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„Zur christlichen Ethik gehört die Eindämmung des Bösen“

Die Republik diskutiert über schwere Waffen für die Ukraine und über die Abhängigkeit vom russischen Gas. Der katholische Publizist und Politikwissenschaftler Andreas Püttmann erklärt, warum Waffenlieferungen aus christlicher Sicht vertretbar sind.
Von Johannes Schwarz
Andreas Püttmann äußert sich zum Konflikt zwischen dem Papst und dem früheren Papst

Foto: privat

Der Politologe Andreas Püttmann hält die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine aus christlich-ethischer Sicht vertretbar

PRO: Lange Zeit prägte das Motto „Wandel durch Handel“ zwischen West und Ost die Politik. Ist das Modell mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine endgültig gescheitert?

Andreas Püttmann: Versuchen sollte man es immer, durch Entdeckung und Entfaltung gemeinsamer Interessen destruktive Impulse abzubauen, Vertrauen aufzubauen und von den jeweiligen Akteuren an der Basis her auch eine gesellschaftliche Lobby für ein gedeihliches Miteinander zu schaffen.

Das muss nicht immer schief gehen. Es hat aber eine absolute Grenze, jenseits derer diese Strategie nicht mehr vertretbar und aussichtsreich ist. Diese Grenze hat Russland mit seinen Kriegsverbrechen überschritten. Die deutsche Politik hat es zu spät realisiert, weil das Zudrücken beider Augen noch den Genuss mancher wirtschaftlicher Vorteile ermöglichte.

Derweil haben andere gelitten: Tschetschenen, Georgier, Syrer, Ukrainer, Insassen und Angehörige des Fluges MH17 und nicht zuletzt aufrichtige, tapfere Russen, die unterdrückt, weggesperrt, ermordet wurden. Die Sanktionen nach der Krim-Invasion hätten härter ausfallen und Nord Stream 2 gestoppt werden müssen. Gravierend auch Obamas Fehler, seine „roten Linien“ in Syrien nach dem Chemiewaffengebrauch nicht zu verteidigen. All das hat den Aggressor bestätigt, seine Gewaltpolitik weiter voranzutreiben.

Ist denn „Wandel durch Handel“ aus christlich-ethischer Sicht sinnvoll?

Jeder Versuch, auf konziliantem und kooperativem Weg Frieden zu bewahren oder zu stiften, entspricht der christlichen Ethik, deren Kennzeichen Friedensliebe, Respekt, Sanftmut und Nachsicht mit den Irrtümern und Sünden anderer sind.

Dabei muss aber immer klar bleiben: „Gerechtigkeit schafft Frieden“ (Jesaja 32,17), nicht allein Friedfertigkeit, zumal wenn sie einseitig ist. Jesus rät den Seinen, nicht nur arglos wie die Tauben zu sein, sondern auch „klug wie die Schlangen“ (Matthäus 10,16). Man muss sich auch als Christ nicht „über den Löffel balbieren“ lassen, und schon gar nicht, wenn vor allem andere dadurch leiden.

Für sich selbst kann man natürlich entscheiden, bei erlittenem Unrecht auch „die andere Wange hinzuhalten“ (Matthäus 5,39). In Verantwortung für andere, wie im Staat, gilt die komplexere christliche Sozialethik. Zu ihr gehört die Eindämmung des Bösen unter Beachtung der irdischen Eigengesetzlichkeiten und der Fähigkeit des – ursprünglich gut geschaffenen – Menschen zum Schlimmsten. 

Eine Folge dieser deutsch-russischen Handelsbeziehungen sind Abhängigkeiten. Deutschland, wie viele andere Staaten, wird nun viel bezahlen müssen, um sich „freizukaufen“. Wo verläuft der Pfad, zwischen „Koste es, was es wolle“ und das Achten auf die wirtschaftliche Liquidität Deutschlands?

