Klaus Dewald: „Es gibt keine Hungersnot im Gazastreifen“

Seit Herbst organisiert die Hilfsorganisation „Gain“ Transporte nach Gaza. Gegenübert PRO berichtet deren Gründer Klaus Dewald wie er selbst in den Gazastreifen gelangt ist, wie die humanitäre Lage vor Ort ist und wie die Hamas Waffen schmuggelt.
Von Martin Schlorke
Klaus Dewald

PRO: Herr Dewald, seit Herbst organisiert „Gain“ Hilfstransporte in den Gazastreifen. Wie kam es dazu?

Klaus Dewald: Dazu muss man wissen, dass Israel im Zuge des Krieges allen in Gaza tätigen Hilfsorganisationen die Genehmigung entzogen hat – weil diese beispielsweise bestechlich oder an Schmuggel beteiligt waren. „Gain“ ist seit vielen Jahren in Israel tätig und unterstützt Holocaust-Überlebende. Deswegen kam mir der Gedanke, dass wir von Behördenseite aus eigentlich positiv wahrgenommen werden müssten. Also haben wir uns um eine Lizenz für Gaza beworben.

Das klingt nach einem langwierigen Prozess.

Knapp neun Monate hat die Prüfung gedauert, an deren Ende wir schließlich die Lizenz bekommen haben. Ich habe nicht wirklich damit gerechnet, weil wir eine kleine Hilfsorganisation sind und über keine Erfahrungswerte in Gaza verfügen.

Was hat Israel an Ihrer Organisation überprüft?

Sie können davon ausgehen, dass uns die israelischen Geheimdienste und Sicherheitsbehörden ganz genau unter die Lupe genommen und uns komplett durchleuchtet haben. Am Ende haben wir dann im Oktober des vergangenen Jahres die Genehmigung erhalten. Aber damit verbunden war natürlich auch die Erwartungshaltung, dass wir tatsächlich helfen. Deswegen habe ich mir vor Ort angeschaut, was möglich und nötig ist.

Sie haben im Gazastreifen, also im damaligen Kriegsgebiet, die Situation angeschaut?

Genau.

Wie ist das möglich? Zivilisten ist der Zugang verboten. Auch Journalisten dürfen nicht in den Gazastreifen.

Man muss die richtigen Leute kennen. Die israelische Armee ist ja vor Ort, also gibt es auch einen Weg in den Gazastreifen.

Was haben Sie vor Ort gesehen?

Im vergangenen Jahr wurde mit politischer Unterstützung Israels und der USA die private Organisation „Gaza Humanitarian Foundation“ (GHF) gegründet. Sie betreibt mehrere Verteilzentren für humanitäre Hilfe im Gazastreifen. Diese habe ich besucht. Und ich kann sagen, so schlecht, wie GHF in vielen Medien dargestellt wird, arbeitet sie nicht. Laut UN gingen vorher 93 Prozent aller Hilfsgüter an die Hamas. Durch die GHF wurde dieser Wert auf 80 Prozent gesenkt. Das ist immer noch viel, aber wesentlich besser als zuvor. Allerdings wollten wir als „Gain“ nicht einfach eine andere Organisation beliefern.

„Gain“ (Global Aid Network)

„Gain“ ist eine global agierende christliche Hilfsorganisation mit Sitz in Gießen. Gegründet wurde sie 1990 vom heutigen Geschäftsführer Klaus Dewald. „Gain“ konzentriert sich auf schnelle Hilfe bei Katastrophen, unterstützt aber auch ebenso langfristige Projekte und leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Motivation ist der Auftrag aus Jesaja 58,7-9: Den Obdachlosen und Hungernden zu helfen.

Wie also sieht Ihre Hilfe aus?

Im Nahen Osten sind Beziehungen oft wichtiger als Zertifikate. Wir arbeiten schon lange mit der drusischen Minderheit in Israel zusammen. Die Drusen wiederum sind sehr loyal dem israelischen Staat gegenüber und haben bereits in den vergangenen Jahren Lebensmittel in den Gazastreifen gebracht, auch weil sie nicht in der Gefahr stehen, gemeinsame Sache mit der Hamas zu machen. Denn die Hamas würde Drusen töten, wenn sie könnte – so wie es Islamisten in Syrien machen. Durch die langjährige Unterstützung verfügen die Drusen über Kontakte im Gazastreifen, die nicht zur Hamas gehören. Davon profitieren auch wir.

Konkret bedeutet das: Wir nutzen ein Lagerhaus außerhalb der Sicherheitszone und Mitarbeiter der Kontaktpersonen nahe der Stadt Khan Junis im Gazastreifen – die natürlich trotzdem von den Israelis überprüft worden sind.

Wie viele Hilfstransporte konnten Sie bisher nach Gaza bringen?

Insgesamt haben wir 180 40-Tonner-LKW in den Gazastreifen gefahren. Zudem haben wir eine Suppenküche eingerichtet und verteilen dort 10.000 Mahlzeiten pro Tag. Laut UNOPS-Statistik (Büro für Projektdienste der Vereinten Nationen) sind wir auf Platz vier der Organisation, die am meisten Hilfe in Gaza leisten.

Gain Trucks in Israel
Drei Trucks von „Gain“ in Israel

Wie laufen diese Transporte ab?

Wir haben zwar im November auch drei LKW aus Europa nach Israel verbracht, sämtliche Güter für diese 180 LKW wurden aber in Israel gekauft, mit einem Warenwert von 3,5 Millionen Euro. Die Ware geht dann in ein von Israel gesichertes Zentrallager. Ware von außerhalb muss erst durch den Zoll und kommt dann auch in das Lager. Dort wird alles überprüft.

Wird geprüft, dass keine Waffen nach Gaza geschmuggelt werden?

