„Bringt euch ein“

Kirchen sollten Diskurse ermöglichen und Christen sich für gesellschaftliche Themen interessieren. Wer zu seinem Glauben sprachfähig ist, hat gute Chancen darüber ins Gespräch zu kommen, findet Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.
Von Jonathan Steinert
Udo Hahn, Evangelische Akademie Tutzing

PRO: Die Evangelischen Akademien haben das Ziel, den gesellschaftlichen Diskurs und politische Bildung zu fördern, sie wollen die Zivilgesellschaft und die liberale Demokratie stärken. Warum sind das Aufgaben einer kirchlichen Einrichtung?

Udo Hahn: Die evangelischen und katholischen Akademien sind nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Ihre Vordenker hatten die Vorstellung, dass Deutschland nach Jahren der NS-Diktatur, die Politik, Gesellschaft und Kultur gleichschaltete, Orte braucht, an denen die Unterschiede auch im Diskurs sichtbar werden. Kirchliche Akademien sind Foren, die Meinungsvielfalt sichern.

Die Kirchen könnten die politische Bildungsarbeit auch säkularen Institutionen überlassen. Warum ist das ein kirchlicher Auftrag?

Ein wichtiger Referenztext ist dafür die Aufforderung des Propheten Jeremia im Alten Testament: „Suchet der Stadt Bestes.“ Dieser Auftrag Gottes damals an die Israeliten im babylonischen Exil heißt modern übersetzt: Bringt euch ein. Für die Akademiearbeit bedeutet das: Alle Themen, die die Menschen beschäftigen, können auch bei uns vorkommen. Menschen, die im Glauben verwurzelt sind, sollten sich für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien, Gesellschaft interessieren. Denn dann kommt man miteinander ins Gespräch. Der Glaube zielt auf Mündigkeit: Der Einzelne soll sich ein eigenes Urteil bilden. Dazu wollen wir verhelfen und einen Raum für ein möglichst breites Meinungsspektrum bieten.

Menschen kommen also mit der Kirche in Berührung, die sonst keinen Bezug zum Glauben haben?

Ich erlebe Akademiearbeit als einen Raum des Vertrauens – in einer Zeit, in der die Kirchen viel Vertrauen verloren haben. Darin liegt eine große Chance, dass wir Menschen erreichen, die sonst keinen Bezug zum Glauben und auch keine Berührung mehr mit Kirche haben. Im Akademie-Diskurs beteiligt sich Kirche an der Suche nach Lösungen. Und darüber hinaus sprechen wir in unseren Andachten und Gottesdiensten das geistlich-spirituelle Bedürfnis an. Für kirchliche Akademiearbeit ist das ein Alleinstellungsmerkmal. Mir ist es wichtig, als Pfarrer erkennbar zu sein und den biblischen Schatz zu nutzen: trösten, ermutigen, Zuversicht stiften. Die These, dass die Menschen religiös offen sind, kann ich aus den Begegnungen hier zu 100 Prozent bestätigen. Aber ich beobachte, dass Menschen, die sich mit religiösen Themen beschäftigen, oft keinen Anknüpfungspunkt finden.

Sie wissen nicht, an wen in ihrem Umfeld sie ihre Fragen richten können? 
Und auch nicht, wie sie es tun sollen. Wir müssen viel mehr in die Eins-zu-eins-Kommunikation gehen und hörbereit sein, was Menschen beschäftigt. Was sie umtreibt, ist erst mal ganz tief drin, sucht aber nach einem Anknüpfungspunkt. Was heißt zum Beispiel, „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ zu haben? Die größte Herausforderung ist, dass die Sprachfähigkeit darüber, was es bedeutet, Christ zu sein, abgenommen hat. Zugleich merken wir, dass Menschen, die aus anderen Religionen und Kulturen kommen, oft sehr genau wissen, was Glaube für sie bedeutet. Da hat unsere religiöse Bildung nicht schrittgehalten mit der gesellschaftlichen Entwicklung.

Aktuell erleben wir viele Krisen, nicht zuletzt die Kriege in der Ukraine, Gaza, Iran. Die Akademien wollen auch eine Hoffnungsperspektive geben. Wie kann das gehen?

