Kommentar

Wie Rechtsaußen Felix Nmecha vereinnahmt

Felix Nmecha wird für seinen Glauben und sein öffentliches Bekenntnis kritisiert. Dabei wird eine bestimmte Entwicklung übersehen.
Von Martin Schlorke
Felix Nmecha

Es ist Weltmeisterschaft. Innerhalb der PRO-Redaktion stand schon lange fest, dass der Kollege Blöcher-Weil oder ich dieses erste WM-Editorial schreiben werden. Schließlich bilden wir beide die inoffizielle Sportredaktion der PRO. Es hätte ein leichter Text werden sollen. Als einer von 83 Millionen deutschen Bundestrainern hätte ich über den souveränen Auftaktsieg geschrieben, leichte Kritik an der Aufstellung des Bundestrainers geübt, Gemeinden und Kirchen erwähnt, die ihre Türen für Public-Viewing-Events öffnen (endlich sind Kirchen wieder voll) und über meine Hoffnung auf das nächste Sommermärchen geschrieben (Doppelung).

Doch das werde ich nicht machen. Grund dafür ist Felix Nmecha. Oder genauer: Die Diskussion um den 25-jährigen Nationalspieler.

Nmecha bekannte sich am Sonntag mehrfach öffentlich zu seinem christlichen Glauben. Aus dem Mannschaftsbus stieg er mit einer Bibel in der Hand aus . Bei seinem Torjubel kniete er nieder und legte eine imaginäre Krone ab – ein Zeichen dafür, dass Christus der Herr in seinem Leben ist. Und schließlich betete er nach Abpfiff gemeinsam mit Jonathan Tah und einigen Gegenspielern aus Curaçao.

Wenn aus Christentum „finsteres Menschenbild“ wird

Auch das wäre für sich genommen ein wunderbares Thema für PROkompakt. Zwei Nationalspieler, die öffentlich ihren christlichen Glauben bezeugen und durch das gemeinsame Beten mit dem Gegner zeigen, dass „König Fußball“ – wie einst die Nationalmannschaft sang – eben doch nicht „die Welt regiert“. Dass es wichtigere Dinge gibt.

Vielleicht wäre das beim Sommermärchen 2006, als die „Welt zu Gast bei Freunden“ war, nur eine Randnotiz gewesen. Vielleicht hätte so eine Aktion damals unterstrichen, dass Freundschaft und Miteinander mehr als nur leere Worthülsen sind. Dass gemeinsames Gebet eine verbindende Kraft hat – über nationale Grenzen hinaus.

Doch wir schreiben das Jahr 2026. Ein Jahr, in dem selbst ein Gebet auf dem Fußballplatz zum Kulturkampfthema wird. Nach anfänglichem medialem Lob (Sky: „Besonderer Moment“) überwiegt mittlerweile die Kritik an Nmechas Glauben. Dieser sei „extrem“ oder „evangelikal“, dass mehr als Kritik, denn als theologische Zuschreibung gemeint ist. Die „taz“ schreibt gar von einem „finsteren Menschenbild“. Hintergrund sind Vorwürfe, Nmecha habe in der Vergangenheit transfeindliche Inhalte in den sozialen Medien geteilt (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Nmecha hatte damals diese Vorwürfe von sich gewiesen und sich für entsprechende Postings entschuldigt.

Vereinnahmung durch AfD und Co.

Doch während sich viele Medien und linke Stimmen (Nmechas Gebet stünde für einen Rechtsruck) nun an Evangelikalen und Nmecha abarbeiten und dem Fußballer Missionierung vorwerfen (Was ist eigentlich so schlimm daran?), entgeht ihnen eine gefährliche Entwicklung, die sie durch ihre reflexhafte Skandalisierung mit antreiben: Wer christlichen Glauben vor allem als Ausdruck eines rückwärtsgewandten Weltbildes deutet, überlässt ihn am Ende jenen Kräften, die ihn politisch vereinnahmen wollen. Und das passiert.

AfD-Politikerin Beatrix von Storch schreibt etwa auf „X“, dass Christus nun in der Mitte der Nationalelf stehe oder, dass nun „Deutsche Nationalspieler im Namen des Herrn“ spielen. Der neurechte Autor Benedikt Kaiser sieht Nmecha als einen Kämpfer gegen die „linksliberale Hegemonie“. Solche Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Die sozialen Netzwerke sind voll mit solchen Beiträgen. Umso wichtiger sind Stimmen wie die der beiden Grünen-Politiker Konstantin von Notz und Katrin Göring-Eckardt, die Nmechas Glaubensbekenntnis positiv bewerten, ohne dieses politisch zu vereinnahmen.

Die einen sehen in Nmecha ein Problem, die anderen einen Helden. Doch weder ist er die größte Gefahr für unsere Demokratie noch ist er die Rettung des christlichen Abendlandes. Er ist ein Sportler, der öffentlich mit seinen Gegnern betet und sich zu seinem Glauben bekennt. Und das ist wunderbar.

Dieser Text wurde zuerst in dem wöchentlich erscheinenden Newsletter PROkompakt veröffentlicht. Hier können Sie ihn kostenlos abonnieren.

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