Dass wir nun auch teurere Energieträger als russisches Öl und Gas einkaufen müssen, um Putins Kriegskasse nicht weiter zu füllen, ist zumutbar und gehört zu dem Preis, den wir für eine lange zu vertrauensselige und auch bequeme Russland-Politik zahlen müssen. Wir sind ja auch immer noch ein relativ reiches Land.

Die Grenze wäre da erreicht, wo wir als Demokratie selbst so instabil werden, dass wir totalitären Systemen in die Hände spielen. Jede nicht autokratische Politik braucht Akzeptanz in der Bevölkerung. Zumutungen an die Bürger dürfen und müssen manchmal zwar sein, aber nicht zu viele auf einmal und auf zu lange Zeit. Da bin ich ganz bei der Abwägung von Robert Habeck. Eine schwierige Gratwanderung zwischen Kleinmut und Tollkühnheit, die man als Bürger mit Respekt begleiten sollte und als Christ auch im Gebet.   

Die SPD steht wegen Russland-Verbindungen in der Kritik. Betrifft das Problem, die gesamte Partei oder sind es fundamentale Einzelmeinungen?

Es betrifft zwar letztlich die ganze Partei, weil sie fragwürdige Verbindungen, die sich nun als kontraproduktiv und teilweise auch offen unmoralisch herausstellen, zumindest lange toleriert hat. Mit den Namen Schwesig, Sellering, Steinmeier, Mützenich, Gabriel, Stegner, Platzeck und anderen verbindet sich ein politisches Versagen gegenüber Russland, das noch aufzuarbeiten sein wird.

Dabei wirken allerdings auch lange Traditionslinien eines verfehlten Pazifismus mit, wenn man an den Widerstand gegen Deutschlands Wiederbewaffnung in den Fünfzigern und den NATO-Doppelbeschluss in den Achtzigerjahren denkt. Damals brachte die SPD sogar ihren eigenen Kanzler Helmut Schmidt mit zu Fall.

Teile der Partei, die einst so tapfer gegen den Nationalsozialismus stand, verkennen heute, dass Putin der Pate eines neuen Faschismus mit internationalen Verbindungen ist. Sie scheinen steckengeblieben zu sein in der Entspannungspolitik der Siebzigerjahre, obwohl dieses Muster längst nicht mehr zur Lage passt. Die Sowjetunion war eher eine Status-Quo-Macht, während Putins völkisch-nationalistische und antiliberal-kulturkämpferische Ambition unberechenbarer, dynamischer und expansionistischer ist und längst über Brückenköpfe in Osteuropa und im Westen verfügt.

Es gibt in der SPD allerdings auch klarsichtige und beherzte Persönlichkeiten wie Staatsminister a.D. Michael Roth, den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses. Und auch in der Union und der FDP gibt es eine Appeasement-Strömung gegenüber Russland, hier mehr aus wirtschaftlichen Motiven.

Welche Politik wünschen Sie sich jetzt von Kanzler Scholz und der SPD?

Eine klare, der antifaschistischen Tradition der SPD würdige Unterscheidung der Geister – auch in den eigenen Reihen – und geistige Konfrontation mit dem Putin-Regime. Schärfste Sanktionen ohne Schlupflöcher und Hintertüren, auch unter Inkaufnahme von Wohlstandsverlusten. Die rasche und großzügige Lieferung von Waffen – auch „schweren“ – an die Ukraine und möglichst auch andere gefährdete Staaten, eine echte Erhöhung der Verteidigungsausgaben ohne Taschenspielertricks.

Die Fortsetzung jeder Art humanitärer, diplomatischer und finanzieller Hilfe für die Ukraine. Die Unterbindung russischer Propaganda bei uns und die verschärfte Beobachtung der Putin-Fanszene von ganz rechts und ganz links. Ferner die Bereitschaft zum ehrlichen Umgang mit eigenen Fehlern, den Verzicht auf Maßregelung ukrainischer Politiker und Diplomaten und vernünftige Kooperation mit der Opposition.    

