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„Ron Sider war das linke Gewissen der US-Evangelikalen“

Er forderte seine evangelikalen Glaubensgeschwister zur Buße auf, weil sie aus seiner Sicht zu wenig gegen Armut taten: Ron Sider. Der Theologe Tobias Faix erinnert an den linksevangelikalen Vordenker – und seinen Einfluss in Deutschland.
Von Nicolai Franz
Ron Sider
Ron Sider plädierte dafür, dass Evangelisation und die Bekämpfung von Armut zusammengehören

PRO: Viele Menschen setzen das Wort evangelikal gerne mit konservativ gleich. Beim kürzlich verstorbenen Ron Sider war das anders. Er galt als linksevangelikal. Was heißt das eigentlich? 

Tobias Faix: Er sah sich als Teil der weltweiten evangelikalen Bewegung, legte aber einen besonderen Fokus auf Themen wie soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde, Menschenrechte und den Einsatz für marginalisierte Gruppen. Das klingt heute gar nicht so spektakulär. In den 1960er und 1970er Jahren war die Christenheit in ihrem Missionsverständnis aber stark polarisiert. Auf der einen Seite gab es die Ökumene, die unter Mission vor allem die soziale Tat verstanden hat, es wurde damals von der „Schalomisierung“ gesprochen. Und es gab die Evangelikalen, die unter Mission vor allem Evangelisation verstanden.

Also Bekehrung zu Gott. 

Genau, da war Billy Graham ganz stark, der als Megastar ganze Stadien füllte. Auf der anderen Seite gab es aber eben auch eine sehr kritische Auseinandersetzung um Mission nach der Kolonialisierungszeit: Darf man überhaupt noch evangelisieren? In dieser Frage waren die Christen sehr gespalten. Ron Sider nahm eine Zwischenposition ein. Als Evangelikaler war er für Evangelisation, verstand die soziale Aktion aber auch als gleichwertigen Teil der Mission. Mit dieser Kombination war er etwas Besonderes.

Und er hat sich so solidarisiert mit vielen Theologen aus dem globalen Süden: René Padilla aus Argentinien, David Bosch aus Südafrika, Viny Samuel aus Indien. 1973 schickten sie einen Bußaufruf in die evangelikale Welt dafür, dass die Evangelikalen das soziale Engagement und den Einsatz für Armut so vernachlässigen. Das fanden viele natürlich nicht gut. 1974 schlug gewissermaßen die Geburtsstunde der Evangelikalen mit dem Lausanner Kongress, zu dem Billy Graham eingeladen hat. Vertreter aus 150 Ländern sollten ein großes Manifest erarbeiten, die Lausanner Verpflichtung. Diese sollte manifestieren, dass weltweit alle Evangelikalen in eine Richtung gehen: Erweckung und Evangelisation.

Ron Sider gehörte auf diesem Kongress zu den Kritikern dieses Vorhabens, da das eine rein westliche Sichtweise des Evangeliums darstelle, die durch eine südliche Perspektive für soziale Gerechtigkeit ergänzt werden müsse. 500 Delegierte solidarisierten sich mit dieser Meinung, Streit war die Folge. Aber dadurch kam die Ergänzung in die Lausanner Verpflichtung, Artikel 5, dass für Evangelikale beides zusammengehören sollte: Evangelisation und soziales Engagement.

„Wir tun Buße für dieses unser Versäumnis und dafür, dass wir manchmal Evangelisation und soziale Verantwortung als sich gegenseitig ausschließend angesehen haben. Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion ist nicht Evangelisation, politische Befreiung ist nicht Heil. Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation und soziale wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören.“

Lausanner Verpflichtung (1974), Artikel 5

War es nicht auch das ursprüngliche Ziel von Lausanne, diese Strömungen zu vereinen? 

Aus westlicher Perspektive eher nicht.

Warum waren exponierte Kritiker wie Ron Sider dann eingeladen? 

Niemand in der Lausanner Bewegung war ja gegen soziales Engagement. Es ging eher um die Zuordnung der beiden Konzepte, um die Vorrangstellung des Wortes gegenüber der Tat, wie es im ersten Entwurf vorgesehen war. Es war unter anderem Ron Siders Verdienst, dass das sehr prominent durch Artikel 5 ergänzt wurde: „Wir tun Buße, (…) dass wir manchmal Evangelisation und soziale Verantwortung als sich gegenseitig ausschließend angesehen haben.“ 

Ron Sider hat auch politisch Position bezogen. Was waren seinen Kernthesen?

