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„Eigentlich wäre Mick Jagger ein Verbündeter für die Kirchen“

Die Rolling Stones gelten als „Bad Boys der Rockmusik“. Eine Zeit lang wurden sie sogar als Teufelsanbeter angesehen. Sind sie antireligiöse Rattenfänger? Der Rock-Experte Volker Eichener meint das Gegenteil.
Von PRO
Rolling Stones
Die Rolling Stones Mick Jagger, Ronnie Wood, Keith Richards und Charlie Watts bei einem Konzert in London. Zu Pfingsten treten sie in München auf.

PRO: Wenn die Rolling Stones am Pfingstsonntag im Münchner Olympiastadion auftreten und am 27. Juli in Gelsenkirchen, werden sie vermutlich auch „Sympathy for the Devil“ spielen – einen Song, in dem sie offen für Verständnis für den Teufel werben. Sind die Stones doch im Pakt mit dem Teufel?

Volker Eichener: Die Rolling Stones hatten definitiv nichts mit Satanismus am Hut. Viele haben den Song als satanistisch missverstanden. Dabei ist das Teufelsmotiv ein ur-christliches Motiv, das auch die Zwiespältigkeit der menschlichen Natur symbolisiert, wo eben das Gute und das Böse miteinander vereint sind. Das bringt die Liedzeile „just as every cop is a criminal and all the sinners saints“ zum Ausdruck – „wie jeder Polizist ein Krimineller ist und alle Sünder Heilige“.

Das hört sich ja fast wie eine theologische Betrachtung an. Martin Luther sprach davon, dass jeder Christ „simul iustus et peccator sei“, gerecht und sündig zugleich.

Ja. Was zeigt: Die Kirchen haben den Song und das Auftreten der Rolling Stones missverstanden. Sie haben auch die Kultur der rebellischen Jugendbewegung missverstanden. Die Kirchen haben es verpasst, in Mick Jagger einen Verbündeten zu suchen – wobei ich allerdings glaube, dass er einen entsprechenden Vereinnahmungsversuch abgelehnt hätte. Ich glaube, er hätte sich dagegen gewehrt und hätte gesagt: Kommt, lasst mich mal machen und macht ihr euer Ding.

Warum wäre er eigentlich ein Verbündeter der Kirchen?

Dafür fallen mir mehrere Gründe ein. In vielen Songs der Stones geht es ja um Außenseitergestalten, also um Sünder. Da geht es um Sexmonster, da wird in „Jigsaw Puzzle“ ein Stadtstreicher dargestellt, aber auch die Bischofstochter als Ausgestoßene, die neidisch auf ihn ist. Da geht es um Mörder und um Kriminelle. Es geht eigentlich immer um den Kampf zwischen Gut und Böse – darum, dass der Mensch beides in sich trägt. Und: Es finden sich einige biblische Bezüge in den Songs der Stones. Wer „Sympathy for the Devil“ erwähnt, sollte auch ein anderes Lied auf derselben LP „Beggars Banquet“ kennen, die 1968 erschien: „Prodigal Son“.

Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn?

Ja. Eine Vertonung des berühmten Gleichnisses aus dem Lukas-Evangelium. Der Song ist ein Versöhnungsangebot an die Elterngeneration oder – mehr noch – ein Vorschlag, die rebellische Jugend wieder anzunehmen. Es ist schon erstaunlich, dass sich in dieser Zeit des Aufbegehrens die Rolling Stones, die sich selbst als Oberrebellen verstanden, entschieden, einen Song über die biblische Geschichte des verlorenen Sohns aufzunehmen.

Es zeigt ein überraschendes Maß an Selbstreflexion, Selbstkritik und Größe – spiegelt aber auch die Sehnsucht der Jugend nach Toleranz wider. Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn trägt ja die Botschaft in sich, dass Jesus offen ist gegenüber Sündern und auch Sünder aufnimmt. Und ich glaube, das ist eine Botschaft, die Mick Jagger auch auf diesem Album deutlich ausdrücken wollte. Das Lied hat er übrigens nicht selbst komponiert. Es stammt von Reverend Robert Wilkins, einem baptistischen Pfarrer, der auch als Musiker unterwegs war.

Volker Eichener

Volker Eichener, Jahrgang 1959, ist habilitierter Soziologe und Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule Düsseldorf. Sein aktuelles Buch zum Thema: „They Rocked the City. Rockmusik und gesellschaftlicher Umbruch“, Zweitausendeins Verlag, 2021

Waren die Rolling Stones christlich geprägt?

