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Theologen über Ukraine-Krieg: Der „liebe Gott“ alleine reicht nicht

Zwei Theologen erklären in der FAZ, weshalb ein richtender Gott notwendig ist. Auch die Menschen im Ukraine-Krieg können sich darauf verlassen.
Von Johannes Schwarz
Gericht, Urteil, Prozess, Freispruch

Foto: succo

Am Ende steht Gottes Urteil, meinen die beiden Theologen

„Der liebe Gott ist tot.“ Dies schreiben die beiden Theologen Gabriele und Peter Scherle in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit Blick auf das Gottesbild inmitten eines Krieges. Dies erweise sich erst mit einem richtenden Gott als vollständig. In der Ausgabe von Mittwoch beschreiben beide die Gerichtsbarkeit Gottes. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, sind sie sich sicher, der Sprachgebrauch „Vergelt’s Gott“ drückt mehr aus als einen liebevollen Gott.

In dem Gastbeitrag wird deutlich, dass Krieg immer etwas kostet. Frieden kann nur wiederhergestellt werden, wenn die „Verantwortlichen einen Preis zahlen“. Vergeltung ist laut dem Theologen-Ehepaar nötig, damit es „einen Ausgleich für den Schaden“ gibt. Nach diesem biblischen Prinzip würde heute die Gesellschaft funktionieren. Täter würden für ihre Taten vor Gericht gebracht und wenn nötig bestraft.

Gott steht über Allem

Eine klare Absage erteilen die beiden der Forderung, die Ukrainer sollten ihr Land nicht mehr verteidigen, um Frieden zu garantieren. Dies sei „obszön“. Die Debatte um diese Art von Pazifismus stelle sich nicht. Der Gruß „Vergelt’s Gott“ richte „den Appell an Gott“ – es wird damit gerechnet, „dass es einen Horizont menschlichen Zusammenlebens gibt, der das unabgegoltene Gute und Schlechte noch umgreift“. Das göttliche Gericht am Jüngsten Tag werde am Ende über den menschlichen Möglichkeiten stehen und Hoffnung bringen.

Die beiden Autoren bedauern die „Entkernung des christlichen Gottesbildes“. Gott ist für die Autoren weit mehr als der liebe Gott, sondern auch der Gott des Jüngsten Gerichts und der Vergeltung. Auf die menschlichen Gräueltaten im Ukraine-Krieg und darüber hinaus wird Gott „antworten und Rechenschaft fordern von den Zuschauern, die vor allem mit ihrer Befindlichkeit und einem reinen Gewissen beschäftigt waren“.

Alle Menschen, die aktuell im Krieg leiden, könnten durch das „Vergelt’s Gott“ neue Hoffnung schöpfen. Denn nicht nur die Täter werden berücksichtigt, sondern auch die Opfer, schreiben die Theologen: Sie werden „aufgerichtet und ihre Verletzungen geheilt“. Diese Hoffnung ist gleichzeitig eine Absage an Rache auf der Erde.

Absage an den Pazifismus

Die Theologen widersprechen damit den pazifistischen Forderungen, die derzeit geäußert werden. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte sich dahingehend widersprüchlich geäußert.

Der Friedensbeauftragte der EKD, Friedrich Kramer, hatte vor weiteren Waffenlieferungen gewarnt. Er persönlich vertritt pazifistische Positionen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht sich Kramer gegen militärische Aufrüstung aus. Auch sagte er, dass es keine Zeitenwende gebe, die nun höhere militärische Ausgaben benötigen, wie es Kanzler Olaf Scholz (SPD) äußert. Gegenüber dem Domradio nennt der Friedensbeauftragte Waffenlieferungen „Sünde“. Eine gegensätzliche Sicht vertritt die EKD-Chefin Annette Kurschus und weitere Mitglieder des EKD-Rates: Sie befürworten Waffenlieferungen, auch von schweren Waffen. In der Kirche wie auch in den Sozialen Netzwerken wird derzeit kontrovers zum Thema diskutiert.

Das Theologen-Ehepaar erteilt dem Pazifismus ebenfalls eine Absage. Gegen die entfesselte „Vernichtung des ukrainischen Staates und Volkes“, helfe „nur die rechtserhaltende Gewalt der militärischen Verteidigung“. Gabriele und Peter Scherle erhoffen sich so die „Rückkehr Russlands in die Rechtsgemeinschaft“. Da am Ende der richtende Gott stehe, sollten sich der russische Präsident Wladimir Putin und seine religiösen Unterstützer vor der Vergeltung fürchten.

Die 70-jährige Gabriele Scherle ist evangelische Theologin und war von 2006 bis 2017 Pröpstin für Rhein-Main. Derzeit ist sie Vorstandsvorsitzende der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Ihr 66-jähriger Mann Peter Scherle ist ebenfalls evangelischer Theologe. Von 2002 bis 2020 war er Direktor des Theologischen Seminars Herborn.

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9 Antworten

    1. For god’s sake, this man cannot remain in power. Ein spontaner, aber moralisch wahrer Satz. Die Herrschaft eines Menschen ist immer begrenzt, nur Gott regiert ewig. Ich fürchte mehr, dass er womöglich gewinnen könnte, denn dann würde wirklich eine Welt untergehen für lange Zeit.

