzt ist. Als wir über die dramatischen, medizinischen Zustände gesprochen haben, war uns klar, dass wir individuell helfen und in das Land investieren wollten.
Daraus ist das „Jeremie Project Congo“ entstanden …
Ja, bei dem Namen handelt es sich um unseren ersten gemeinsamen Patienten. Er litt lange unter massiven Bauchschmerzen. Obwohl er wieder gesund wurde, blieb er im Krankenhaus. Das hat mich stutzig gemacht. Aber das hat einen Grund: Im Kongo gibt es weder ein funktionierendes Sozialsystem noch Krankenversicherungen. Jeremie blieb quasi als Pfand im Krankenhaus, weil niemand seine Rechnung bezahlen konnte. Hier wollten wir helfen.
Was bedeutet das?
Wenn Kinder im Krankenhaus sind, verpassen sie natürlich den Unterricht in der Schule. Die Eltern sparen lieber das Schulgeld und lassen ihr Kind dann zu Hause. Das sorgt für eine Negativspirale. Die Kinder landen auf der Straße, aber sie brauchen Bildung als Schlüssel zum Erfolg. Wir wollen ermöglichen, dass sie wieder in die Schule gehen, und sie dafür finanziell unterstützen. Den Eltern müssen wir erklären, warum das so wichtig ist. Und das zieht mittlerweile positive Kreise. Unsere Projekte hier vor Ort wachsen enorm.
Wie sind Sie organisiert?
Als wir 2018 in Deutschland gestartet sind, wurde das Projekt von einer Gemeinde in der Nähe von Mannheim unterstützt. Sie hat uns bei der Spendenverwaltung geholfen. Als ihnen die Arbeit zu groß wurde, hat die Kontaktmission das ab 2020 übernommen. Im Blick auf Fördergelder war das ein sinnvoller Schritt. 80 bis 85 Prozent unserer Spender kommen aus Europa. Im Kongo selbst haben wir einen Verein gegründet. Auch hier mussten wir viele Hürden überwinden. Unser Team besteht deswegen zu 100 Prozent aus kongolesischen Mitarbeitern, die die Sprache sprechen und die kulturellen Eigenheiten kennen.
Um welche Projekte geht es gerade konkret?
Wir leben in einem Dorf 30 Kilometer außerhalb der Provinzhauptstadt Bukavu. Dort haben wir drei große Grundstücke. Auf einem der Grundstücke stehen eine Grundschule und ein Kindergarten, in denen insgesamt 260 Kinder lernen dürfen. Nebenan haben wir noch einen großen Spielplatz und Basketballplatz geschaffen, um den Kindern „Safe Spaces“ zu ermöglichen. Dort können wir 200 Kinder versorgen, die je nach Budget noch eine warme Mahlzeit erhalten. Darüber hinaus gibt es ein Ausbildungszentrum, in dem jährlich 20 bis 25 Menschen ein Handwerk erlernen.
Zudem haben wir einen Wirtschaftsbetrieb aufgebaut, der Kleider und Accessoires herstellt, sowie eine Druckerei. Dort beziehen vier Menschen ein regelmäßiges Gehalt. Das ist wertvoll in einem Land, in dem 85 Prozent der Menschen keinen festen Arbeitsplatz haben. Mit jedem Bauprojekt schaffen wir auch Arbeitsplätze. Derzeit bauen wir eine doppelstöckige weiterführende Berufsschule. Diese wird im kommenden Jahr fertiggestellt. Der Krieg hat dies um fast ein Jahr verzögert.
Welche Veränderungen spüren Sie?
Die Menschen verändern sich. Sie merken einfach, dass die Liebe zueinander auch die Diskussion untereinander verbessert. Menschen sind seltener gewalttätig und die Kinder hilfsbereiter. Das melden uns die Dorfvorsteher zurück. Eltern freuen sich darüber, dass ihre Kinder Französisch lernen.
Im Kongo herrscht trotzdem Krieg und es grassiert das Ebola-Virus. Was macht das mit dem Land?
Das Thema ist komplex. Der Kongo ist das zweitgrößte Land Afrikas. Er verfügt vor allem über Bodenschätze und das meiste Frischwasser des Kontinents. Der Kongo ist die „zweite Lunge“ der Erde. Außerdem gibt es dort 70 bis 80 Prozent der Koltan-Vorräte, die wir für Batterien, Handys, Laptops und Autos brauchen. Schon Belgien hat diesen Reichtum früher ausgebeutet (seit 1960 ist der Kongo unabhängig; Anm. d. Red.). Heute versuchen die Mächte der Region das Land zu destabilisieren. Dafür werden sie von anderen Großmächten der Welt subventioniert. Das ist natürlich einfacher, wenn das Land nicht stabil und arm ist.
Selbst kleine Kinder arbeiten in den Koltan-Bergwerken, weil ihren Familien eine Perspektive fehlt. Dabei sind sie toxischen Stoffen ausgesetzt. Und schon sind sie wieder im Teufelskreis der Armut gefangen. Ein weiteres großes Problem ist, dass bewaffnete Gruppen Menschen aus ihren Dörfern vertreiben, Frauen vergewaltigen und die Familien systematisch zerstören und traumatisieren. Sie können ihre Kinder nicht mehr richtig versorgen und viele sind stark unterernährt. Auch die Politik ist nicht stabil genug, um der Lage Herr zu werden. Die über 250 bewaffnete Rebellengruppen treiben vor allem da ihr Unwesen, wo die Bodenschätze sind. Die bekannteste von ihnen ist die Rebellengruppe M23. Sie wird aus dem Ausland subventioniert und hat im letzten Jahr zwei Provinzhauptstädte eingenommen.