Nicht mehr oder weniger als die meisten Jugendlichen in dieser Zeit. Man ist zumindest an hohen Feiertagen in die Kirche gegangen. Das ist alles ganz normal gewesen. In den 1960er Jahren gehörte Religion stärker als heute einfach in den Alltag. Deshalb hatte Mick Jagger keine Probleme, religiöse Themen in seinen Songs aufzugreifen.

Wie standen andere Rockbands zum christlichen Glauben?

Es gab diejenigen, die der Kollaboration der Kirchen mit dem Bürgertum kritisch gegenüberstanden und die sogar atheistisch wurden. Zum Beispiel war das bei John Lennon ganz klar der Fall. In „Imagine“ oder in „God is a Concept“ kritisiert er die Religion und feiert den Atheismus. Aber es gab eben auch andere Rockmusiker und -musikerinnen, die ausgesprochen religiös waren. Die Band Whitesnake etwa. Auch bei Black Sabbath findet sich eine sehr interessante Auseinandersetzung mit Nietzsche.

Die Stones haben sich auch von der Bergpredigt inspirieren lassen – im Song „Salt of the Earth“.

Die Entstehungsgeschichte verweist auf den gleichnamigen Film über einen Bergarbeiterstreik in New Mexico in den 1950er Jahren. Der Titel ist also doppeldeutig: Er nimmt die Bergarbeiter in den Blick, die das Salz aus der Erde holten. Andererseits ist das Salz in der Bibel ja ein Symbol für die guten, gottgefälligen Menschen. In England war „Salz der Erde“ auch ein Synonym für die einfachen anständigen Menschen. Die feiern die Stones in diesem Song, der ja den Charakter einer Gospel-Hymne hat. Für diese Menschen solle man auch beten, heißt es in dem Song.

Mick Jagger hat 1978 in einem Interview auf die Frage, ob er an Gott glaube, geantwortet: „Natürlich glaube ich an Gott. Schon immer. Außerdem glaube ich an Gospelmusik, denn ich glaube, dass Gott in dieser Musik steckt. Das Predigen habe ich von Little Richard gelernt.“

Das verstehe ich als ein auf Jagger‘sche nüchterne Art formuliertes Glaubensbekenntnis. Es bekennt sich zur religiösen Kraft der Musik, die ja zum Beispiel auch Jimi Hendrix so gesehen und beschworen hat. Little Richard ist ja tatsächlich nach einer Gotteserfahrung als Musiker ausgestiegen und ist dann Prediger geworden. Jagger war schwer beeindruckt von der Religiosität, die er insbesondere in der Schwarzen Musik gefunden hat.

Jaggers musikalische Prägung ist die Musik der Afroamerikaner, insbesondere die Bluesmusik und der schnell gespielte Blues, der dann als Rock’n’Roll bezeichnet wurde. Die Bewunderung erstreckte sich auch auf die religiöse Kraft, die man aus der Musik ziehen konnte. Dass Musik von Gott stammt, ist ja ein Thema, das sich auch immer wieder findet in der Rockmusik.

Da gibt es ja auch den wunderschönen Song „Shine a Light“, in dem Jagger singt: „Möge der gute Gott ein Licht auf dich scheinen lassen.“ Ist das ein Segenslied?

Ja, es ist ein Segen. Jagger war Zeit seines Lebens religiös, hat auch gar keinen Hehl daraus gemacht und er hat mit seiner durchaus zurückhaltenden, aber auch sehr frechen Art sicherlich auch dazu beigetragen, dass sich die rebellische Generation nicht zur Gänze abgewandt hat vom Glauben. Wenn er religiöse Themen verarbeitet, kommt das völlig selbstverständlich, wie das bei Menschen der Fall ist, die eine natürliche Religiosität haben und sie nicht irgendwo heraushängen lassen oder beweisen müssen.

Gott gab mir alles, was ich wollte“, singt Mick Jagger in einem Solo-Song und erzählt davon, dass er Buddha suchte und Jesus fand.