Schwere Waffen für die Ukraine – eine Forderung, die immer lauter wird. Ist die Umsetzung nicht der indirekte Einstieg Deutschlands und der NATO in den Krieg? Auch Bundeskanzler Scholz begründete seine Zurückhaltung mit der Gefahr eines Atomkrieges.

Mehrere westliche Staaten liefern ja schon schwere Waffen, ohne dass Russland ihnen den Krieg erklärte. Putin würde mit der Entfesselung eines Weltkriegs zu viel riskieren. Er ist äußerst brutal und verschlagen, aber idiotisch und selbstmörderisch wohl nicht. Die nukleare Abschreckung und die Beistandspflichten der NATO werden ihn vom Äußersten abhalten. Seine Drohungen sollen gefügig machen. Davon darf man sich nicht einschüchtern lassen, sonst diktiert Russland bald, was in Europa geschieht.

Sind denn weitere und schwerere Waffenlieferungen aus christlich-ethischer Sicht vertretbar?

Ja. Man muss ein vom Völkermord bedrohtes Land in jeder Weise ertüchtigen, sich verteidigen zu können. Alle Waffen für die Ukraine sind derzeit Verteidigungswaffen, weil sie dazu dienen, einen extrem menschenverachtenden, massenmörderischen Feind wieder aus dem Land zu drängen. Die Ukraine erfüllt alle Voraussetzungen eines nach christlicher Lehrtradition gerechtfertigten Krieges. Er wird von einer legitimen Autorität aus gerechtem Grund und mit gerechter Absicht und verhältnismäßigen Mitteln geführt, bei konstanter Verhandlungsbereitschaft. 

Die große Frage, die sich stellt: Wie kann der Krieg in der Ukraine beendet werden und welche Rolle spielt dabei der Pazifismus?

Am ehesten, indem der Aggressor entmutigt wird durch militärische Niederlagen, Schwächung seiner Kriegsmaschinerie und wirtschaftlichen sowie diplomatischen Druck. Der Pazifismus verkennt: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, Zitat Schiller.

Pazifisten müssen aufpassen, dass sie nicht sogar ungewollt dem Kalkül des Aggressors dienlich sind als „nützliche Idioten“. François Mitterrand sagte am 20. Januar 1983 vor dem Deutschen Bundestag: „Die Pazifisten sind im Westen und die Mittelstreckenraketen im Osten.“ So entsteht kein Gleichgewicht, das den Frieden sichert. Die NATO rüstete schließlich nach und bewegte die Sowjetunion danach zu gemeinsamer Abrüstung. Christliche Pazifisten, die sogar den „status confessionis“, also den Bekenntnisfall gegen die Nachrüstung ausgerufen hatten, standen angesichts dieses Ergebnisses ziemlich belämmert da. Christliche Friedfertigkeit in einer gefallenen Welt darf nicht zu unterkomplex daherkommen, sonst richtet sie mehr Schaden an als zu nützen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Andreas Püttmann hat die Fragen schriftlich beantwortet

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7 Antworten

  1. Sollten wir dann nicht in alle Kriegsgebiete der Welt schwere Waffen schicken? Was macht den Ukraine-Krieg so besonders?

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  2. Zitat: “Pazifisten müssen aufpassen, dass sie nicht sogar ungewollt dem Kalkül des Aggressors dienlich sind als -nützliche Idioten-.”

    Befürworter und Forderer von Waffenlieferungen müssen aufpassen, dass sie nicht sogar ungewollt dem Kalkül der Millitärindustrie dienlich sind als „nützliche Idioten“.

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  3. Sehr gute Gedanken von Dr. Andreas Püttmann.
    Würde gerne mehr von seinen Analysen hören.

