Die Rechnung ist simpel – und alarmierend. Jährlich schließen an den 26 theologischen Ausbildungsstätten in freier Trägerschaft in Deutschland und der Schweiz hochgerechnet rund 364 Personen ihr Studium ab. Davon treten 44,6 Prozent – also etwa 162 – einen Dienst als Pastor einer Gemeinde an. Gleichzeitig sind in den deutschen und schweizerischen Freikirchen und Gemeinschaftsverbänden hochgerechnet rund 285 Stellen unbesetzt. Das ergibt ein Verhältnis von 1,8 offenen Stellen pro Absolvent.
Zu diesem Ergebnis kommen Philipp Bartholomä (FTH Gießen) und Stefan Schweyer (STH Basel), nachdem sie die Daten zweier parallel laufender Studien zusammengeführt haben. Die Autoren warnen: Die Lücke dürfte sich weiter vergrößern. Die Zahl der Absolventen an theologischen Ausbildungsstätten ist über die Zeit rückläufig. Gleichzeitig stehen in den nächsten Jahren überdurchschnittlich viele Renteneintritte aus der Baby-Boomer-Generation an. Und von den 162 Absolventen, die jährlich in den Pastoraldienst eintreten, bleiben statistisch gesehen langfristig nur rund 120 im Dienst – der Rest scheidet vorzeitig aus.
„Unsere Daten sind ein Weckruf – aber kein Grund zur Resignation“, erklärt Bartholomä auf Anfrage gegenüber PRO. „Was wir brauchen, ist ein ehrliches Nachdenken darüber, wie wir zukünftig wieder mehr berufene und begabte Menschen für eine theologische Ausbildung gewinnen und so begleiten können, dass sie dann auch den Weg in den pastoralen Dienst finden. Das liegt nicht allein in der Verantwortung theologischer Ausbildungsstätten, sondern schließt eine stärkere Rolle der Ortsgemeinde bei der Nachwuchsförderung ein.“ Und natürlich sei auch zu bedenken, wie ehrenamtliche Mitarbeiter gezielter zum pastoralen Dienst in ihrer Gemeinde befähigt und eingesetzt werden können.
Was aus Theologiestudierenden wird
Die erste Teilstudie, erschienen in der Fachzeitschrift „Biblisch erneuerte Theologie“ (BeTh 2025), befragte 18 theologische Ausbildungsstätten. Ausgewertet wurden die Daten von 6.380 Studierenden aus den Jahren 2003 bis 2023. Von diesen erwarben 83,1 Prozent einen Abschluss. Die Abbruchquote lag mit 16,9 Prozent weit unter dem Vergleichswert staatlicher geisteswissenschaftlicher Studiengänge, wo fast die Hälfte abbricht.
Der eigentliche Schwund beginnt danach: Nur 44,6 Prozent der Absolventen traten nach erfolgreichem Studium einen Pastoraldienst an. Von diesen Dienstanfängern schieden rund 28 Prozent wieder aus. Im Ergebnis sind heute von allen Studienanfängern noch 26,7 Prozent im Pastoraldienst tätig.
Was die Zahlen auch zeigen: Längere Studiendauer und staatliche Akkreditierung erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Diensteinstiegs deutlich. Berufsbegleitende Studiengänge wirken positiv auf Einstieg und Verbleib. Welche Schule jemand besucht hat, erklärt jedoch kaum, ob er den Dienst langfristig durchhält. Dafür sind offenbar andere Faktoren ausschlaggebend. Beim Geschlecht fällt auf: Signifikant weniger Frauen treten in den Pastoraldienst ein. Wer es tut, bleibt aber mit ähnlich hoher Wahrscheinlichkeit wie männliche Kollegen.
Was aus Pastoren in den Verbänden wird
Die zweite Teilstudie, eingereicht beim „European Journal of Theology“(EJT), blickt aus der Perspektive von 39 Freikirchen und Gemeinschaftsverbänden auf 2.398 Dienstanfänger im selben Zeitraum. Demnach sind 75,6 Prozent der Dienstanfänger langfristig im Pastoraldienst verblieben – entweder im eigenen Verband, in einem anderen oder in einem pastoralen Funktionsamt. Das Ergebnis widerspricht somit verbreiteten Alarmerzählungen. Die jährliche Ausstiegsrate liegt bei 3,4 Prozent, vergleichbar mit der Quote vorzeitig ausscheidender Lehrkräfte in Deutschland. Von einem „Massenausstieg“ kann laut Studie keine Rede sein. „Es ist besorgniserregend, wenn aus Jahrgängen, deren Diensteinstieg mehr als 10 Jahre zurückliegt, durchschnittlich etwa 40 Prozent inzwischen nicht mehr im pastoralen Dienst tätig sind“, wertet Bartholomä den Befund.
Auffällig ist der Einfluss der Verbandsgröße: In Verbänden mit mehr als 200 Gemeinden verbleiben Pastoren signifikant häufiger im Dienst als in kleinen Verbänden – vermutlich weil größere Strukturen mehr Möglichkeiten für interne Wechsel, passgenaue Stellen und professionelle Personalbegleitung bieten.
Und doch, erklärt Bartholomä im Gespräch, müsse man aufgrund der Studienergebnisse den Finger in die Wunde legen: „Wenn wir derzeit 20 Studierende brauchen, die eine theologische Ausbildung beginnen, um am Ende fünf pastorale Stellen langfristig besetzen zu können, dann sollten sich theologische Ausbildungsstätten, Gemeindeverbände und Ortsgemeinden diesem ernüchternden Befund intensiver als bisher gemeinsam stellen.“ Dabei müsse konkret gefragt werden, wie zukünftig der Übergang in den pastoralen Dienst besser begleitet werden könne, wie sich das Risiko eines Ausstiegs aus dem pastoralen Dienst minimieren lässt, und welche Ressourcen es braucht, damit pastorale Verantwortungsträger in ihrem Dienst aufblühen und nicht verwelken.