Berühmt geworden ist er 1977 mit dem Buch „Rich Christians in an Age of Hunger“, das 400.000 Mal verkauft worden ist. Eines seiner Kernthemen war, dass er sich immer wieder für soziale Gerechtigkeit einsetzte. Er hat schon sehr früh über die Globalisierung geschrieben und die Zusammenhänge unseres Reichtums mit dem Armut in der Welt gesehen. Dadurch hatte er weltweit viele Kontakte und war gewissermaßen ein globaler Theologe. Er kritisierte das eigene westliche markt- und kapitalismusgesteuerte Christentum und setzte sich für Christinnen und Christen in den südlichen Ländern ein, die unter struktureller Armut zu leiden hatten.

Er schrieb auch die Bücher „The Scandal of the Evangelical Conscience“ und „The Scandal of Evangelical Politics. Das klingt ja nach Empörung.

Man muss dabei den Kontext beachten. In seiner Hauptwirkungszeit in den 1970er bis 1990er Jahren war etwa jeder zweite US-Amerikaner evangelikal. Deshalb wurde Siders Stimme auch in vielen politischen Magazinen und Debatten gehört. Nach seinem Tod hat die New York Times einen mehrseitigen Nachruf verfasst – das muss man sich mal vorstellen. Es gibt nur ganz wenige Evangelikale, die eine so große Bedeutung haben.

Ron Sider war gewissermaßen das linke Gewissen der Evangelikalen in den USA. Er war gegen Atomkraft und Krieg, und hat manche politische Ziele, die den Evangelikalen heilig waren, hinterfragt. Eine Sache wird häufig unterschätzt: Dass er so viel Gehör fand, lag auch an seiner Persönlichkeit und seinem Charakter. Wenn Leute den Skandal suchen, wollen sie im Mittelpunkt stehen. Das tat Sider nicht. Er war ein eher ruhiger und besonnener Mensch mit einer intensiven Jesusfrömmigkeit. Das haben ihm selbst seine Gegner abgenommen.

Seine Kritik zielte nie auf Einzelpersonen, sondern auf Strukturen, Denkmuster und Weltbilder. Viel von dem, was wir heute unter ganzheitlichem Evangelium verstehen, geht auf Ron Sider zurück: Mit Jesus in der Mitte sich einsetzen für die Menschen in Not und die Probleme dieser Welt. 

Ron Sider war zwar gegen Abtreibung und gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, vertrat auf der anderen Seite aber politisch linke Ideale. Wo hat er sich theologisch von seinen konservativen Geschwister besonders abgehoben?

In seiner Zeit war vieles in der evangelikalen Theologie etwas Gesetztes, was durch Missionstätigkeit durch alle Welt und alle Kulturen verkündet wurde. Sider betonte, dass sich Theologie, Glaube und Spiritualität in unterschiedlichen Kontexten verändern und dass man dadurch auch zu anderen ethischen und theologischen Positionen kommen kann. Das war schon ein Skandal.

Es ging ihm um zwei Richtungen. Das eine war eine Kritik an der Genügsamkeit der westlichen Christenheit, die sehr innerkirchlich lebte: Wir sind zufrieden, wenn wir gute Predigten, Seelsorge und Lobpreis haben, und dann spenden wir noch ein bisschen was für unser geistlich soziales Gewissen, schicken ein paar Missionare los und die tun auch was Soziales. Diesen Menschen warf er vor, „halbe Christen“ zu sein, weil die andere Hälfte fehlt: Der globale Blick auf arme Länder, die wir nicht aussaugen dürfen und die uns geistlich sogar einiges voraus haben.

Er wollte, dass wir uns hier und jetzt für mehr globale und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Stattdessen haben wir im Westen einen ganz anderen Kontext, über den wir uns bewusst sein müssen. Wir beten „Unser täglich’ Brot gib uns heute“ – und dann gehen wir zum Kühlschrank und holen uns, was wir wollen. Das ist in vielen südlichen Ländern anders. Da weiß man nicht, ob man sein tägliches Brot auch bekommt, das Gebet wird zum Glaubensakt.

Siders Kritik ging mit dem Postkolonialismus einher, der sich kritisch mit westlichem Handeln beschäftigte. Er mischte dabei in der theologischen Debatte mit über Ungerechtigkeiten, von denen wir nur einseitig profitieren und die wir bekämpfen müssen. 

