30 Jahre Hoffnung in Kartons

Getragene Socken in einem Schuhkarton. Für Sylke Busenbender war das der verstörendste Moment bei „Weihnachten im Schuhkarton“. Aber lieber erzählt sie von einem Paar Sandalen, das in den 30 Jahren des Bestehens der Aktion ein ganzes Dorf veränderte.
Von Norbert Schäfer
Sylke Busenbender

Ein Päckchen, das nichts enthielt als gebrauchte Herrensocken – getragen, eindeutig zu groß für ein Kind, und geruchlich unmissverständlich. Das war der größte Schock, den Sylke Busenbender bei „Weihnachten im Schuhkarton“ erlebt hat. Die Vorständin von „Samaritan’s Purse Deutschland“ erzählt die Geschichte ohne Umschweife. Denn sie steht für das, was diese Aktion nicht sein soll.

In diesem Jahr feiert „Weihnachten im Schuhkarton“ – seit dem Rebranding 2019 unter dem Dach von „Samaritan’s Purse“ – seinen 30. Geburtstag. Millionen Pakete wurden seither in Krisenregionen, Osteuropa, Afrika und Südamerika verteilt. Doch mit dem Erfolg der Aktion nahm auch die Kritik zu: Bekämpft ein Schuhkarton wirklich Armut? Oder ist das alles nur Gewissensberuhigung für die wohlhabende Welt?

Mehr als ein Päckchen

Busenbender hält dieser Kritik klar entgegen: „Strukturelle Armutsbekämpfung mit dem Weihnachtsgeschenk im Schuhkarton – eher nicht.“ Das räumt sie freimütig ein. Aber darum gehe es auch nicht. Vor allem in Osteuropa – wohin ein großer Teil der deutschsprachigen Pakete geht – sei das eigentliche Problem nicht materielle Armut, sondern familiäre Zerrissenheit. Väter und Mütter, die ins Ausland arbeiten gehen, Kinder, die bei Großeltern oder älteren Geschwistern aufwachsen.“ Da geht es vor allen Dingen um familiäre Beziehungen“, sagt Busenbender im Gespräch mit PRO. Das Päckchen öffne eine Tür – zu Menschen, die echtes Interesse an einem Kind zeigen.

Und manchmal öffnet es auch buchstäblich Türen. Busenbender berichtet von einem „Chief“ in einem abgelegenen afrikanischen Dorf, der Evangelisation auf seinem Gebiet strikt verboten hatte. Sein neunjähriger Enkel öffnete einen Schuhkarton – und fand Sandalen der Schuhgröße 50. Die passten dem Großvater wie angegossen. „Das hat den Chief davon überzeugt, dass das mit dem Evangelium doch nicht so schlimm ist“, sagt Busenbender. Kurz darauf wurden Glaubensgrundkurse im Dorf möglich. Ein Zufall? Oder, wie Busenbender es implizit sieht: Vorsehung.

Zwischen Hilfe und Evangelium

Wo ist für „Samaritan’s Purse“ die Grenze zwischen Nothilfe und Mission? Busenbender zieht keine. „Das ist fließend.“ Für sie gehört beides zusammen – wobei sie Franziskus von Assisi anführt: Tat und Wort zusammen können einen ungeheuren Effekt entfalten. Nur die Tat, ohne zu sagen, warum – das reiche nicht. Nur das Wort, ohne die Not zu sehen – auch nicht. „Ein Geschenk ist etwas, wo man die Frage bekommt: Wieso tust du das?“ Und die Antwort, sagt Busenbender, verweise am Ende auf den, der jeden Menschen gesehen hat: Gott.

Die Arbeit spricht für sich: „Samaritan’s Purse“ betreibt gerade im Kongo ein Feldkrankenhaus für Ebola-Patienten. Die Organisation hilft auch dort, wo andere wegschauen – auch in Ländern, in denen Evangelisation gesetzlich verboten ist oder kulturell nahezu unmöglich. Und auch ohne Schuhkarton.

Franklin Graham und die heikle Frage

„Samaritan’s Purse Deutschland“, früher unter dem Namen „Geschenke der Hoffnung“ bekannt, ist der deutschsprachige Zweig der gleichnamigen internationalen US-Hilfsorganisation, die „Weihnachten im Schuhkarton“ verantwortet. Wer „Samaritan’s Purse“ kennt, kennt auch Franklin Graham – Sohn des Evangelisten Billy Graham, Präsident der US-Mutterorganisation und bekennender Trump-Unterstützer.

Grahams Nähe zu Trump geht vielen Christen – auch hierzulande – zu weit. Die Frage, ob Grahams politische Positionierung der deutschen Arbeit schade, beantwortet Busenbender diplomatisch für ihre Hilfsorganisation, die politisch unabhängig bleiben will: „Es beeinträchtigt uns nicht wesentlich.“ Graham habe selbst gesagt, er habe Trump nicht wegen seines Charakters gewählt, sondern weil dieser halte, was er Christen versprochen habe. Statt ein Urteil zu fällen, verweist Busenbender bei der Frage auf die Bibel: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Die Früchte von „Samaritan’s Purse“, sagt sie, seien zu sehen.

Streit mit der katholischen Kirche

Weniger diplomatisch wird Busenbender bei einem anderen Konflikt: Seit Jahren ziehen die Bistümer Trier und Stuttgart-Rottenburg regelmäßig eine Stellungnahme aus dem Jahr 2008 wieder ans Licht, in der „Samaritan’s Purse“ „manipulative Mission“ vorgeworfen wird. Busenbenders Antwort ist pointiert: „Wir missionieren nicht heimlich, sondern unheimlich.“ Die Organisation arbeite offen mit dem Evangelium – wer das nicht bemerkt habe, sei schlecht informiert.

Gleichzeitig betont sie: Rund 50 Festangestellte in Deutschland kämen aus 36 verschiedenen christlichen Kontexten, darunter auch Katholiken. Busenbender selbst ist mit einem Katholiken verheiratet. „Ich nehme die Einheit der Christen wirklich ernst.“

Was kommt nach dem Jubiläum?

Zum 30. Geburtstag plant „Samaritan’s Purse“ eine bundesweite „Packparty“ mit Liveübertragung und prominenter Unterstützung in der Weihnachtssaison. Die Abgabewoche ist wie immer für Mitte November geplant. Busenbenders Wunsch für die nächsten fünf bis zehn Jahre: „Samaritan’s Purse“ soll nicht nur als „die mit dem Schuhkarton“ bekannt sein, sondern als ein Hilfswerk, das Evangelium und konkrete Hilfe organisch verbindet – national wie international. Der Markenkern, sagt sie, ist letztlich der barmherzige Samariter. „Der hat hingeschaut. Der hat nicht gefragt, ob die Straße gefährlich ist. Er hat geholfen – und dann erklärt, warum.“

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen