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Wissen schützt vor Glauben nicht

Als Moderatorin der Sendung „Wissen macht Ah!“ hat Shary Reeves eine ganze Generation von Kindern geprägt. Jetzt analysiert sie für Amazon Prime die Champions League. Geprägt ist sie vom katholischen Glauben.
Von Johannes Blöcher-Weil
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Shary Reeves

Foto: Jochen Manz

Shary Reeves war viele Jahre lang eines der Gesichter der Sendung „Wissen macht Ah!“. Jetzt kommentiert die frühere Fußballerin Fußballspiele.

Die Autorin, Journalistin und frühere Fußballspielerin Shary Reeves könnte mit ihrer Biographie mehrere Buchbände füllen. Reeves hat von 2001 bis 2017 gemeinsam mit Ralph Caspers die Sendung „Wissen macht Ah!“ moderiert. Noch heute wird die 52-Jährige regelmäßig auf ihr Engagement beim Kinderkanal angesprochen: „Dass ich schon vier Jahre nicht mehr dabei bin, haben einige noch gar nicht mitbekommen“, erklärt Reeves. Immer noch werde sie als Gesicht der Sendung wahrgenommen, in der sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Kinderfragen auf den Grund gegangen ist. Das haben beide so gut gemacht, dass auch häufig die Erwachsenen die Sendungen mitgeschaut haben. In jeder davon haben sie fünf bis sechs Fragen aus dem Alltag beantwortet, etwa wie eine Rolltreppe funktioniert oder warum Frischhaltefolie haftet. Dies erklärten sie entweder in Einspielfilmen oder durch Studio-Experimente.

Diese Zeit hat die leger gekleidete und äußerst empathische Reeves hinter sich gelassen. Gerade analysiert sie Fußballspiele der Champions League für Amazon Prime, arbeitet an kleineren Buchprojekten, produziert ein Audio-Guide für ein Bergbau-Museum oder dreht Werbefilme für Unternehmen. Reeves’ Eltern stammen aus Afrika. Sie sind in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen, wo der kenianische Vater bei der Deutschen Welle arbeitete, die tansanische Mutter als Krankenschwester. Ihre Eltern seien sehr gläubige Menschen gewesen: „Mein Vater hatte einen guten Draht zum späteren Papst Benedikt.“ Das Paar trennte sich, als Reeves fünf Monate alt war.
Sie und ihre drei Geschwister kamen in Pflegefamilien. Ihren Vater hat sie später nur noch selten gesehen. Als Heranwachsende habe sie versucht, Berührungspunkte mit ihm zu vermeiden. Die Mutter schickte sie auf ein katholisches Internat: „Ich bin mit dem Beten aufgestanden und ins Bett gegangen“, erzählt sie. Die Erziehung der Nonnen sei nicht „immer sehr gemütlich“ gewesen und die strengen Erziehungsmethoden erschienen ihr als aus der Zeit gefallen.

Starke Stimme gegen Rassismus

Bei ihren Pflegeeltern, die noch elf eigene Kinder hatten, fühlte sie sich dagegen pudelwohl. Der Pflegevater sei eine Kölner Frohnatur mit viel Ironie gewesen. Aber auch im bürgerlichen Umfeld der Domstadt erlebt sie Ausgrenzung. Als dunkelhäutiges Mädchen habe sie sich heimlich mit dem Nachbarmädchen zum Spielen verabredet, um in der Nachbarschaft keinen Anstoß zu erregen: „Die Naivität meiner Eltern hat dazu geführt, dass sie alles richtig gemacht haben“, sagt sie. Die Bindung zu ihrer Ersatzfamilie war zeitlebens sehr eng. „Sie haben Menschen geliebt – wie Jesus. Und sie haben mir viele kluge – auch biblische – Weisheiten mitgegeben. Davon zehre ich heute noch.“