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  4. “Dabei wirken allerdings auch lange Traditionslinien eines verfehlten Pazifismus mit, wenn man an den Widerstand gegen Deutschlands Wiederbewaffnung in den Fünfzigern … denkt.”
    Die Verweigerung der Zustimmung zur Wiederbewaffnung Deutschlands, die Adenauer teilweise an seinem eigenen Kabinett vorbei betrieb, war wohl begründet. Wäre die damalige Regierung bereit gewesen, über die Stalin-Noten zu verhandeln und so zu Beginn der fünfziger Jahre ein vereintes, blockfreies und entmilitarisiertes Deutschland mit freien Wahlen zu schaffen, hätten wir möglicherweise die feindschaftliche Blockbildung entzerren können. Möglicherweise würde das bis heute positiv wirken.
    Geschichte gibt aber keine Antwort auf Spekulationen. Tatsache ist jedoch, dass Adenauers Politik unser Land in die Blockbindung hineingeführt hat. Tatsache ist, dass seine Politik der Militarisierung ein Schritt auf dem Weg zur heutigen Situation gewesen ist. Hätten sich damals die Pazifisten um Heinemann durchgesetzt, wäre die Situation heute eine andere, vielleicht – wie ich denke – eine Bessere?
    Dass es in der SPD eine teilweise unangebrachte Nähe zu Putin gab und möglicherweise noch gibt, ist unbestritten. Das beschränkt sich aber nicht auf diese Partei. Die Richtlinienkompetenz hatte in den letzten 16 Jahren eine CDU-Kanzlerin.

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  5. So einfach ist es leider nicht. Es gibt Böse Dinge überall. Wenn ein Straftäter überführt ist bin ich sehr froh, dass dieser unter staatlicher Gewalt eingesperrt wird und nicht weiter schutzbefohlenen schlimmes antun kann. Wir leben in einer gefallenen Welt und müssen damit irgendwie zurechtkommen. Jesus hatte Begegnung mit Soldaten (einem hat er bei der Heilung seines Sohnes geholfen). Jesus hat den Soldaten nicht zurecht gewiesen weil er Soldat ist sondern er hat seinen Glauben gelobt. Ich denke dass Thema wird immer ein Spannungsfeld zwischen Frieden und Abwehr bleiben. Im komfortabel beheizten Zimmer im Westen kann man ewig darüber diskutieren was richtig und falsch ist. Wenn man im Haus sitzt und die Raketen schlagen ein, dann könnte man zu anderen Schlussfolgerungen kommen. Ziel muss Frieden und Freiheit sein.

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  6. Egal ob die Verteidigung in der Ukraine jetzt christlich gesinnt ist oder auch nicht , auf jeden Fall wirkt der Einsatz der West- und Ost – Waffensysteme auf dem Boden des Landes wie ein Rundumgriff in die tiefsten Abgründe der Rüstungsindustrie. In einem fest eingegrenzten Gebiet kämpfen letztendlich orthodoxe russische Soldaten gegen orthodoxe ukrainische Christen-/ Soldaten, weil lange Zeit Messen-und Waffenbörsen wegen der Coronakrise pausieren mußten. Aber jetzt kann die Waffenlobby und letztendlich auch die Politik so richtig zeigen, welche technische oder elektronischen Waffensysteme die besten sind. Weder die Kirche noch die Politik haben es letztendlich rechtzeitig verstanden , daß auch über die Zungen und Münder falsche , hinterlistige Worte wie Feuer und Schwert wirken können.

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    1. Nach getaner Tat weiß auch der … Rat. Niemand ist ohne Schuld weder in der Vergangenheit noch jetzt. Reden mit dem erhobenen Zeigefinger helfen kleinen Kindern die in der Nacht frieren und vor Angst weinen wenig. Besser wir beten für Frieden als uns moralisch über die Verteidigung oder Bewaffnung eines Staates den Kopf zu zerbrechen. In der Bibel wird eine Staatsmacht ausdrücklich als Autorität akzeptiert. Martin Luther hat das gut interpretiert.

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Kommentare sind geschlossen.

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