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  1. Ich denke nicht, dass sich Putin, wie auch sein “Glaubensbruder” Kyrill von einem “richtenden Gott” beeindrucken lassen. Im Gegenteil, sie wollen ihrem Volk und der Welt weismachen, sie führten einen Krieg gegen die westliche Dekadenz!
    Es nutzt auch nichts, wieder von einem “richtenden Gott” zu sprechen, wenn man immer nur die Bibel zur Hand nimmt, ohne sie als Instrument des VERSTEHENS zu gebrauchen. Eine unverstandene Bibel ist auch immer eine missbrauchte Bibel. Das wird ja jetzt auch durch Kyrill vorgeführt.
    Es bringt dann jeder nur seine eigenen Vorstellungen, Vorlieben und Abneigungen in den Text. Das alles ist KEINE Theologie, sondern nur Schriftgelehrsamkeit und Pharisäertum (WIR sind die Guten, die anderen, die Schlechten!). Heute können wir WISSEN, dass nach jedem Tod der Mensch gerichtet wird. Aber das ist NICHT das ENDGERICHT. Es wird Zeit, zu einen seriösen Theologie zu finden, die den komplexen Tatsachen gerecht wird, wie das hier zum Ausdruck kommt: https://www.academia.edu/37936734/Genetik_Reinkarnation_Kirche

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    1. @Reichelt
      Wie kommen Sie, Herr Reichelt, zu der Aussage, dass es nach dem Tod eines Menschen und dem Gericht noch ein weiteres Endgericht geben wird? So etwas lese ich an keiner Stelle in der Bibel. Entspringt diese Theorie Ihren Geist oder haben sie dies von jemand anderem übernommen?
      PS: Der unter dem angegebenen Link hinterlegte Artikel entspricht keinesfalls meinem Verständnis des biblischen Textes. Die genannte Theorie zur Reinkarnation halte ich für unbiblisch und sehe sie als Irrlehre an.

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  2. Der Wind hat sich gedreht, und die Fähnchen drehen sich mit. “Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur” (Volker Pispers). Diese Bräsigkeit, mit der man sich unverrückbar auf der Seite der Guten wähnt, und wer demzufolge gerichtet werden müsse, könnte mich ja amüsieren, wenn es nicht so ernst wäre. Diese Lust danach, endlich irgendwo draufhauen zu dürfen, kann ich mir nur mit zwei Jahren Corona-Lagerkoller erklären und macht mir mehr Angst als jede russische Armee es könnte.

    Ich habe da einen Vorschlag: Warum gründen die beiden nicht einfach wieder die “Deutschen Christen” und plädieren dafür, dass die Bundeswehr wieder “Gott mit uns” auf ihren Koppelschlössern trägt? Das Bedürfnis danach kann man geradezu heraushören. Auf der Seite der Nazis ist man ja schon, diesmal der ukrainischen. Auch so eine kirchliche Tradition, die nicht sterben will.

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    1. Sie meinen hier sicherlich Kyrill I. – denn mit dem was er sagt, passt er doch wirklich gut zu den von Ihnen eingebrachten “Deutschen Christen” – oder sehe ich das falsch?

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  3. Was das Theologenehepaar Scherle da verkündet, würde nichts anderes bedeuten, als dass Gott dafür da ist, billige Rachegelüste zu befriedigen. Was hier noch fehlt, ist, dass man diesen Soldaten eine endlos währende Hölle an den Hals wünscht, wo sie tagein tagaus mit Pech und Schwefel gequält werden – von einem brutalen Gott der Rache. Das hat aber mit biblischen Prinzipien rein gar nichts zu tun. Gott ist vor allem barmherzig, er wird alle Menschen zurechtbringen. Dazu werden zwar Gerichte nötig sein, aber dabei wird auch berücksichtigt werden, dass diese Russen, die “unmenschlich” gehandelt haben, auch Opfer waren. Ein Trost wäre gewesen, das Richten einfach Gott hinzulegen und es ihm zu überlassen, ohne Rachegefühle zu entfachen. Verletzungen werden nicht geheilt, indem man die vermeintlichen Verursachern mindestens das gleiche Leid wünscht, das man selbst erlebt hat. Sondern, wenn gelernt hat, zu vergeben – das ist ein biblisches Prinzip. Traurig, was unter dem Label “Theologie” so verbreitet wird.

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  4. Der katholische Theologe Felix Evers hat dem evangelischen Theologenpaar in der neuen Ausgabe von “Christ in der Gegenwart” 19/2022 soeben klar – und notwendig – widersprochen: “Der ‘liebe Gott’ ist nicht tot! Gott sei Dank!” Es gibt letztlich keine Alternative zur Friedensarbeit – und gegenseitige Hochrüstung, wie’s der Affekt in der jetzigen Situation empfiehlt, ist nicht nur kurzsichtig, sondern kontraproduktiv: Er bleibt dem “Mythos der erlösenden Gewalt” verhaftet – und blendet das Verschulden des ‘ach so guten’ Westens an diesem Krieg aus.
    Zum Thema Gericht/Endgericht wäre dem Theologenpaar der Aufsatz « ‘Die Weltgeschichte ist das Weltgericht’ aus theologischer Perspektive» des evangelischen Theologen Eberhard Jüngel (in: Ganz werden, Tübingen 2003) DRINGEND zu empfehlen! Liebe ist bedingungslos, oder keine! Dies bedeutet, dass in spezifischen Situationen Gewalt tatsächlich mit staatlicher Gewalt eingedämmt werden muss – man wird dabei schuldig, hat die Verantwortung dafür zu übernehmen. Aber Hochrüstung, und einseitige Sündenboch-Zuweisungen (René Girard lässt grüssen!), sind was anderes! Gefordert sind statt Affekthaschereien jetzt kühle, besonnene und kluge Köpfe.

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  5. Mir fällt dazu ein Textstück Jochen Kleppers ein:
    „G‘TT will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt, als wollte er belohnen, so richtet er die Welt….“
    Wir sollten in der Tradition derer stehen, die im Leben und Reden Jesu das Bild des Unsichtbaren G‘TTes gesehen haben.
    Dann könnten wir als Nachfolgende im Namen der Humanität um Haltungen ringen, statt Staaten theologische Empfehlungen auszusprechen.

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