Ja, und Sie glauben nicht, was ich dort gesehen habe. In Tampons werden Pistolenkugeln versteckt – original verpackt. In Nudelsäcken stecken Handgranaten. Das ist unglaublich, was die Armee dort findet. Und auch Zelte mit Eisenstangen sortieren die Israelis aus.

Warum? Zelte werden doch dringend benötigt.

Weil diese Stangen zum Bau von Waffen verwendet werden. Und wenn die Hamas die Eisenstangen nimmt, hat das restliche Zelt auch keinen Nutzen mehr.

Wenn alles kontrolliert wurde, wird die Ware weiter bis zur Grenze gefahren. Unsere Waren gehen alle über den Grenzübergang Kerem Schalom im Süden des Gazastreifens. Auf der anderen Seite der Grenze befindet sich ein weiteres Logistikzentrum. Dort wird die Ware ausgeladen, wird noch einmal kontrolliert und schließlich auf palästinensische LKW verladen. Von dort übernehmen unsere Kontaktleute aus dem Gazastreifen.

Und begeben sich auf eine gefährliche Fahrt.

Zunächst einmal fahren sie durch den Philadelphi-Korridor, eine stark gesicherte israelische Sicherheitszone entlang der Grenze zu Ägypten. Außerhalb des Korridors müssen die LKW noch ungefähr zehn weitere Kilometer fahren. Dort sind sie auf sich allein gestellt und können überfallen werden.

Wie oft wurden Ihre LKW schon überfallen?

Kein einziges Mal. Damit sind wir übrigens laut UN die Einzigen mit dieser Quote.

Wie das?

Entscheidend ist, dass die Ware für die Hamas nicht interessant ist. Ein LKW mit Kartoffeln oder Auberginen oder ähnlichen Lebensmitteln wird von der Hamas nicht angerührt. Die Waren sind leicht verderblich und schwierig zu handhaben. Die Hamas will die Ladungen ja weiterverkaufen und Geld verdienen. Wir fahren mit Kühlauflegern bis Kerem Schalom. Die Palästinenser haben allerdings keine Kühlaufleger. Deswegen gibt es für die Hamas auch keine Möglichkeit, die Ware zu lagern.

Wenn mein LKW voll mit Kilo-Packungen Zucker wäre, könnte ich ihn auch direkt bei der Hamas abliefern. Denn einen mit solchen Waren beladenen LKW würde die Hamas ziemlich sicher kidnappen. Deswegen versuchen wir solche Lebensmittel oder Matratzen jeweils nur in kleinen Mengen mitzuführen.

Außerdem hat die Hamas zumindest ein gewisses Interesse daran, dass die Bevölkerung versorgt wird. Anderenfalls steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen gegen die Hamas aufbegehren.

Gerade ist Phase zwei von Donald Trumps Friedensplan angelaufen. Dieser sieht eine Entwaffnung der Hamas vor. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten des Plans ein?

Der Plan ist nicht schlecht. Die einzelnen Punkte sind durchaus vernünftig. Die Frage ist allerdings, wer die Drecksarbeit vor Ort machen wird, also eigene Truppen in den Gazastreifen zur Friedenssicherung und zur Entwaffnung der Hamas entsendet. Wenn sich dafür niemand findet, kann es gut sein, dass Trump den Israelis grünes Licht gibt. Ich hoffe aber, dass sich beispielsweise die arabischen Staaten dazu bereit erklären.

„Die Menschen im Gazastreifen sind gehirngewaschen und im Hass auf Israel erzogen. Hilfe kann ein erster Schritt sein, um deren Mindset zu verändern.“

In den sozialen Netzwerken werden Bilder – teilweise KI-generiert – verbreitet, die auf der einen Seite Überflutungen und Kälte in Gaza zeigen. Es gibt aber auch Bilder, auf denen volle Märkte und viele intakte Gebäude zu sehen sind. Was stimmt?

Es gibt fast keinen Wohnraum mehr. Gaza ist wirklich zerstört. Die meisten Menschen wohnen menschenunwürdig in Zeltstädten oder sind auf der Flucht. Das ist einfach nur furchtbar.

Ich kann aber auch sagen, niemand hungert im Gazastreifen. Ich war ja vor Ort, auch bei Verteilstationen, kenne die Zahlen der UN. Jeden Tag fahren mindestens 500 LKW mit Hilfsgütern in den Gazastreifen. Deswegen nein, es gibt keine Hungersnot – was natürlich nicht bedeutet, dass es nicht auch einzelne Menschen gibt, die hungern.

Und das Wetter?

Bilder, die komplett überflutete Zelte zeigen, entsprechen natürlich nicht der Wahrheit. Wenn man im Zelt leben muss bei Regen, ist gar keine große Überschwemmung notwendig – so zu leben ist elendig genug. Aber danach sind auch wieder 20 Grad, bei denen alles trocknen kann.

Sie haben Ihre Projekte in Israel, helfen aktuell aber akut im Gazastreifen. Haben Sie Verständnis für Leute, die kritisieren, dass Sie nach dem Massaker am 7. Oktober nun Palästinenser unterstützen?

Das ist mir egal. Ich helfe Menschen in Not. Und dort, wo Menschen in Not sind, helfen wir als „Gain“. Und wie wollen wir denn Vergebung und Frieden schaffen, wenn wir nichts zum Besseren verändern? Und die beste Hilfe für Israel ist, wenn der Gazastreifen befriedet wird. Die Menschen im Gazastreifen sind gehirngewaschen und im Hass auf Israel erzogen. Hilfe kann ein erster Schritt sein, um deren Mindset zu verändern. „Gain“ arbeitet mit Arabern, Juden, Christen und Drusen in Israel. Das ist doch der beste Beweis, dass ein Miteinander möglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

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