Vor 1.700 Jahren, im Jahre 325 n. Chr., fand das Erste Konzil von Nicäa (heute İznik, Türkei) statt. „Damals waren die theologischen Begrifflichkeiten Teil alltäglicher Diskussionen auf dem Markt oder bei Tisch“, sagt Jan Loffeld, katholischer Priester und Professor für Pastoraltheologie an der Fakultät für katholische Theologie der Universität Tilburg, im Interview mit dem Portal kath.ch.
Heute zeigten ähnliche theologische Probleme kaum jene lebensweltliche Anschaulichkeit. „Die Vorstellung von Gott oder einer transzendenten Dimension verschwimmt im Bewusstsein vieler Zeitgenossen und Zeitgenossinnen immer mehr bis dahin, dass es außerhalb jeglicher Vorstellbarkeit und Lebensführungsrelevanz liegt“, so Loffeld.
„Alles geschieht im Hier und Jetzt und wird von dort her beurteilt und gedeutet“, sagt der 50-jährige Pastoraltheologe, der Berater der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ist. Gott werde heutzutage eher diffus als „Energie“ gesehen. „Zugleich merken wir, wie Gott auch immer mehr vergessen wird. Religiöse Rede, also das Gespräch über Religion im eigentlichen Sinne, findet für die meisten nur noch sehr selten statt.“
Neu sei das Phänomen der identitären Inanspruchnahme religiöser Inhalte und deren Gebrauch für nationalistische oder andere politische Ideen. Loffeld betont: „Aber dies sollte man nicht mit einem aktiven Glauben und dem Bekenntnis dazu verwechseln.“
„Neu aufploppende Glaubensrede gut beobachten“
Er stelle neue Präsenzformen in den sozialen Netzwerken oder durch sogenannte Christfluencer fest und kommentiert: „Hier wird meistens ein sehr unterkomplexer und selektiver Glaube ‚verkauft‘. Diese Phänomene sind noch sehr neu und wir müssen abwarten, wie sie sich entwickeln.“ Die Theologie stelle sich zunehmend der Aufgabe, diese Phänomene einer „an vielen Stellen wieder neu aufploppenden Glaubensrede“ gut zu reflektieren. „Hier können die Reflexion illegitimer Inanspruchnahmen oder unterkomplexer Deutungen – etwa theologischer Begriffe oder biblischer Geschichten – zu neuen und relevanten Orten theologischer Reflexion werden“, betont Loffeld. „Es gibt bereits erste Seelsorgende, die in ihren Pfarreien mit diesem Phänomen konfrontiert sind und regelmäßig mit jungen Leuten zusammensitzen, um deren theologische Fragen, die sie aus digitalen Zusammenhängen mitbringen, zu diskutieren.“
Die Kirche und die Theologen sollten seiner Meinung nach weiter „auf vielfältige Weise an Gott erinnern“, so der Theologe. „Wir sollten in unseren (großen) Geschichten zu Hause sein und darin den Himmel offenhalten für andere.“ Für ihn sei es wichtig, wieder aufzuzeigen: „Welchen Unterschied macht es, wenn ich etwa an ein Leben nach dem Tod glaube oder von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen ausgehe?“
Für ihn zentral sei die Frage, an welchen Jesus man tatsächlich glaube. Das gelte „gerade angesichts der oben beschriebenen Kontexte“, und diese Frage sei auch beim Konzil von Nicäa zentral gewesen. Betont man die Göttlichkeit Jesu oder die Menschlichkeit Jesu? Nicäa habe klar gemacht, dass es hier nicht um ein „Entweder/oder“ gehe, „sondern um ein ‚Sowohl als auch‘“, findet Loffeld. Damit verbunden sei ein Gottesbezug, der sich sowohl in einer konkreten Mitgestaltung dieser Welt, als auch in menschlichen Beziehungen ausdrücke. „Und es meint eine Diakonie, die sich immer auch aus den Quellen des Christlichen speist, sprich vom Gottesbezug her motiviert und in der kirchlichen Soziallehre verwurzelt ist. Das eine geht nicht ohne das andere.“