Galt Sider als enfant terrible oder als Paradiesvogel? Oder war er gut integriert? 

Das kommt darauf an, wen man fragt. Ich habe in den 1990ern an der Columbia International University in South Carolina studiert. Da stand Sider für viele eher am Rand des Evangelikalismus. Ganz anders bei meinen Freunden an der Westküste oder in New York, da galt Sider als das Vorbild schlechthin. 

Ist die Bezeichnung „linksevangelikal“ eigentlich richtig? 

Damals ja, heute sammeln sich Ron Siders Nachfolger wie Shane Claiborne unter dem Begriff Red Letter Christians. In Deutschland würden wir dazu vielleicht „progressiver Evangelikaler“ sagen. 

„Progressiv“ heißt „fortschrittlich. Sider hat aber doch eigentlich Werte betont, die es schon immer gab, vom Alten und Neuen Testament, in der Kirchengeschichte, gerade auch unter den pietistischen und evangelikalen Vätern, die sich sehr stark gegen Armut eingesetzt haben. Erst im 20. Jahrhundert scheint sich eine gewisse Einseitigkeit entwickelt zu haben.

Absolut. Der Pietismus kennt die starke Verbindung von Evangelisation und sozialer Aktion seit 300 Jahren. Ich glaube, deshalb war Ron Sider auch eher unter Freikirchlern in Deutschland so berühmt, während seine Thesen für den landeskirchlichen Pietismus nichts Neues und schon gar kein Skandal waren. Sider war auch ein Held der Jesus-People-Bewegung.

Tobias Faix hat erforscht, warum Jugendliche in die Kirche gehen und was sie dort suchen Foto: privat

Tobias Faix ist Professor für Praktische Theologie an der CVJM Hochschule Kassel.

Sider hat den Evangelikalen also ins Gewissen geredet. Jahrzehnte später sind die USA gespalten wie nie zuvor. Sider hat noch 2020 Evangelikale scharf kritisiert, die Trump unterstützen. Währenddessen enteilt die Christenheit im globalen Süden dem Westen in geistlicher Sicht, es gibt immer weniger Kirchenmitglieder im Deutschland. Eigentlich hat sich alles, was Sider kritisiert hat, doch sogar noch beschleunigt.

Ich würde sagen: Jein. Natürlich ist seine Kritik am westlichen Christentum immer noch so aktuell wie vor 30 Jahren. Dass sich teilweise wenig getan hat, dafür könnte man Ron Sider kritisieren. Aber besser: Wir kritisieren uns selbst und stellen fest: Wir sind ziemlich resistent gegenüber Kritik und wir lernen wenig dazu. Eine Frucht dieses Nicht-Lernens ist aus meiner Sicht auch, dass Freikirchen, Landeskirchen und die katholische Kirche sich nicht gut entwickelt in Deutschland.

Ron Sider hat die kreative Spannung aus Jesusfrömmigkeit und sozialem Engagement gehalten. Er achtete darauf, dass er nicht nur als sozialer Aktivist oder als besserwisserischer Theologe, sondern es war ihm immer wichtig, dass die Erkenntnisse des Evangeliums gelebt werden. Für mich ist er deswegen immer noch ein Vorbild. Im deutschen Evangelikalismus erleben wir, dass diese Spannung immer weniger ausgehalten wird. Die Pole gewinnen an Macht. Das ist nicht gesund.

Deshalb wäre ein Ron Sider heute so wichtig: Gesprächsfähigkeit, Integrität, nicht davonrennen, sich kritisieren lassen, das steht auch den progressiven Evangelikalen gut zu Gesicht. Und die Kritik von Ron Sider, nicht einseitig zu werden und in dieser Jesusfrömmigkeit zu leben, das ist für mich eine ständige Ermahnung für mein eigenes Christsein. 

Vielen Dank für das Gespräch.

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5 Antworten

  1. Die Herausforderungen ist doch bei sozialem Engagement immer, dass man das Evangelium nicht vergisst. Natürlich können wir Menschen auf der Erde helfen und das Leben erträglicher machen. Doch was nutzt das, wenn sie auf ewig verloren gehen, wenn die nicht durch Buße und Umkehr zum rettenden Glauben kommen.
    Oder andererseits können wir Menschen besser mit der rettenden Botschaft erreichen, wenn wir ihnen auch konkret helfen und zur Seite stehen.

