Das waren die „Vergessenen Nachrichten“ 2026

Jedes Jahr schaffen es viele Themen nicht in die Nachrichten der großen Medien. Die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ kürt jedes Jahr die „Vergessenen Nachrichten“. Dieses Mal ist auf dem ersten Platz sogar eine positive Entwicklung.
Von Swanhild Brenneke
Mann liest Zeitung

Jedes Jahr präsentiert die Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. zehn Nachrichten, die im Vorjahr zu wenig in den Medien vorgekommen sind. Gleichzeitig sind es Themen, die für die deutsche Öffentlichkeit relevant sind.

Platz 1: Hoher Entwicklungsstand in Afrika

Auf dem ersten Platz findet sich eine positive Nachricht. Die afrikanischen Länder haben einen viel höheren Entwicklungsstandard, als gemeinhin angenommen wird. Das liegt daran, dass der Entwicklungsstand häufig am Bruttoinlandsprodukt gemessen wird. Ein anderer Wert sei laut der INA-Jury aber viel aussagekräftiger, nämlich der Human Development Index (HDI). Der beachtet nämlich nicht nur wirtschaftliche Indikatoren, sondern auch den Gesundheits- und Bildungsstand der Bevölkerung. Besonders die afrikanischen Inselstaaten Seychellen und Mauritius erreichten hier Werte weit über dem Durchschnitt.

In den Medien werde Afrika als ganzer Kontinent of als arm und unterentwickelt dargestellt, kritisiert die INA. Der Fokus in den Schlagzeilen liege meistens auf Krisen, Katastrophen und Kriegen in afrikanischen Ländern.

Platz 2: Mikroplastik vergiftet Ackerböden

Mikroplastik vergiftet Ackerböden und dadurch gelangt der Stoff wiederum in Nahrungsmittel, die auf dieser Erde angebaut werden. Durch Klärschlamm, Kompost, unsachgemäße Entsorgung von Müll und Langzeitdünger reichere sich Mikroplastik in den Ackerböden an. Nicht nur für die Nahrungsmittelproduktion sei das langfristig bedenklich. Auch der Wasserhaushalt und die Aktivität von Bodenorganismen litten darunter. Obwohl das Thema bekannt sei, werde in den Medien seltener darüber berichtet. Der Grund: Die Forschung zum Thema Schäden durch Mikroplastik stehe noch am Anfang und die Datenlage der bisherigen Forschungsergebnisse sei noch unzureichend.

Platz 3: Zehntausende Staatenlose

Etwa 97.000 Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit leben in Deutschland. Die Tendenz ist steigend. Ein Grund für ihre Staatenlosigkeit: Sie scheitern oft an deutschen Behörden. Sie zahlen zwar Steuern und arbeiten, bleiben juristisch gesehen aber schlechter gestellt. Oft warten Staatenlose jahrelang auf die Klärung ihres Status. Bei den zuständigen Behörden fehlt es an einheitlichen Richtlinien oder Zuständigkeiten.

Platz 4: Unternehmen umgehen Inklusion

Eigentlich gilt für Unternehmen in Deutschland eine Beschäftigungspflicht für Menschen mit Behinderungen. Dem kommen die Arbeitgeber oft aber nicht nach. Sie zahlen stattdessen lieber eine Ausgleichsabgabe. Betroffene können sich dadurch schwer in den Arbeitsmarkt integrieren, für Arbeitgeber lohnt sich dieses Vorgehen aber: Die Ausgleichsabgabe lässt sich mit dem Kauf von Waren oder Dienstleistungen von Behindertenwerkstätten senken. Die Beschäftigten dort arbeiten aber oft unter Mindestlohn. Dadurch sind viele Waren besonders günstig. Die Unternehmen profitieren also, während Inklusionsmaßnahmen scheitern.

Platz 5: Politische Informationen nicht für alle

Menschen mit Behinderungen haben häufig keinen Zugang zu politischen Informationen. Und das, obwohl sie häufig ein hohes Interesse an politischen Themen haben. Der barrierefreie Zugang zu politischen Informationen ist eigentlich gesetzlich geregelt. Der Monitoring-Bericht „Digitale Barrierefreiheit in Deutschland“ (2024) zeigte jedoch: Keines der geprüften staatlichen Webangebote ist vollständig barrierefrei. 322 Websites und 269 mobile Anwendungen öffentlicher Stellen wurden zwischen den Jahren 2022 und 2024 untersucht. Kein einziges Angebot habe alle geprüften Anforderungen erfüllt. Im Vergleich zum vorherigen Messzeitraum von 2020 bis 2021 waren das kaum Verbesserungen, teilweise sogar Verschlechterungen. Den Bericht erstellt die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (BFIT-Bund) gemeinsam mit den Länderüberwachungsstellen. In Fachmedien werde über diesen Missstand zwar berichtet, urteilte die Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung. In großen Leitmedien werde das Thema aber kaum beachtet.