Erst als Erwachsene hinterfragt sie, dass sie die Kommunion empfangen hat. Reeves kommen Zweifel am Glauben. Sie beschäftigt sich mit dem Buddhismus, der ihr aber auch keine Antworten gibt. „Mit Ende 20 hatte ich wieder so ein grundsätzliches Gefühl des Glaubens für mich entdeckt.“

Studieren sei „nicht so ihr Ding“ gewesen. Stattdessen reiste sie viel in der Welt herum. Reisen sei wichtig, um sich eine Meinung zu bilden: „Ich kann nicht immer nur sagen, ich habe das im Internet gelesen.“ Um sich eine Meinung zu bilden, müsse man sich auch mit konträren Ansichten auseinandersetzen. Diese Unvoreingenommenheit möchte sich Reeves bewahren, eine wichtige Voraussetzung, wenn man sich gegen Rassismus engagieren will. In dessen Entwicklung sieht sie ein Auf und Ab. Sie selbst wurde auf dem Schulhof ausgegrenzt und nicht zum Kindergeburtstag eingeladen. Andererseits konnte sie an der Privatschule auch viele Projekte kreieren und umsetzen, in denen sie Integration erlebte.

Gemeinsam mit der Band „4 Reeves“, der sie und ihre drei Geschwister angehörten, beteiligte sie sich 1992 am großen Konzert in Köln gegen Rassismus und rechte Gewalt. Aktuell brande der Alltagsrassismus wieder auf, der damals eingedämmt zu sein schien: „Da hat sich im Hintergrund etwas aufgebaut. Vor allem Pegida hat den Aufschwung wieder befördert.“ Die Black-Lives-Matter-Bewegung sei deswegen wichtig und notwendig. Viele Schwarze forderten die Moderatorin auf, das Wort „Neger“ nicht auszusprechen, erzählt sie. Das kann sie nicht verstehen. „Ich bin in den 80er-Jahren so beschimpft worden.“ Viele junge Menschen der Community hätten diese Erfahrungen nicht gemacht und würden sie nie machen, aber verbesserten einen. „Das ist, als ob ich die Rede von Martin Luther King umschreiben würde“, findet Reeves.

Es gibt ein Leben nach dem Tod

Aber genau wie ihr Engagement bei diesem Thema trägt sie auch ihren katholischen Glauben nicht wie eine Monstranz vor sich her. Sie selbst nutze die Bandbreite der Großstadt und besuche verschiedene Gottesdienste. Froh ist sie immer, wenn sie auf Pfarrer mit inhaltlichem Weitblick und alltagsrelevanten Themen trifft, „die mich persönlich beschäftigen“. Dabei wünscht sich Reeves in den Gemeinden auch ein bisschen mehr Innovation: „Ich kann nicht so gut nachvollziehen, dass wir völlig antiquierte Lieder singen, die nicht auf unsere Stimmlage passen.“ Auch die Inhalte und Worte dieser Lieder seien jungen Menschen nur sehr schwer vermittelbar. Dabei sei Musik etwas, was begegnet, berührt und verbindet.

Reeves freut sich über die religiöse Vielfalt in Deutschland. Kontraproduktiv findet sie es, wenn Unterschiede betont und Barrieren zwischen den Glaubensrichtungen aufgebaut werden: „Das führt zu neuen Konflikten. Dabei könnte das alles unter dem Dach des Glaubens passieren.“ Ihr selbst habe bei privaten Rückschlägen, wie dem frühen Tod ihres Bruders, der Glaube sehr geholfen. „Dass es ein Leben nach dem Tod gibt, steht für mich außer Frage. Da kann mich auch kein Wissenschaftler vom Gegenteil überzeugen. Ich habe zu viele Dinge erlebt, die sich wissenschaftlich nicht erklären lassen.“ Reeves hofft und freut sich darauf, dann Familienmitglieder wiederzusehen, aber auch noch viele andere kennenzulernen: „Zu viele Gedanken will ich mir aber auch nicht machen. Vielleicht ist alles ganz anders.“

Der Artikel ist in der Ausgabe 6/2021 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Sie können das Heft kostenlos online bestellen oder unter 0 64 41 / 5 66 77 00.

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