    Dazu fällt mir ein. Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn!

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    1. @Nathan M.
      Weshalb besteht für Sie ein Gegensatz zwischen sozialem Handeln und dem Evangelium?
      Lesen Sie mal die Evangelien und was dort über Jesu Handeln berichtet wird! Lesen Sie die Propheten des Alten Testaments, lesen Sie die 10 Gebote!
      Jesu Evangelium war: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen/ ist mitten unter euch! Und wodurch zeichnete es sich aus? Durch sein gerechtes, heilendes Handeln, das Menschen aus der sozialen Isolation verhalf und zu einem echten, gerechten, wahrhaften Leben miteinander. Zu Liebe. Zu Versöhnung. Zu einem Leben, wie es JHWH seinem Volk in seinen 10 Geboten vorgegeben hat. Zu dem er immer wieder zur Umkehr rufen ließ durch die Propheten.

      Wie stellen Sie sich denn das Leben in der göttlichen Ewigkeit vor, wenn nicht ein Zusammensein in Gerechtigkeit, Liebe und Frieden?
      Was genau verstehen Sie denn unter Buße, wenn nicht die Umkehr zu dem Leben, das JHWH für uns wollte und uns in Jesus vorgelebt hat?
      Stellen Sie sich nur einmal vor, Menschen würden dadurch ihr Leben verändern, weil ihnen andere das vorleben, was Jesus uns gelehrt hat! Weil andere schon vor ihrem Tod bereits die Ewigkeit leben. Dann würde das passieren, was in der Offenbarung beschrieben ist: dass Gott mit seinem himmlischen Jesuralem hier einzieht und unter uns wohnt. Dann hätten wir hier das, worauf so viele Christen inmernoch sehnsüchtig als etwas “nach dem Tod” warten!

      Mit dem, was manche Evangelisieren nennen, nämlich Druck, Höllen-Angst, Drohungen & dem Abringen einer bestimmten Gebetsformel (“Lebensübergabe”) kommen wir der Ewigkeit, dem LEBEN kein Stück näher!

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    2. @Nathan – haben Sie je etwas von Sider gelesen? Haben Sie dieses Gespräch hier wirklich gelesen? Da geht es doch genau darum: dass man das eine nicht gegen das andere ausspielen kann, dass beides (!!!) zu einem verantwortlichen Glauben dazu gehört. Als junge Erwachsene habe ich mich und Gott gefragt: wie kann das nur gehen – ich sehe so viel, in dem ich mich aufgrund meines Glaubens einbringen sollte, Gott, das schaffe ich nicht. Ich bin dann irgendwann mal zum Ergebnis gekommen: ich mache das eine, Glaubensgeschwister setzen andere Schwerpunkte und kümmern sich um andere Aufgaben – so verstehe ich auch Paulus mit seinem Bild vom Leib und den einzelnen Gliedern des Leibes. Das war Befreiung für mich und gleichzeitig hat das eine Weite im Miteinander eröffnet. Heute sehe ich, dass polarisiert wird – und könnte weinen, wenn ich manche Kommentare hier in pro lese, die für mein Gefühl voll diesem Zeitgeist entsprechen und nur so vor Abgrenzung, Selbstgerechtigkeit und Hochmut strotzen.
      Und @pro und Tobias Faix: DANKE für dieses tolle Gespräch und die Würdigung von Sider. Besonders die letzte Frage und Antwort werde ich mir ausdrucken!

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  2. Ich empfehle in diesem Zusammenhang den phänomenal guten Podcast „Das Wort und das Fleisch“ von Tobias Faix und Thorsten Dietz. Hier erfährt man sachlich, hinter- und tiefgründig und zudem unterhaltsam so einiges über Entstehung, Geschichte und Wirksamkeit der evangelikalen Szene und ihrer Hauptprotagonisten in USA und Europa.

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    1. Ich schließe mich Ihrer Empfehlung vollumfänglich an.
      Nur eine kleine Ergänzung:
      Der Postcast, den Tobias Faix und Thorsten Dietz zusammen abieten, ist “Karte und Gebiet” – hier stellen sie ihren Ansatz zur Ethik vor, auch sehr spannend.
      Der Podcast “Das Wort und das Fleisch”, der sich überwiegend mit der Entwicklung des evangelikalen Christentums beschäftigt, wird von Thorsten Dietz und Martin Hünerhoff verantwortet.
      MfG

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