Die Idee an Orten wie den Akademien ist, mit Menschen im Gespräch die Vorstellungskraft zu aktivieren, wie etwas anders und wieder besser werden kann, wen es dazu braucht, wie man da vorgeht. Also die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. In der Bibel, speziell in den Psalmen, lese ich vieles, was ihre Verfasser schier zur Verzweiflung bringt – und zugleich spricht aus diesen Texten eine ungeheure Kraft, nicht aufzugeben. Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Funktionen: mit dazu beizutragen, dass Menschen die Zuversicht behalten, mitgestalten zu können.

Wie kann ein einzelner Christ für sein eigenes Umfeld Hoffnung stiften, mit dem Glauben als Ressource?

Wir müssen die Scheu überwinden und mit anderen ins Gespräch treten. Dann wird daraus eine Ressource, eine Kraftquelle. Wir sprechen ja mit anderen auch über unsere Vereinsvorlieben im Fußball. Im Glauben haben das viele nie wirklich gelernt. Wenn Menschen von einem wissen, dass er Christ ist, und ins Gespräch kommen, dann geht es irgendwann auch um Glaubensfragen. Nur: Wenn man keinen solchen Menschen kennt, wo sollen sie dann ihre Fragen loswerden?

Immer wieder wird diskutiert, wie politisch die Kirche sein soll, wozu sie sich äußern sollte und wozu nicht. Was ist Ihre Antwort?

Die wichtigste Frage für mich ist: Wie kann sie in guter Weise politisch sein? Beiden großen Kirchen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Vorwurf gemacht: Auch ihr habt versagt, weil ihr nicht ausreichend vor der nationalsozialistischen Ideologie gewarnt und nicht entschieden genug Widerstand geleistet habt. Darin liegt bis heute ein grundlegendes Trauma. Diese Ur-Angst, wieder zu versagen, scheint mir der Grund für die Bereitschaft in den Kirchen, eher mehr politische Vorgänge zu kommentieren.

Ich finde es sinnvoll, sich dabei an einer Formel zu orientieren, die auf Richard von Weizsäcker zurückgeht. Demnach will die Kirche nicht Politik machen, sondern Politik möglich machen. Kirche hat auf jeden Fall den Auftrag, Stellung zu beziehen, vor allem, wo es um Grundsätzliches geht. Bei anderen Themen kann sie das möglicherweise besser, indem sie moderiert und auffächert, was alles denkbar ist, und indem sie deutlich macht, wie man zu einem Urteil kommen kann. So geschieht es zum Beispiel in den Denkschriften der evangelischen Kirche. Kirchliche Äußerungen zu politischen Themen entspringen keiner höheren Weisheit, sondern müssen sich dem Diskurs stellen.

Perspektivisch für die nächsten 20 Jahre: Welche Rolle spielen dann die Religion und die Kirche in unserer westlichen Gesellschaft?

Grundsätzlich bleiben Kirche und Glaube eine orientierende Kraft. Inwieweit die Kirchen, so wie wir sie kennen, eine gesellschaftlich sichtbare Rolle spielen, ist offen. Einerseits beobachte ich, dass die Kirchen nach wie vor in bestimmte Diskurse eingebunden sind und als Teil des gesellschaftlichen Spektrums gehört werden. In anderen Bereichen, dazu gehören die Medien, ist die Stimme der Kirche wenig präsent. In Talkshows zum Beispiel ist aus dem Bereich Glaube, Kirche, Religion, nahezu niemand zu Gast, weder Amtsträger noch Experten aus der wissenschaftlichen Theologie. Im Kontext der Medien wird Religion oft als Problem thematisiert. Im weltweiten Maßstab wird Religion dagegen wichtiger. Und wir im Westen sollten nicht unsere eigene Wahrnehmung schon für das große Ganze erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Udo Hahn, geboren 1962, ist evangelischer Pfarrer, seit 2011 Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing und derzeit Vorstandsvorsitzender des Dachverbandes der evangelischen Akademien. Zuvor war er unter anderem verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Deutschland, 2007 übernahm er die Leitung des Referats „Medien und Publizistik“ im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland. In den 90er Jahren war er journalistisch bei der mittlerweile eingestellten Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ tätig, wo er das Ressort „Christ und Welt/Evangelische Kirche“ leitete.

Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.

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