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Pulverisiert

Die US-Atombombe vom 9. August 1945 auf Nagasaki vernichtete zehntausende Menschen im Bruchteil einer Sekunde. Was oft unerwähnt bleibt: Nagasaki war über Jahrhunderte eines der wichtigsten christlichen Zentren des Landes – sogar in der Verfolgung.
Von Nicolai Franz

Foto: Charles Levy - U.S. National Archives and Records Administration

Vernichtung aus der Luft: Der Atompilz über Nagasaki stieg 18 Kilometer hoch.

Am frühen Morgen des 9. August 1945 hebt der US-Pilot Charles W. Sweeney mit seinem B-29-Bomber ab. Dies ist keine normale Mission während des Pazifikkriegs. Sweeney wird Geschichte schreiben – mithilfe einer furchtbaren Waffe. Die Plutoniumbombe „Fat Man“ mit einer Sprengkraft von 21 Kilotonnen TNT ist nach Hiroshima die zweite Kernwaffe, die zum Einsatz kommen soll. Ziel ist die Festungsstadt Kokura. Als Sweeney dort ankommt, sieht er vor allem dicke Rauchschwaden von den Bombardierungen der vergangenen Tage. Die Bombe soll aber auf Sicht möglichst über Rüstungsanlagen abgeworfen werden. Keine Chance. Sweeney dreht ab. Auf der Liste möglicher anderer Ziele stehen verschiedene Städte, die das amerikanische Militär ausgewählt hat. Das Flugbenzin geht zur Neige, Sweeney muss eine Entscheidung treffen. Der 25-jährige Pilot entscheidet sich für die Stadt, die mit dem Mitsubishi-Konzern einen wichtigen Rüstungsstützpunkt hat: Nagasaki.

„Nagasaki war ein wichtiger symbolträchtiger Ort“, sagt Takuma Melber, Historiker an der Universität Heidelberg. „Für die ganze Gesellschaft, aber gerade für die Christen des Landes.“ Melbers Mutter kommt aus Japan, sein Vater war bis zu seinem Ruhestand Pfarrer der Württembergischen Landeskirche. Der Forscher hat sich auf moderne japanische Geschichte spezialisiert. Und die hat bedeutende christliche Aspekte.

„Nagasaki war ein wichtiger symbolträchtiger Ort. Für die ganze Gesellschaft, aber gerade für die Christen des Landes.“

Dabei war Japan bis vor 500 Jahren noch nicht einmal auf westlichen Landkarten zu finden. „Es kursierten Berichte im Orient von einem Königreich im Osten“, sagt Melber, aber das sei sehr nebulös geblieben. 1542 oder 1543 waren es portugiesische Händler, die als erste Christen in Japan anlegten. Die Einheimischen waren neugierig: Sie kannten die Gewürze und anderen Güter nicht, die die Portugiesen mitbrachten, auch das Schiff sah anders aus als alles, was sie selbst kannten. „Das Exotische hat die Japaner gereizt“, sagt Melber. Davon hatte Franz Xaver, ein Jesuit, Wind bekommen, als er in Malakka mit einem Japaner ins Gespräch gekommen war. Er beschloss, eine Missionstour zu unternehmen.

Foto: privat
Der deutsch-japanische Historiker Dr. Takuma Melber hat sich auf die Geschichte Japans und auf das Zeitalter der Weltkriege spezialisiert. Er leitet an der Universität Heidelberg das Projekt „Digitales Tsingtauarchiv/deutsche Soldaten in japanischer Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkriegs“.

1549 gründete er die erste Gemeinde. „So richtig los ging es aber erst nach seinem Tod, als eine Handvoll jesuitischer Missionare ins Land kamen.“ Tausende Japaner ließen sich taufen. Die Missionare gingen dabei geschickt vor, suchten den Kontakt zu den Daimyō, den lokalen Fürsten, und erzählten ihnen von der christlichen Botschaft. Die gebildeten Daimyō interessierten sich darüber hinaus für westliche Medizin und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die einfache Bevölkerung schloss sich in der Regel den Fürsten an. Doch auch beim Landvolk kam das Christentum gut an, denn es war in mancher Hinsicht revolutionär. Melber: „Die japanischen Gesellschaften waren extrem hierarchisch organisiert, komplett von oben nach unten. Die christliche Botschaft hat das sehr verändert: ‚Liebe deinen Nächsten‘, das galt auch über Grenzen hinweg.“

Der christliche Glaube verbreitete sich rasend schnell, 1587 soll es bereits 250.000 bis 300.000 japanische Christen gegeben haben – keine 50 Jahre nach dem ersten echten Kontakt mit dem Westen. Doch schon bald kippte die Stimmung. Nach den portugiesischen Schiffen kamen auch britische und spanische, auch die Niederlande seien in Ostasien unterwegs, hieß es. Die japanischen Herrscher beobachteten nervös, wie der Westen ein asiatisches Land nach dem anderen kolonialisierte. General Toyotomi Hideyoshi hatte die Einigung Japans herbeigeführt, doch nun fürchtete er einen Angriff auf sein Land. 1587 erließ er das erste antichristliche Vertreibungsedikt, wobei, so Melber, es sich eher um ein antiwestliches und antikolonialistisches Edikt handelte. Am 5. Februar 1597 wurden gut zwei Dutzend Missionare gekreuzigt – in Nagasaki.