Platz 6: Kostenlose Rechtsberatungen

Eine weitere positive Nachricht schaffte es im vergangenen Jahr nicht in die Medien. Sogenannte „Law Clinics“ bieten kostenfreie Rechtsberatung für Menschen an, die sich rechtlichen Beistand sonst nicht leisten könnten oder keinen Zugang dazu haben. Die Beratungsstellen sind Vereine oder universitäre Kooperationen. Jurastudierende arbeiten dort unter Anleitung von Volljuristen. Auch für die Studierenden sind die Institutionen von Vorteil: Sie können dort ihre praktischen Fähigkeiten verbessern. In den USA gibt es „Law Clinics“ schon lange. In Deutschland gibt es seit den 2010er-Jahren rund 50 Stück. Sie sind rechtlich anerkannt, dürfen aber nur beratend tätig sein und Betroffene nicht vor Gericht vertreten.

Platz 7: Kinderarbeit in der Tabakindustrie

Immer noch werden Kinder auf Tabakplantagen ausgebeutet. Millionen Kinder arbeiteten dort unter gefährlichen Bedingungen, berichtet die INA. Die Kinder kommen über die Haut stundenlang mit den Tabakpflanzen in Kontakt. Dadurch nehmen sie Nikotin auf. Das kann zu sogenannter „Green Tobacco Sickness (GTS)“ führen, also akuter Nikotinvergiftung. Bei Kindern passiert das besonders schnell, weil ihre Haut dünner ist als die von Erwachsenen. Über diese moderne Form der Ausbeutung werde in den Nachrichten quasi nicht berichtet, kritisiert die INA-Jury.

Platz 8: Schlechtere Behandlung für psychisch Kranke

Wer bereits psychisch erkrankt ist und das auch bestätigt hat, wird bei anderen Arztbesuchen oft nicht ausreichend körperlich untersucht. Ernstzunehmende Krankheiten würden zu spät oder gar nicht gesehen, berichtet die INA. Diese Fälle nennen sich „diagnostic overshadowing“. Die psychische Erkrankung überschattet auf den ersten Blick also eine körperliche. Die betroffenen Patienten könnten dadurch mehr an Leib und Leben gefährdet sein als andere. Berichtet werde über diesen Missstand zu wenig, urteilt die INA.

Platz 9: Psychische Probleme bei Untersuchungshäftlingen

Untersuchungshaft kann für Betroffene psychische Folgen haben. Darüber werde aber sehr selten berichtet. In den Jahren 2020 und 2021 seien psychische Belastungen von Untersuchungshäftlingen verstärkt in den Fokus geraten. Denn in Hamburger Justizvollzugsanstalten habe es vermehrt Suizide gegeben. Schon eine ältere Untersuchung in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit aus dem Jahr 2003 habe ergeben, dass 74 Prozent der befragten Inhaftierten mindestens eine psychische Störung aufwiesen. Darunter waren vor allem Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen. Eine neuere Untersuchung aus Hamburg 2022 zeigte ähnliches. In den offiziellen Gesundheitsakten hätten sich jedoch nur bei etwa 40 Prozent entsprechende Diagnosen gefunden.

Dass Untersuchungshäftlinge bisweilen psychisch belastet sind, hat unter anderem damit zu tun, dass die Haft oft überraschend erfolgt und erst einmal keine Perspektive erkennbar ist. Das normale Familien-und Alltagsleben werde abrupt unterbrochen. Anders als im Strafvollzug fehle es in der Untersuchungshaft häufig an psychologischer Betreuung.

Platz 10: Paralleljustiz internationaler Konzerne

Internationale Konzerne untergraben die Souveranität von Staaten, indem sie auf private Schiedsgerichte setzen. Als Beispiel beschreibt die INA die Lage in Kolumbien in Kohleabbaugebieten. Grundlegende Menschenrechte stünden dort im Konflikt mit wirtschaftlichen Interessen. Der Staat versuche seit Jahrzehnten, die Menschen vor den Folgen der Bergbauprojekte zu schützen. Dafür seien unter anderem Umweltauflagen und Gerichtsurteile verschärft worden. Das Schweizer Unternehmen Glencore, dem seit 1955 eine große Kohlemine gehört, wehre sich dagegen mit Hilfe von privaten Schiedsgerichten. Das Unternehmen habe bereits mehrfach den Staat Kolumbien angeklagt wegen ungerechter Behandlung. Experten warnten, dass private Schiedsgerichte bewusst so organisiert seien, dass vor allem internationale Konzerne sie für sich nutzen können.

Die Verfahren liefen meist geheim ab, ohne Öffentlichkeitsprinzip oder Mitspracherecht für weitere Betroffene. Die Folge sei, dass viele Staaten strenge Gesetze scheuten aus Angst vor ebensolchen teuren Klagen. Nicht nur in Kolumbien sei eine Paralleljustiz entstanden, die Staaten in die Defensive dränge. In den Medien kämen Berichte zu dem Thema so gut wie nie vor, kritisiert die INA.

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