Durch den Ausbruch des Ebola-Virus Anfang April mit den hohen Flüchtlingsströmen ist die Lage nicht besser geworden. Dadurch werden die Infektionskrankheiten schneller weitergetragen. Das Gesundheitssystem ist fragil und die Hilfsgüter kommen viel zu spät an. Auch diesen Zustand nutzen die Rebellen schamlos aus.
Das Ebola-Virus
Gerade breitet sich im Osten Kongos eine Variante des Ebola-Virus aus, die zu 30 bis 50 Prozent tödlich ist. Ende Mai gab es mehr als 200 registrierte Todesopfer. Die WHO vermeldet mittlerweile positiv getestete Patienten, die auskuriert sind. Ebola ist eine wiederkehrende Infektionskrankheit. Es gibt aktuell keine spezielle Therapie oder Impfstoff gegen das Virus, aber laut Riziki wird die Forschung intensiviert. Sie bemängelt, dass die globale Welt den Krankheiten in Afrika zu wenig Beachtung schenkt. Momentan gebe es einen Ansatz dafür, wie ein Impfstoff aussehen könnte. Aber eine richtige Medikation zur Heilung gibt es noch nicht. In Afrika gibt es mehrere Infektionskrankheiten, die alle mit den gleichen Symptomen beginnen. Bis klar ist, dass es sich um Ebola handelt, dauert es oft sehr lange. Innerhalb dieser Zeit ist jeder potenzielle Verdachtsfall hoch ansteckend.
Sind Sie selbst von Kriegshandlungen betroffen?
Der Krieg ist hier anders, als man ihn aus anderen Ländern kennt. Hier gibt es keine täglichen Zerstörungen durch Bombenangriffe. Anfangs gab es viele Todesopfer, weil der Armee die Mittel fehlten, um sich zu verteidigen. Viel schlimmer als die Kampfhandlungen ist aber das Geschäft mit der Angst. Die Menschen sind leiser geworden. Jeder misstraut jedem, auch wenn es sich gerade wieder positiver entwickelt. Aktive Kriegshandlungen habe ich die letzten Wochen nicht erlebt. Dafür bin ich Gott sehr dankbar.
Wo ist aus Ihrer Sicht der Ansatzpunkt für Frieden und Versöhnung?
Wir schauen in unseren Projekten auf den Einzelnen. Das kommunizieren wir auch unseren Unterstützern. Wir können nicht jedem helfen. Vielleicht brauchen Kinder medizinische Versorgung oder wir helfen einer Frau, ein Start-up zu gründen. So können wir Dinge im Kleinen verändern. Der Aufwand lohnt sich. Wenn ein Kind nichts zu essen hat, dann fehlt ihm die kognitive Kraft, um zu lernen. Da können wir etwas bewirken und positiv verändern.
Wie ist es prinzipiell um die religiöse Landschaft bestellt?
Das Land hat sehr viele ethnische Probleme. Die Kolonialmacht hat verstanden, eine Ethnie gegen die andere aufzubringen. Religiöse Konflikte gibt es woanders größere als im Kongo. Auf dem Papier ist das Land christlich geprägt, aber es fühlt sich anders an. Ins Herz der Menschen kann nur Gott schauen. Aber man merkt ja, wie die Menschen leben. Viele Menschen folgen Naturreligionen. Wenn sie keinen Zugang zum Krankenhaus bekommen, dann ist der Weg zum Schamanen nicht weit. Viele sagen, dass sie an Jesus glauben, suchen aber aus reiner Verzweiflung woanders ihre Hilfe.
Das größere Problem für das Land ist der fanatische Islamismus. Der Islam kommt in den Norden des Landes hinein. „Open Doors“ berichtete auch schon von einigen gewalttätigen Auseinandersetzungen gegen Christen in deren Kirchen. Die Gefahr scheint zu wachsen.
Was wünschen Sie sich von der internationalen Staatengemeinschaft?
Ich wünsch mir, dass die Welt den Kongo nicht als reiches Land sieht, das sie ausnutzen können. Sie sollten die Menschen auf Augenhöhe betrachten und nicht bemitleiden oder erniedrigen. Ihnen sollte klar sein, dass hier Menschen leben, die genauso gut und geschaffen und geliebt sind wie ich, und denen man mit Respekt begegnet.
Welchen Wunsch würden Sie gerne in naher Zukunft umsetzen?
Wir bauen gerade eine Arztpraxis für ambulante Therapie. Mein Wunsch ist ein ganzes Gesundheitsfürsorgezentrum mit viel medizinischem Personal. Dieses kann unsere ganze Region ambulant versorgen oder auch Operationen durchführen, die bisher nicht möglich waren. Dass dies zeitnah geschieht, wäre mein größter Wunsch. Das Gelände dafür haben wir schon. Wir brauchen nur noch die Infrastruktur.
Vielen Dank für das Gespräch.