„Zunehmend antichristliche Stimmung im Land“

Der Hass gegen Christen in Europa wächst. Davon sind vor allem Frankreich, Deutschland und Großbritannien betroffen. Im „Welt“-Interview erklärt Anja Tang, Direktorin einer Beobachtungsstelle, woran das liegt und was sie ändern möchte.
Von Johannes Blöcher-Weil
Brandanschlag auf eine Kirche

Die Zahl der christenfeindlichen Straftaten ist 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent gestiegen. Anja Tang dokumentiert diese Taten für die Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in Europa (OIDAC Europe). Sie geht von einer deutlich höheren Dunkelziffer als den 337 erfassten Taten aus.

Besorgniserregend sei nicht nur die Zahl der christenfeindlichen Straftaten, sondern auch die niedrige Aufklärungsquote bei Vandalismus in Kirchen, die bei einem Prozent liege. Mit Sorge beobachtet Tang eine zunehmende antichristliche Stimmung im Land, die vor allem in den vergangenen 15 Jahren stärker geworden sei, erklärt sie im Interview mit „Welt“.

Christen hätten mittlerweile immer öfter Angst, ihre Meinung am Arbeitsplatz zu teilen. Dazu erschwere ein „wachsender religiöser Analphabetismus“ die Situation. Während immer mehr Menschen die evangelische Kirche wegen ihrer liberalen Positionen verlassen würden, erscheine die katholische Kirche vielen ihrer Mitglieder als zu konservativ.

Scharfe Kritik an den Medien

Die Meinung der katholischen Kirche zur Familie habe sich in den vergangenen 2.000 Jahren nicht grundlegend geändert. Trotzdem würden deren Äußerungen heute als Rechtsruck dargestellt, dabei habe sich eher die Gesellschaft verändert. Viele betrachteten die katholische Kirche als Feindin einer modernen Frauenpolitik, die zudem nicht über den Wert des ungeborenen Lebens verhandle.

Hart ins Gericht geht Tang auch mit den Medienberichten über Christen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Beiträge der Journalisten glichen eher „aktivistischem Lobbying“ als einer neutralen Darstellung. Wer die öffentlichen Gebete des brasilianischen Fußballers Kaká als „gefährlichen Missionierungsversuch“ darstelle, überschreite aus ihrer Sicht eine rote Linie. Grundsätzlich wünscht sie sich mehr Achtsamkeit bei der medialen Darstellung christlicher Gruppierungen.

Es sei absolut falsch, beim Christentum immer von einer „Täterreligion“ auszugehen. Auch eine zahlenmäßige Mehrheit könne diskriminiert werden. So gebe es viele Aktivitäten gegen Christen mit wertkonservativen Weltanschauungen, etwa beim christlichen Café „Stay“ in Leipzig, auf das es inzwischen 24 linksextreme Anschläge gegeben habe.

Wachsende Intoleranz an Universitäten

Viele Gemeinden bemühten sich, ihre Kirchen öffentlich zugänglich zu machen. In besonders krassen Fällen ende das in mit Urin verunreinigtem Weihwasser, zerstörten Beichtstühlen oder geköpften Statuen. Selbst die Deutsche Bischofskonferenz habe jüngst vor einer Eskalation gewarnt.

Kritisch sieht Tang auch eine wachsende Intoleranz an Universitäten, wo christliche Redner ausgeladen würden: „Unsere Lehranstalten dürften ruhig mutiger sein und mehr Rückgrat zeigen.“ Gerade an Universitäten sollte ein offener Diskurs stattfinden.

Für die Zukunft gehe es darum, verloren gegangenen Respekt vor dem Christentum wieder einzufordern. Vor allem Muslime könnten nicht nachvollziehen, wie ein traditionell christliches Land über die eigene Religion spreche. Und auf politischer Ebene wünscht sich Tang einen EU-Koordinator, der sich für die Bekämpfung antichristlicher Intoleranz und Verbrechen einsetzt.

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