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Streitbar und umstritten – Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann gestorben

Gerd Lüdemann verwirrte zeitlebens fromme Bibelleser. Der Gelehrte stand mit seiner Bibelkritik in einer langen Tradition. Auf die zentrale Frage, ob die Bibel Gottes Wort oder nur fromme Dichtung ist, gab er in seinen Büchern radikale Antworten.
Von epd
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Starb am 23. Mai 2021 im Alter von 74 Jahren: der Neutestamentler Gerd Lüdemann

Der frühere Theologieprofessor Gerd Lüdemann sah sich schon lange nicht mehr als Christ. In den 1990er Jahren sagte er sich in Büchern und Interviews vom christlichen Glauben los und wurde daraufhin wegen seiner kritischen Sicht auf Religion und Kirche mit einem Sonderstatus in ein neues Fach versetzt. Auch bei Fachkollegen stieß der Wissenschaftler mit seinen provozierenden Äußerungen auf Widerspruch. Wie seine Familie am Montag mitteilte, starb er am 23. Mai nach schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren.

1998 veröffentlichte Lüdemann, der an der Göttinger Fakultät für Evangelische Theologie den Lehrstuhl für Neues Testament vertrat, das Buch „Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat“. Darin versuchte er nachzuweisen, dass nur ein kleiner Teil der Jesus zugeschriebenen Worte von ihm selbst stammte. Schon das Urchristentum habe begonnen, Jesu Worte „zu verfälschen und zu übermalen“. Die Kirche habe sich „Jesus so zurechtgelegt, wie er ihren Wünschen und Interessen entsprach“ und wie er ihr im Kampf gegen Abweichler und Andersgläubige am nützlichsten zu sein schien, argumentierte der Professor.

„Du hast das zukünftige Reich Gottes verkündigt, gekommen aber ist die Kirche“, schrieb Lüdemann. „Du hast Dich getäuscht, und Deine Botschaft ist von Deinen Anhängern zu ihren eigenen Gunsten gegen die historische Wahrheit verfälscht worden. Deine Lehre war ein Irrtum, denn das messianische Reich ist ausgeblieben.“

Wegen seiner öffentlichen Abkehr vom christlichen Glauben gliederte die Universität Lüdemanns Lehrstuhl im Einvernehmen mit der evangelischen Kirche aus der Fakultät aus und wandelte ihn in einen Lehrstuhl für „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ um. Dieses Fach ist nicht konfessionsgebunden und für die Ausbildung der Nachwuchstheologen nicht verbindlich. Außerdem strich die Universität die Stelle eines für Lüdemann tätigen wissenschaftlichen Assistenten.

Anderthalb Dutzend Bücher über Auferstehungsglauben

Es folgte ein Rechtsstreit durch sämtliche Instanzen. Erst 2008 stand nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes fest: Die Umwandlung des Lehrstuhls war rechtens. Das Selbstbestimmungsrecht der Religionen sei höher zu bewerten als die Wissenschaftsfreiheit des Beschwerdeführers, erklärten die Karlsruher Richter. Das Amt des Hochschullehrers an einer theologischen Fakultät dürfe bekenntnisgebunden ausgestaltet werden.

In den seither erschienenen rund anderthalb Dutzend Büchern konzentrierte sich Lüdemann auf eine kritische Betrachtung des Auferstehungsglaubens („Das Grab war voll“) und äußerte starke Zweifel an der Echtheit vieler überlieferter Bibeltexte einschließlich der Evangelien.

Auch die biblischen Darstellungen von der Geburt Jesu bezeichnet Lüdemann als „reine Erfindungen“. Die Weihnachtsberichte seien „heilige Lügen“ und hätten mit dem wirklichen Hergang nichts zu tun. Der Stern von Bethlehem sei ein „Wunderstern“ ohne geschichtliche Realität. Jesus sei zudem nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren worden.

Mit seinen Ansichten eckte Lüdemann nicht nur in der Kirche an, auch in wissenschaftlichen Kreisen riefen sie äußerst kontroverse Reaktionen hervor. Der Neutestamentler Wolfgang Stegemann etwa hält Lüdemanns Kritik für methodisch unlauter – er messe die Texte der Urchristen mit modernen Maßstäben, die es damals gar nicht gegeben habe.

Lüdemanns Verleger Dietrich zu Klampen, bei dem der Wissenschaftler seit mehr als 20 Jahren publizierte, sagte hingegen einmal: „Es gibt sonst niemanden, der so konsequent, kompromisslos und hingebungsvoll Aufklärung betreibt.“

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6 Antworten

    1. Ja, das wünsche ich ihm. Aber ich stelle es mir schlimm vor, wenn man wie er schwerkrank auf den Tod zugeht und sich dabei so sicher ist, dass es die Auferstehung nicht gibt…

      1. Johannes Meisinger, was genau ist daran schlimm?

        Ich habe eine ganze Reihe Menschen beerdigen müssen/dürfen, die nicht an die Auferstehung glaubten. Und es war in keiner Weise schlimm für sie.
        Umgekehrt habe ich sehr gläubige Menschen kennengelernt, und es war schlimm für sie, auf den Tod zuzugehen, und ihr Glaube hat ihnen in dieser Not nicht geholfen.

        Christen sollten offen sein für andere Menschen, egal wie die glauben: Offen und ohne Vorurteile.

  1. Mein Dank gilt Herrn Lüdemann für seine Arbeit, insbesondere für sein Stehvermögen. Es gibt nur wenige Menschen, die ihren Weg so konsequent gehen. Wer mag schon beurteilen was vor über 2000 Jahren wahr war.
    Eines ist aber ziemlich sicher, dass Jesus gelebt hat und aufgrund seiner Erkenntnis “Ich und der Vater sind eins” hingerichtet wurde.
    Dieses “Vaterverständnis” hat ihm die Macht zur Befreiung von Sünde, Krankheit und Tod verliehen. Frisch auf zur Tat liebe Christen und Nichtchristen.

    1. Nicht zuletzt im Lichte psychologischer und seelsorgerlicher Erkenntnisse hat das “Vaterverständnis” eine immense Bedeutung für unser Leben. Feministische Gesellschaftstheorien und in deren Gefolge eine feministische Theologie haben das Vaterverständnis negiert.

      Allerdings kann es keine Vergebung bzw. Befreiung von Sünde, Krankheit und Tod ohne das stellvertretende Sterben des Gottessohnes geben. Und wäre Jesu Grab nicht leer gewesen gilt: “Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.” (1 Kor 15,14). Ich gebe nur den letztgenannten Vers wieder und lade dazu ein, das großartige Auferstehungs-Kapitel 15 des ersten Korintherbriefes im Zusammenhang zu lesen.

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