Das Faszinierende ist, dass das auf einem Soloalbum kommt. Der Band wollte er derartig persönliche Glaubensbekenntnisse vielleicht nicht zumuten. Das ist interessant, er mokiert sich ein bisschen über die ostasiatische Esoteriksuche, auf die sich ja viele seiner Musikerkollegen begeben haben. Tina Turner wurde Buddhistin, und die Beatles und Mike Love und viele andere sind dann zum Maharishi gepilgert. Über die „Troubadoure“, die nach Indien reisen, hat er sich lustig gemacht.

Er selbst braucht keine esoterische Alternativreligion wie den modischen Buddhismus, den die meisten Westler sowieso nicht richtig verstehen, sondern er bleibt ganz konventionell bei Jesus. Aber sein Jesus ist eben nicht der lustfeindliche, der autoritäre Jesus, sondern sein Jesus ist einer, der lange Haare hat, der eine Zigarette raucht, der ein Hippie ist und der rebellisch ist und die Tische der Geldwechsler umwirft. Am Ende dieses Songs „Joy“ blickt Jagger in den Himmel, spürt so etwas wie Erleuchtung und bekennt: Nie habe er geglaubt, den Zustand der Gnade zu finden.

InSaint of Me“ singt Jagger: „Aus mir wirst du nie einen Heiligen machen.“

Da sieht er die Natur des Menschen auch realistisch. Was die Rockmusiker stets am meisten verachteten, das war die Heuchelei. Und da sahen sie in Jesus, der gegen das Pharisäertum opponierte, natürlich einen Verbündeten und auch so etwas wie ein Vorbild. Man wollte nicht dieses protestantische, heuchlerische, lustfeindliche Pharisäertum, aber auch nicht das Autoritäre der katholischen oder auch der anglikanischen Kirche.

Man wollte wieder zurück zum authentischen Jesus und insbesondere auch seinem Verständnis für die Außenseiter der Gesellschaft. Für die Ausgestoßenen und für diejenigen, die auch sündigten, aber eben diese kleinen Sünden begingen und nicht die große Sünde der Heuchelei, die sich unter einem Deckmantel äußerer Frömmigkeit verbirgt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Von: Uwe Birnstein

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2 Antworten

  1. Mich würde interessieren, wie intensiv Hr. Eichener den Römerbrief gelesen hat. Dort wird doch klar ausformuliert, dass der Mensch weder gerecht (oder gut) ist noch nach Gott fragt.
    Auch Jesus sagt doch klar, dass jeder der ihm nachfolgen will, sterben muss oder sein Kreuz auf sich nehmen muss.
    Somit ist das einzig gute, Gott in mir.
    Und wenn ich ihn eben nicht aufgenommen haben (Joh. 1,13) dann bin ich eben nicht gut, sondern schlecht und nur das!

    Ich würde sagen die Texte beschreiben einfach die sichtbare Realität (wie vieles in der Kunst)
    Aber sie weisen nicht auf das Problem, der Unglaube Gott gegenüber, hin.
    Und die einzige Lösung, umzukehren und Jesus sein Leben anzuvertrauen! Und danach nach seinem Maßstab zu leben!

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  2. Es ist schon ziemlich naiv anzunehmen, dass in der Nachhippyära, als neben dem Drogenkonsum in der suchenden jungen Generation (jede junge Generation ist eine Suchende) nicht auch die Musikszene Angebote aus dem gegenchristlichen Lager unterbreitet hätte.
    Die Stones war mit dem Album “Their Satanic Majesties Request” 1969 sowas wie die Eisbrecher und wurden nach dem Erscheinen sofort von meiner Liste bevorzugter Bands gestrichen – bis heute.
    Auf einem Konzert im Kölner Fussballstadion Ende der 1990er (Ich war eingeladen) bin ich bewusst aufgestanden und habe mir bei “Sympathy for the Devil” ein Bier geholt und hatte dabei die Gelegenheit in viele Gesichter zu sehen. Der Fanatismus in den Augen war erschreckend und ist mir bis heute unvergessen. Lebensphilosophische Inhalte waren jedenfalls nicht die Ursache dafür.
    Die Stones sind sich der Wirkung dieses Stücks sehr wohl noch bewusst, sonst hätten sie es schon längst von ihrer Setlist verbannt. Was sagte ein verstörter Mick Jagger damals, unmittelbar, nachdem es in Altamont zur Ermordung eines Fans kam? “Immer wenn wir dieses Stück spielen, passieren seltsame Sachen”. Ich bleibe dabei: “No Sympathy for the Stones!”

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