Es folgten zwei Jahrhunderte, in denen sich Japan fast vollständig von der Außenwelt abschottete. „Sakoku“ hieß dieses Programm, das für Christen Verfolgung bedeutete. Wenn die Behörden Bürger des Christentums verdächtigten, prüften sie das mit einem Test. Den vermeintlichen Christen wurde ein Bild mit Jesus oder Maria vorgelegt, auf das sie mit den Füßen treten mussten. Die Gläubigen weigerten sich. „Sie wurden dann grausam hingerichtet. Als Zeichen der Abschreckung wurden die Christen gekreuzigt, die Kreuze blieben stehen. Die Botschaft war klar: Schließt euch nicht dem Christentum an“, erklärt Melber.

Das Christentum hat überlebt

Erst 1853 läuteten die USA das Ende harter Verfolgung ein. US-Schiffe waren vor der Küste Japans aufgetaucht. Die Kanonen der „Black Ships“ unter Commodore Matthew Perry beschossen die Küste, die Amerikaner zwangen so das Land nach und nach zur Öffnung. Weitere Großmächte, auch Preußen, schlossen sich an. In der Folge kam es zur sogenannten „Meiji-Restauration“, der Modernisierung Japans von Grund auf nach westlichem Vorbild. Nun wurde das Christentum auch wieder salonfähig – und ab den 1870er Jahren nahm es deutlich an Fahrt auf, Christen bauten sogar wieder Kirchen. In all den Jahren des Sakoku, der Abschottung, hat das Christentum in Japan überlebt. „Es soll ganze christliche Dörfer gegeben haben, die es geschafft haben, ihren Glauben vor den Herrschern zu verstecken“, berichtet Melber. „Kakure Kirishitan“ heißen diese Gläubigen, „versteckte Christen“. Gerade in Nagasaki soll es regelrechte Geheimgesellschaften gegeben haben, die trotz der staatlichen Unterdrückung den Glauben an Jesus über zwei Jahrhunderte weiterlebten und weitergaben. Besonders das Urakami-Tal, Teil von Nagasaki, rühmt sich damit, kontinuierlich christlich gewesen zu sein.

1945 war Nagasaki eines der Zentren der Gläubigen des Landes. Trotzdem stand die Stadt auf der Zielliste des christlich geprägten Amerikas. US-Pilot Sweeney hat seine Entscheidung getroffen. Er steuert auf Nagasaki zu, diesmal hat er gute Sicht. Um 11.02 Uhr wirft er die mehr als viereinhalb Tonnen schwere Atombombe aus dem Bauch des Flugzeugs ab und kehrt schleunigst um. „Fat Man“ verfehlt die Mitsubishi-Fabrik um zwei Kilometer, trifft ein dicht besiedeltes Gebiet. Ein sonnenheller Blitz, ein Feuerball, dann eine riesige pilzförmige Rauchwolke.

Foto: gemeinfrei
Die Bombe zerstörte auch die Urakami-Kathedrale.

Die Kernwaffe trifft in erster Linie eine Art Senke in Nagasaki, innerhalb derer alles dem Erdboden gleichgemacht wird. Etwa 70.000 Menschen sterben bei dem Angriff, zigtausende Strahlentote folgen in den Jahren darauf. 539 Meter von Ground Zero vernichtet die Explosion die Urakami-Kathedrale, die den Namen des Wohnortes der tapferen Christen trägt, die die Verfolgung über zwei Jahrhunderte überdauerten. Am 15. August 1945 verkündet der Kaiser die Kapitulation. Am selben Tag, Mariä Himmelfahrt, treffen sich viele Gläubige da, wo die Urakami-Kathedrale vor wenigen Tagen noch stand, zur Messe. Von der Strahlenkrankheit weiß da noch kaum jemand etwas.

„Nagasaki war aus heutiger Sicht ein Kriegsverbrechen, da die japanische Zivilbevölkerung als Versuchskaninchen missbraucht wurde“, sagt Melber. Er vermutet, dass es beim Atombombenabwurf auf Nagasaki nur vordergründig darum ging, Japan zur Kapitulation zu bewegen. „Die Kapitulation war schon abzusehen. Stattdessen wollten die Amerikaner eine neue Waffentechnologie testen. Und sie wollten der Sowjetunion, die auch Ansprüche auf Japan erhob, ein klares Stoppschild zeigen – auch für die Nachkriegsordnung.“

Etwa eine Million Christen gibt es heute im Land, das sind ein Prozent der Bevölkerung. Heute steht die Urakami-Kathedrale wieder. Sie ist einer der wichtigsten Pilgerorte Japans. 

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 3/2022 von PRO – das christliche Medienmagazin. Sie können die Ausgabe hier bestellen.

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